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Interview

Business-on im Gespräch mit dem Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Wolfgang Wiegard

Meistens treten die fünf Wirtschaftweisen nur geschlossen als Gremium auf. Doch für Mittelfranken.business-on.de gab einer der fünf Weisen der deutschen Wirtschaft ein exklusives Interview: Prof. Dr. Wolfgang Wiegard sitzt seit 2001 im Sachverständigenrat der Bundesregierung und ist zudem Professor für Volkswirtschaft an der Universität Regensburg. Dort sprach der Wirtschaftsexperte mit Mittelfanken.business-on.de über die Finanzkrise, Wirtschaftswachstum und Weihnachtsgeschenke.

Mittelfranken.business-on.de: Herr Professor Dr. Wiegard, ein turbulentes Jahr 2008 geht zu Ende. Welches Resümee ziehen Sie?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Das Jahr hat aus wirtschaftlicher Sicht sehr gut angefangen: Im ersten Quartal hatten wir in Deutschland ein ungewöhnlich hohes Wachstum von 1,4 Prozent, eine enorme Steigerung gegenüber dem vierten Quartal des Vorjahres. Im zweiten Quartal ist das Wachstum jedoch erheblich eingebrochen, auf minus 0,4, im dritten Quartal sogar minus 0,5 Prozent. Ähnlich wird auch das vierte Quartal 2008 werden, in einer Größenordnung von minus 0,4 bis minus 0,5 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung hat sich im Laufe des Jahres also drastisch verschlechtert. Wir stehen vor einem ziemlich schweren wirtschaftlichen Abschwung. Wir sind eigentlich schon mittendrin.

Mittelfranken.business-on.de: Erleben wir sozusagen zurzeit wirklich die „schwerste Krise des Kapitalismus“ oder ist das eher eine „normale“, krisenhafte Erscheinung?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Es ist nicht unbedingt die schwerste Krise des Kapitalismus oder der Marktwirtschaft generell, aber eine der schwersten Krisen des Finanzsystems. Nach der Pleite von Lehmann Brothers am 15. September 2008 stand das internationale Finanzsystem - das ja Banken, Versicherungen, Finanzdienstleistern umfasst – vor einem Kollaps. Wenn das Finanzsystem zusammenbricht, hat das weitreichende Folgen für die Realwirtschaft. Denn die Finanzwirtschaft ist sozusagen das Schmiermittel für die Realwirtschaft, indem es Kredite und Geld bereitstellt. Wenn das nicht mehr der Fall ist, können keine langfristigen Konsumausgaben mehr finanziert, keine Immobilien mehr erworben werden und Unternehmen können ihre Investitionen nicht mehr fremd finanzieren. Das wäre fatal gewesen, doch dieser Kollaps des Finanzsystems ist abgewendet wurden durch gigantische Rettungspakete der Regierungen weltweit. Diese Pakete haben mittlerweile insgesamt einem Umfang von 3,2 Billionen Euro. Das ist massiv, aber damit ist es gelungen den Kollaps des Finanzsystems abzuwenden.

Folgen der Finanzkrise für deutsche Unternehmen

Mittelfranken.business-on.de: Was bedeuten diese Entwicklungen für kleinere und mittelständische Unternehmen? Kommen diese nun schwieriger an Kredite?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: In vielen Ländern kommen Unternehmen tatsächlich schwerer an Kredite: Zum Beispiel in den USA, in Großbritannien oder in Spanien ist die Kreditvergabe drastisch zurückgefahren worden. In Deutschland zeichnet sich bislang aber noch keine konkrete Kreditklemme ab. Die Bundesrepublik ist nicht direkt von der Immobilienkrise betroffen, sondern nur indirekt von der Immobilien- und Finanzkrise. Allerdings gibt es doch erste Anzeichen, das Kredite teurer werden, insbesondere für Kreditnehmer schlechterer Bonität . Es ist damit zu rechnen, dass die Kreditvergabekonditionen strenger werden und die Kosten für die Kreditaufnahme höher werden. Das beeinträchtigt natürlich die Investitionstätigkeit.

Mittelfranken.business-on.de: Was würden Sie kleinen und mittelständischen Unternehmen in der aktuellen Situation raten?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Das kommt darauf an. Viele Unternehmen verfügen noch über hohe Gewinne, die sie aus den vergangenen Jahren einbehalten haben. Daher sind sie nur gering auf Fremdkapital angewisen. Ansonsten gilt es die Eigenkapitalbasis von Unternehmen zu stärken. Mit einer höheren Eigenkapitalbasis wird auch die Kreditaufnahme leichter. Das gilt im Übrigen auch für die Banken. Zur Stabilisierung des Finanzsystems müssen insbesondere die Banken künftig über eine höhere Eigenkapitalbasis verfügen.
Der Sachverständigenrat ist allerdings keine Unternehmensberatung, wir begutachten die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Wir können daher keine Empfehlungen für einzelne Unternehmen geben. Jedes Unternehmen muss für sich selbst die Marktlage berücksichtigen, die Nachfrage- und Gewinnerwartungen einschätzen und dann entscheiden, ob sich eine Investition lohnt. Klar ist, dass gerade bei Export orientierten Unternehmen, die Nachfrage zurückgehen wird.


 


 

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