08.06.2010  13:39 Uhr

Interview der Woche
„Ich traue mich, Abweichungen vom Trend zu formulieren“ - Interview mit Norbert Walter, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe

Mittelfranken. Der ehemalige Chef-Ökonom der Deutschen Bank Norbert Walter hat im vergangenen Jahr mit Walter & Töchter Consult seine eigene Firma gegründet und berät nun ganz privat. Den Mund lässt er sich dennoch nicht verbieten. Business on Mittelfranken traf Norbert Walter beim 2. Bayreuther Ökonomie- und Alumnikongress und sprach mit ihm über die Kontrolle der Finanzmärkte und die Zukunft des Euro.

mittelfranken. business-on.de: Die Finanzaufsicht BaFin hat ungedeckte Leerverkäufe auf Euro-Anleihen und auf Kreditausfall- versicherungen untersagt. Kritik gibt es dazu unter anderem, weil diese Maßnahme von vielen EU-Mitgliedsstaaten als deutscher Alleingang ohne Absprache mit den Partnerländern gesehen wird. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Norbert Walter: Effizienz kann nur erwartet werden, wenn wir das gemeinsam mit den relevanten Partnern machen. Allerdings halte ich Leerverkäufe für ein durchaus sinnvolles Instrument. Allerdings müssen diese mit Eigenkapital unterlegt werden und zwar in einem Maß, das sicher stellt, dass kein Dritter schlussendlich die Rechnung zahlen muss, falls etwas schief läuft.

mittelfranken.business-on.de: Ist der Euro derzeit ernsthaft in Gefahr? Wie sieht die Zukunft des Euro am wahrscheinlichsten aus?

Norbert Walter: Allein an der Kursbewegung kann ich keine Gefahr für den Euro erkennen. Der Euro hat seit seiner Einführung immer wieder deutliche Kursschwankungen erlebt, da sind wir derzeit an keiner besonders aufregenden Stelle. Ein wirklich existenzielles Problem wäre lediglich der Ausstieg eines Partners aus dem Euroraum. Das würde zu nationalistischer Politik führen.

mittelfranken.business-on.de: Ihnen wird nachgesagt, Sie seien ein Konjunkturpessimist. Wie sieht Ihre Prognose für die deutsche Wirtschaftsleistung bis zum Ende 2010 aus?

Norbert Walter: Dass mir Konjunkturpessimismus nachgesagt wird, deutet auf eine asymmetrische Wahrnehmung der Menschen hin. Sie erinnern sich nur an jene Prognosen, die nach unten abweichend waren, vergessen aber die nach oben. Ich habe im Schnitt weder zu günstig noch zu ungünstig prognostiziert. Ich traue mich aber mehr als meine Kolleginnen und Kollegen auch Abweichungen vom Trend zu formulieren. Für das Jahr 2010 sage ich, dass wir im zweiten Quartal eine Zuwachsrate des Sozialproduktes von zehn Prozent haben werden und wir damit, was diesen Wert anbelangt, die westliche Welt anführen werden.

mittelfranken.business-on.de: Was ist Ihrer Meinung nach das beste Rezept gegen die hohe Staatsverschuldung? Kommen für Sie dabei auch Steuererhöhungen in Frage?

Norbert Walter: Nein. Ich glaube, dass wir bei der derzeitigen Steuer- und Abgabenbelastung die Grenze des Erträglichen bereits überschritten haben. Zur Entlastung könnte ich mir die Einführung von bestimmten Gebühren vorstellen, zum Beispiel einer Maut oder echten Studiengebühren. Höhere Einnahmen aufgrund solcher Maßnahmen sind erwünscht – aber ohne Senkung der Staatsausgaben. Ohne eine längere Lebensarbeitszeit, die die Rentenausgaben reduziert, werden die Schulden nicht abgebaut werden können. Zudem bin ich für eine Kürzung von Subventionen.

mittelfranken.business-on.de: Herr Walter, ich bedanke mich für das Gespräch.


 

(Redaktion)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Walter & Töchter Consult



 


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