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Interview

Business-on im Gespräch mit dem Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Wolfgang Wiegard

Verstärkte internationale Koordination nötig

Mittelfranken.business-on.de: Wie kann das internationale Finanzsystem wieder gestärkt werden?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: In der Finanzkrise geht es nicht unbedingt stärker darum die Finanzmärkte stärker zu regulieren, sondern besser zu kontrollieren. Die Finanzmärkte sind schon außerordentlich stark reguliert: Es gibt eine Banken- und eine Finanzdienstleistungsaufsicht. Die BaFin und die Deutsche Bundesbank sind die zuständigen Aufsichtsorgane in Deutschland. Aber es fehlt eine internationale Koordinierung, denn die Finanzmärkte agieren global, aber die Aufsichten sind überwiegend national. Man kann jedoch mit nationalen Aufsichten nicht international bzw. global agierende Finanzmärkte kontrollieren. Dazu müssen die nationalen Organe besser koordiniert werden. Das ist die große Aufgabe, vor der der Weltfinanzgipfel stand und die er auch wahrgenommen hat. An dieser Aufgabe wird nun gearbeitet und ich denke, dass man im Laufe des Jahres 2009 auch zu wirksamen Beschlüssen kommen wird. Nochmal: Wir brauchen eine stärkere internationale Koordination bei der Finanzaufsicht.

Mittelfranken.business-on.de: Wie stark ist die deutsche Wirtschaft von der Entwicklung in den USA oder anderen EU-Länder abhängig, wie z.B. Frankreich?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Wir sind erheblich abhängig von anderen Ländern, weil unsere Exportquote so hoch ist. Daher ist die deutsche Wirtschaft besonders stark betroffen, wenn sich also die Weltwirtschaft in einem Abschwung befindet. Doch allein die USA ist nicht das Problem: die Exporte dorthin machen nur noch acht bis neun Prozent aus. Die Exporte Deutschlands innerhalb Europas sind mit fast 50 % mittlerweile wesentlich höher als die in die Vereinigten Staaten. Daher ist die Bundesrepublik direkt von den USA weniger abhängig. Aber der indirekte Effekt, da die USA mit 25% ein Viertel der gesamten Weltproduktion ausmachen, ist nicht zu unterschätzen. Das hat dann Auswirkungen auf die Wirtschaft weltweit. Der weltwirtschaftliche Abschwung kommt dann über den Außenhandelskanal nach Deutschland. Nun geht es eben darum durch vernünftig konzipierte Programme die Binnennachfrage in Deutschland zu stärken.

Die Stärken der deutschen Wirtschaft

Mittelfranken.business-on.de: Wo sehen Sie die Stärken Deutschlands?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Deutschland ist in vielen Bereichen gut aufgestellt. Die deutschen Unternehmen haben in den vergangenen Jahren Umstrukturierungsmaßnahmen eingeleitet: Eine moderate Lohnpolitik, dadurch hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wesentlich verbessert. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Bundesrepublik in den vergangenen vier Jahren bei Waren und Gütern Exportweltmeister war. Das liegt eben daran, dass die deutschen Unternehmen auch im Zusammenspiel mit den Gewerkschaften sehr weitreichende Umstrukturierungsmaßnahmen eingeleitet haben. Das hilft ihnen jetzt, aber es hilft nicht vor der weggebrochenen Auslandsnachfrage. Allerdings ständen wir wesentlich schlechter dar, wenn die Wettbewerbsfähigkeit nicht so zugenommen hätte.

Mittelfranken.business-on.de: Was muss jetzt getan werden?
Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Jetzt muss die Konsum- und Investitionsnachfrage im Binnenmarkt gestärkt werden - möglichst nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. Eine dauerhafte Stärkung des Konsum- und Investitionsnachfrage kann man aber nur mit dauerhaften Maßnahmen erreichen. Mit einmaligen Maßnahmen lässt sich dagegen nur ein Strohfeuer erreichen. Dazu denke ich brauchen wir schon eine dauerhafte Senkung bei den direkten Steuern.

Vom Abschwung zum Aufschwung

Mittelfranken.business-on.de: Wie kann aus dem Abschwung wieder ein Aufschwung werden?
Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Es gibt auch endogene Kräfte die wieder zu einem Aufschwung führen können: Die Ölpreise sind drastisch zurückgegangen, ein Barrel Rohöl der Sorte Brent hat noch im Juli ca. 160 US-Dollar gekostet, der Preis liegt mittlerweile bei unter 50, also ein Rückgang um zwei Drittel. Das schlägt sich verzögert, natürlich auch auf die Heizöl- und die Benzinpreise nieder. Wenn Sie heute an die Tankstelle gehen, bekommen sie einen Liter Super für etwa 1,20 €. Vor ein paar Monaten mussten Sie schon mehr als 1,50 dafür zahlen. Das alleine ist ein Konjunkturprogramm, weil es Haushalte und Unternehmen erheblich stärkt. Insofern gibt es auch endogene Kräfte die die Wirtschaft stärken. Unterstützt durch kräftige finanzpolitische Impulse seitens der Bundesregierung kann man sich vorstellen, dass im zweiten Halbjahr 2009 langsam der Weg aus der Krise gefunden wird.

Mittelfranken.business-on.de: Wie sind Sie Wirtschaftsweiser geworden?
Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Das war ganz überraschend: Ich saß hier an meinem Schreibtisch als der Anruf kam. Als ich hörte, dass mich die Bundesregierung als Mitglied des Sachverständigenrats vorschlagen wolle. war ich völlig perplex, völlig überrascht. Natürlich ist das eine so große Ehre, dass man das gerne macht. Ich musste natürlich erst mit meiner Frau reden, weil das eine ziemliche zeitliche Belastung ist. Aber meine Frau hat sich auch gefreut und daher habe ich das natürlich gerne gemacht. Aber auf so etwas kann man nicht hinarbeiten. Das wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, da spielen soviele unberechenbare Faktoren mit hinein. Es kam so und es hat mich rießig gefreut. Es macht natürlich auch riesigen Spaß.

Mittelfranken.business-on.de: Kaufen Sie in diesem Jahr mehr Weihnachtsgeschenke als sonst, um die Konjunktur anzukurbeln?

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard: Ich kaufe seit Jahren eigentlich fast immer die gleichen Geschenke. Vor dem 24. Dezember wird aber noch nicht verraten, was das ist.

Mittelfranken.business-on.de: Herr Professor Dr. Wiegard, vielen Dank für das Gespräch.

(Redaktion)


 


 

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