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Interview

Business-on im Gespräch mit dem Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Wolfgang Wiegard

Politiker dürfen sich von den Analysen der Wirtschaftsweisen auf den Schlips getreten fühlen

Mittelfranken.business-on.de: Was halten Sie von Aussagen des SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck, wonach die Bundesregierung die Wirtschaftsweisen nicht mehr brauche und selbst die besseren Experten habe?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Die Bundesregierung hat natürlich gute Experten als Mitarbeiter. Das liegt zum Teil auch daran, das viele unserer Stabsmitglieder vom Sachverständigenrat mittlerweile in den Ministerien arbeiten und die auch gut geschult sind.
Ansonsten nehme ich den Vorschlag von Herrn Struck, den Sachverständigenrat abzuschaffen, einigermaßen lässig. Ich würde mir eher Gedanken machen, wenn plötzlich alle Politiker anfangen würden den Rat der Wirtschaftsweisen zu loben, dann hätten wir etwas falsch gemacht. Dass sich Politiker von Analysen des Sachverständigenrates auf den Schlips getreten fühlen, das darf und das sollte durchaus so sein. Von daher hat mich die Forderung von Herrn Struck nicht weiter beschäftigt.

Mittelfranken.business-on.de: Wie stehen Sie zur Aussage, dass die Konjunkturzyklen immer kürzer werden? Der letzte Abschwung begann 2001/02 und dauerte in Deutschland bis 2005/06. Nach einer kurzen Aufschwung-Phase bekommen wir nun die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren.

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Das kann man so allgemein nicht sagen, das die Konjunkturzyklen immer kürzer werden. Es ist richtig, der letzte Abschwung datierte von 2001 bis 2005. Nach einer dreijährigen Aufschwung-Phase kommt nun der Abschwung. Wir haben schon im letzten Jahresbericht des Sachverständigenrats eine Krise des internationalen Finanzsystems angekündigt. Dass die Krise allerdings so schwer wird, hatten wir auch nicht auf der Agenda.

Von Konjunkturpaketen und Konsumgutschein-Euphorie

Mittelfranken.business-on.de: Wie bewerten Sie als Ökonom das Konjunkturpaket der Bundesregierung?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Da fällt die Bilanz durchwachsen aus: Es sind einige Elemente des Konjunkturpakets, die wir für vernünftig halten, zum Beispiel die Erhöhung von Infrastrukturinvestitionen, wie dem Ausbau von Verkehrswegen. Andere Maßnahmen bringen unserer Ansicht nach nicht allzu viel, wie beispielsweise die vorrübergehende Steuerbefreiung für Erstzulassungen von Pkws, die in der ersten Jahreshälfte 2009 gekauft werden. Das hat möglicherweise Vorzieheffekte in das erste Halbjahr, aber das fehlt dann im zweiten Halbjahr. Auf das ganze Jahr gesehen bringt diese Maßnahme also nicht allzu viel. Auch die verstärkte Abzugsfähigkeit von Handwerkerleistungen halten wir nicht für richtig. Das ist die Ausdehnung einer Subventionierung, die kaum einen konjunkturellen Effekt haben wird.
Prinzipiell sind wir aber der Meinung, dass Steuersenkungen, insbesondere wenn sie auf Investitionen wirken, wie die Senkung der Einkommenssteuer, langfristig sinnvoll sind, weil dadurch die Wachstumskräfte der deutschen Volkswirtschaft gefördert werden und gleichzeitig ein konjunktureller Stimulus ausgeübt werden kann.

Mittelfranken.business-on.de: Wären Konsumgutscheine für Verbraucher, wie sie etwa in den USA angewandt werden, sinnvoller?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Es sieht so aus, als ob sich in Deutschland eine regelrechte Konsumgutschein-Euphorie breit macht. Ich halte nichts davon. Auch die Erfahrungen, die die USA in diesem Jahr gemacht haben, sind nicht besonders gut. Die Konsumgutscheine sind teuer, aber sie haben den Konsum nur im 2. Quartal und im 3. Quartal belebt. Das heißt, solche Konsumgutscheine entfachen ein kleines Strohfeuer, haben aber keinerlei nachhaltige Wirkung in Bezug auf Konsumeffekte. Sie haben nur insofern eine nachhaltige Wirkung, als dass sie die Staatsschulden in die Höhe treiben.


 


 

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