Fachbeitrag
Social Audit in Unternehmen
Mittelfranken. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Diskussion über die sozialen und ethischen Konsequenzen unternehmerischen Handelns haben sich in den letzten Jahren die Bemühungen der Unternehmen verstärkt, so genannte Social Audits durchzuführen.
Prof. Gilbert ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Unter einem Social Audit versteht man dabei die kritische Überprüfung unternehmerischer Prozesse und Strukturen hinsichtlich ihrer sozialen und ethischen Konfliktpotenziale sowie die Kontrolle der Wirksamkeit implementierter Ethikmaßnahmen, über die ich in einer der letzten Kolumnen an dieser Stelle berichtet habe. Oftmals versuchen Unternehmen dabei nicht nur ihre eigenen Prozesse zu auditieren, sondern fordern auch ihre Zulieferer auf, sich am Social Audit zu beteiligen. Das Ziel dieser Bemühungen liegt darin, auf allen Wertschöpfungsstufen sicherzustellen, dass ethische und soziale Gesichtspunkte in der Produktion eine Rolle spielen.
Vor allem Unternehmen, die Markenprodukte vertreiben und diese in Entwicklungsländern herstellen (lassen), sollten dies beachten. Bei Skandalen um soziale Missstände machen die Konsumenten regelmäßig die Markenhersteller für Versäumnisse verantwortlich, auch wenn die eigentliche Produktion zumeist von unabhängigen Zulieferern durchgeführt wird. Dies mussten Unternehmen wie beispielsweise Nike oder Toys “R“ Us bereits erfahren. Nike hatte in den 90er Jahren lange Zeit mit schlechter Presse und Boykottaktionen zu kämpfen. Die Konflikte lagen in den katastrophalen Zuständen bei indonesischen Zulieferern begründet und Nike wurde angeklagt, dort „Management by Terror“ zu betreiben. Toys “R“ Us musste 2007 Millionen von Spielzeugprodukten der Marke Mattel wieder aus den Regalen entfernen, als bekannt wurde, dass bleihaltige Farbe bei deren Produktion verwendet wurde. Im Zuge dieses Skandals, der Toys “R“ Us mindestens 30 Millionen US Dollar kostete, beging der Manager des chinesischen Lieferanten aus Hong Kong schließlich sogar Selbstmord.
Im Social Audit erfolgt nun eine kritische Selbstreflexion der unternehmerischen Bemühungen, bestimmte soziale und ethische Standards in der Praxis auch tatsächlich umzusetzen. Inhalte solcher Standards beinhalten bspw. Regelungen hinsichtlich Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung oder Arbeitszeiten. Das Ergebnis des Social Audit fließt typischerweise in eine Berichterstattung wie z.B. einen Corporate Sustainability Report ein und kann ggf. zertifiziert werden. Neben internen Social Audits, die durch eigene Mitarbeiter durchgeführt werden, nimmt in der Unternehmenspraxis die Bedeutung externer Audits beständig zu. Die Auditierung erfolgt dann durch einen externen Auditor, zumeist ein spezialisiertes Unternehmen (z.B. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften). Insbesondere externe Audits erscheinen Unternehmen zunehmend wichtiger, um die Legitimität ihrer Handlungen im Umgang mit Stakeholdern und ihre damit verbundene „License to operate“ sicherzustellen.
In der Unternehmenspraxis findet sich bislang keine allgemein anerkannte Verfahrensweise zur Durchführung von Social Audits. Die meisten Unternehmen orientieren sich dabei jedoch an ihren Erfahrungen, die sie im Rahmen der Auditierung von Umweltmanagementsystemen (ISO 14000) und Qualitätsmanagementsystemen (ISO 9000) gesammelt haben. Danach geht es in einem Social Audit zunächst um die Feststellung des Ist-Zustandes, bevor weitergehende Maßnahmen zur Implementierung von Ethik umgesetzt werden.
Entscheidende Bedeutung haben in jedem Auditprozess die Prüfkriterien, die sich im Fall von Umweltmanagementsystemen z.B. auf ISO 14.000 stützen. Im Hinblick auf Social Audits besteht in dieser Hinsicht jedoch bislang das Problem, dass einheitliche ethische bzw. soziale Prüfkriterien noch fehlen. Es gibt gleichwohl eine Reihe unterschiedlicher Initiativen, die bereits Kataloge entworfen haben, in denen „ethisch und sozial einwandfreies Verhalten“ definiert werden. Zumeist orientiert man sich an lokalen Gesetzen, den weltweit anerkannten Konventionen der International Labor Organization (www.ilo.org) oder der weltweit größten CSR-Initiative, dem UN Global Compact (www.unglobalcompact.org), um einen konsensfähigen Ausgangspunkt für ein Audit zu definieren. Dort erfolgt eine Präzisierung dessen, was die internationale Gemeinschaft unter ethisch und sozial einwandfreiem Verhalten von und in Unternehmen versteht. Bislang besteht jedoch ein abschließendes Begründungsproblem dieser Prinzipien. Insbesondere Anspruchsgruppen aus Entwicklungsländern kritisieren, dass diese sozialen Standards oftmals zu stark von westlichen Wertvorstellungen geprägt sind. Zudem gestaltet sich die Interpretation der jeweiligen ethischen Leitlinien (z.B. Kinderarbeit) im Einzelfall oftmals als schwierig. Es bietet sich für ein Social Audit deshalb an, auf die Branche bzw. das Unternehmen abgestimmte Kriterien festzulegen bzw. vorhandene Leitlinien (z.B. ILO-Leitlinien) lokal anzupassen.
Die bekanntesten Ansätze zur strukturierten Ausgestaltung eines Social Audits sind momentan die beiden Initiativen AccountAbility 1000 (AA 1000) und Social Accountability 8000 (SA 8000). Beide Konzepte wurden von Nichtregierungsorganisationen initiiert. Wie ein Social Audit funktioniert, sei anhand von SA 8000, der in der Praxis bislang am weitesten verbreiteten Initiative, kurz erläutert. Die Initiative SA 8000 (www.sa-intl.org) bezeichnet einen mehrstufigen Auditprozess, an dessen Ende nicht nur ein Report an das Management, sondern auch eine externe Zertifizierung steht. Die erfolgreiche Umsetzung und Einhaltung sozialer Standards soll im Zuge eines „Third Party Audits“ von externen und unabhängigen Zertifizierungsgesellschaften nach anerkannten, allgemein gültigen und nachvollziehbaren Regeln überwacht und bestätigt werden. Als Grundlage für das Social Audit dient der Standard SA 8000, der in Kooperation mit Vertretern von Unternehmen, United Nations, Zertifizierungsunternehmen sowie einer Vielzahl weiterer Non Governmental Organizations erarbeitet wurde. Unternehmen erhalten nach einem erfolgreichen Social Audit die Zertifizierung nach SA 8000. Mit Stand März 2009 wurden bereits 1.942 Produktionsstätten aus 65 Ländern erfolgreich nach SA 8000 zertifiziert. Die meisten Unternehmen kommen dabei aus der Textil- und Bekleidungsindustrie. Langfristig ist die Initiative darauf ausgelegt, ein weltweit gültiges Zertifizierungs- und Kontrollsystem zur Einhaltung von Sozialstandards durchzusetzen. Unternehmen, die SA 8000 befolgen, sollen nach innen und außen zeigen, dass sie ethisch unbedenklich produzieren.
In einem Social Audit nach SA 8000 verpflichten sich Unternehmen darauf, alle von ihnen kontrollier- und beeinflussbaren Bereiche sozialer Verantwortlichkeit auch tatsächlich aktiv zu handhaben. Als kontrollierbare Bereiche gelten in diesem Sinne auch die Zulieferer. Langfristig soll der Social Audit über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus Wirkung entfalten und den gesamten Wertschöpfungsprozess umfassen. Unternehmen sind zu einer Kooperation mit ihren Lieferanten aufgerufen, um SA 8000 auch dort zu implementieren. So versucht beispielsweise der Otto Versand SA 8000 bei vielen seiner über 2.000 Zulieferern umzusetzen.
Die normative Grundlage für ein Social Audit nach SA 8000 resultiert aus der Forderung, dass Unternehmen alle national und international geltenden Gesetze einhalten müssen. Außerdem sollen Unternehmen eine Reihe von spezifischen Verhaltensleitlinien befolgen, die sich aus unterschiedlichen international geltenden Kodizes ableiten. Für eine erfolgreiche Zertifizierung ist es erforderlich, dass Unternehmen die in den folgenden neun Bereichen festgelegten Anforderungen explizit in ihren Produktionsprozessen berücksichtigen.
- Kinderarbeit: Unternehmen sollen Kinderarbeit weder anwenden noch unterstützen.
- Zwangsarbeit: Unternehmen sollen Zwangsarbeit weder anwenden noch fördern.
- Gesundheit und Sicherheit: Unternehmen sollen ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld bieten und adäquate Schritte zur Verletzungs- und Unfallverhütung unternehmen.
- Gewerkschaftsfreiheit und Tarifverhandlungen: Das Unternehmen hat das Recht der Arbeitnehmer, Gewerkschaften zu gründen, ihnen beizutreten und Tarifverhandlungen zu führen, zu respektieren.
- Diskriminierung: Jede Art der Diskriminierung aufgrund von Rasse, Kaste, nationaler Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder politischer Tätigkeit ist unvereinbar mit dem Standard.
- Disziplinarstrafen: Körperliche Bestrafung, geistiger und physischer Zwang sowie verbale Beleidigungen sind unvereinbar mit SA 8000.
- Arbeitszeiten: In keinem Fall darf die reguläre Wochenarbeitszeit 48 Stunden überschreiten. Ein freier Tag je Woche ist zu gewähren. Einschließlich Überstunden darf die Wochenarbeitszeit nicht mehr als 60 Stunden betragen.
- Entlohnung: Löhne sollen den Mindestbedürfnissen der Arbeitnehmer gerecht werden und darüber hinaus einen Beitrag zur weiteren freien Verfügung enthalten.
- Managementsystem: Unternehmen sollen Managementsysteme entwickeln, welche die Umsetzung, Einhaltung und Kontrolle der SA 8000 Standards ermöglichen.
Der Social Audit und die anschließende Zertifizierung von SA 8000 erfolgen in vier Phasen, in denen verschiedene Aufgaben definiert sind:
Phase 1: In der Vorbereitungsphase wird ein Manager zum Verantwortlichen für den Zertifizierungsprozess ernannt. Das Unternehmen beginnt, sich am Standard zu orientieren und wählt eine Zertifizierungsgesellschaft aus, mit der sie zusammenarbeiten will. Um Abweichungen von SA 8000 aufzudecken, führt das Unternehmen erste Kontrollen in Form eines Self-Assessment durch.
Phase 2: In der Implementierungsphase werden erforderliche Veränderungen vorgenommen. Der Auditor überprüft die Produktionsstätte und teilt dem Unternehmen Abweichungen zu SA 8000 mit. Die Auditoren sind gehalten, sich mit lokalen Stakeholdern (z.B. Gewerkschaften, Arbeiter) zu treffen, um Probleme bei der Zertifizierung bereits vor dem ersten Audit zu antizipieren. Erste Pre-Audits werden durchgeführt. Sowohl Arbeiter als auch Manager erhalten Unterweisungen im Standard, um diesen in ihre Arbeit zu integrieren. Stellt der Auditor Abweichungen zu SA 8000 fest, haben er und das Unternehmen Maßnahmen zur Behebung der Mängel zu entwickeln. Als erstes müssen dabei sog. „Major Corrective Action Requests“ behoben werden. Bei diesen handelt es sich um lebensbedrohende oder unsichere Produktionsbedingungen (z.B. Brandschutzmängel oder gefährliche Chemikalien), denen Arbeiter ausgesetzt sind. Solange es in einem Betrieb noch Major Corrective Action Requests gibt, kann eine Zertifizierung auf keinen Fall erfolgen.
Phase 3: Scheint eine Produktionsstätte alle in SA 8000 geforderten Bedingungen zu erfüllen, findet in der Zertifizierungsphase das eigentliche Social Audit statt. Auditor, Unternehmen und betroffene Stakeholder (z.B. Gewerkschaften und Mitarbeiter) arbeiten im Audit zusammen. Der Auditor prüft, ob alle Gesetze, die ILO-Konventionen sowie die spezifischen SA 8000 Standards eingehalten werden. Ist die Zertifizierung erfolgreich, erhält die Produktionsstätte das Prüfsiegel nach SA 8000, welches für drei Jahre Gültigkeit hat. Erfüllt eine Produktionsstätte die Standards nicht, fordert der Auditor das Unternehmen auf, Maßnahmen zur Abstellung der Mängel in Gang zu setzen. Um die Validität des Audits zu erhöhen, ist der Auditor berechtigt, nach einem Audit unangemeldete Folgebesuche zu tätigen.
Phase 4: In der Überwachungsphase erfolgen ca. alle 6 bis 12 Monate sog. „Surveillance Visits“, die eine kontinuierliche Überprüfung der Einhaltung der Standards gewährleisten sollen. Weicht ein Unternehmen wieder von SA 8000 ab, dürfen Auditoren die Prüfplakette jederzeit entziehen. Die Einhaltung der Standards unterliegt außerdem einer laufenden Kontrolle durch Mitarbeiter und andere Stakeholder (z.B. Gewerkschaften, Amnesty International), die Verstöße gegen SA 8000 melden können. Das Social Audit ist insofern als offener Dialog zu begreifen, in dem alle betroffenen Stakeholder zu Wort kommen können.
Abschließend gilt es hervorzuheben, dass die verschiedenen Phasen eines Social Audit zeigen, dass Unternehmen die menschengerechte Reorganisation ihrer Produktion und die Übernahme ethischer Verantwortung als dauerhaften Prozess begreifen müssen, der nicht mit Abschluss eines Social Audit bzw. dem Erhalt eines Zertifikats enden darf. Ein Audit soll nicht nur eine Momentaufnahme sein, sondern nachhaltige Anstrengungen zur Verbesserung der Produktionsbedingungen honorieren.
(Prof. Dr. Dirk Ulrich Gilbert)
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