Sie sind hier: Startseite München Lifestyle Life & Balance
Weitere Artikel
  • 19.10.2009, 10:21 Uhr
  • |
  • München
Interview aus Washington D.C.

"An Guadn" in Washington D.C.!

Wer in Washington D.C. Sehnsucht nach Bayern hat, ist im Old Europe genau richtig. Alex Herold bringt hier a gscheite Brotzeit auf den Tisch. Was am beliebtesten ist und das Rezept seines Erfolges verrät der Amerikaner business-on.de Auslandskorrespondentin Nurcan Özdemir

Business-on.de: Was ist zur Zeit am Beliebtesten auf der Karte?

Alex Herold: Unsere Schweinshaxen und der Wurstteller, der aus Bratwurst, Weißwurst und Bauernwurst besteht. Das kennt und mag hier jeder. Bei Gerichten, die den Gästen unbekannt sind, muss man es ihnen schmackhaft machen, um es zu den eigenen Gunsten zu verkaufen.

Business-on.de: Finden vermehrt deutsche oder amerikanische Gäste den Weg in ihr Restaurant?

Alex Herold: Wir haben zwar viele deutsche Gäste von der Botschaft und Leute die beruflich in der Stadt sind, aber hauptsächlich bewirten wir amerikanische Gäste. Es sind größtenteils Leute, die für eine Zeit in Deutschland gelebt oder Urlaub gemacht haben und Erinnerungen wecken möchten.

Business-on.de: Wo kommen Sie her und was sind ihre Erfahrungen mit der Gastronomie in Deutschland?

Alex Herold: Mein Vater stammt ursprünglich aus Thüringen. Ich bin in den USA geboren und somit die erste Generation. In den Achtzigern habe ich acht Jahre in Deutschland verbracht, davon eine Zeitlang am Tegernsee, wo ich meine ersten Erfahrungen in der Gastronomie gesammelt habe. Ich besuchte dort eine Hotelberufsfachschule, wo ich ein Jahr tätig war. Daraufhin habe ich zwischen Aachen und Köln eine Kochlehre angefangen. Als ich dort fertig war, bin ich nach Wiesbaden und habe im Kurhaus für Steinberger und später im Schloss Reinhartshausen gearbeitet. 1987 habe ich dann als Kellner und Aushilfskoch in diversen Häusern in Bayern gearbeitet: Hotel Bachmair und Hotel Überfahrt, die beide am Tegernsee liegen. Außerdem im Löwenbräukeller und im Hotel Sheraton in München. Ich habe also von überall etwas gelernt.

Business-on.de: Wie ist das Restaurant entstanden?

Alex Herold: Uns gibt es seit 1948 und wir sind ein deutsches Restaurant von dreien, die sich noch auf dem Originalstandort befinden. Alle anderen haben entweder die Pacht verloren, sind ausgebrannt oder mussten aus diversen Gründen umziehen. Das „Old Europe“ wurde von der Familie Lichtenstein gegründet. Das waren Deutsch-Juden, die im Krieg flüchten mussten. Die Familie warb meinen Vater 1958, woraufhin er nach Washington kam und blieb. 1972 übernahm er dann die Wirtschaft. Allerdings bin ich bald an der Reihe, weil mein Vater in Rente gehen wird.

Business-on.de: Ihr Erfolgsrezept?

Alex Herold: Qualität und Originalität. Viele deutsche Restaurants versuchen es hier immer wieder und müssen dann wieder schließen. Die meisten sind zu kitschig und wirken dadurch unauthentisch und touristisch. Wir hier machen gutbürgerliche Küche und das ist, was die Leute kennen, wenn sie nach Deutschland gehen. Die Küche und die Qualität der Zutaten sind also das A und O. Zusätzlich ist es wichtig, deutschsprachige Kellner zu haben und untereinander auf jeden Fall deutsch zu sprechen.

Business-on.de: Spart man in Krisenzeiten am Essen?

Alex Herold: Washington ist eine ganz andere Geschichte und damit unser großes Glück. Ich höre von anderen Orten im Land, dass Restaurants pleite gehen und schwere Verluste erleiden. Da muss man Leute entlassen und an der Qualität sparen. In Washington sind wir relativ gut geschützt, weil hier die Regierung sitzt und jeder zweite direkt oder indirekt etwas mit dem Staat zu tun hat. Das heißt, die Leute werden gut bezahlt und haben auch das Geld, um auszugehen. Wobei ich sagen muss, selbst hier sieht man, dass es schon mal eine Vor- oder Nachspeise weniger ist oder Gerichte auch geteilt werden. Auch war das dritte Quartal schwach, da ging das Geschäft 20% zurück, aber das war ein klassisches Sommerloch und zur Oktoberfestzeit holt man da alles wieder rein. Im Großen und Ganzen läuft das Geschäft gut und ist stabil. Ich kann es mir nach wie vor leisten, einen Tag pro Woche, eine Woche im Winter und zwei Wochen im Sommer zu schließen.

Business-on.de: Was sind die Unterschiede in der Gastronomie zwischen Deutschland und den USA?

Alex Herold: Da gibt es sehr viele Unterschiede. Erstens gilt hier “hire and fire“, ohne Kündigungsgesetze, etc. Hier ist man einfach viel flexibler als in Europa. Zweitens, die Arbeitseinstellung. Diejenigen, die in Deutschland in der Gastronomie gelernt haben, machen den Beruf mit Leib und Seele. Hier ist das umgekehrt. In den USA wird gekellnert, um schnelles Geld zu verdienen. Drittens, die Gäste. In Europa ist der Gast viel anspruchsvoller, er ist fast ein wenig herabschauend auf das Personal. Das hört man von fast allen, die aus der Branche in Europa kommen und sich in den USA niederlassen. In Amerika gibt es keinen Klassenunterschied in der Gastronomie, wobei man das in Europa viel mehr erlebt. Service wird hier höher angerechnet, das sieht man auch am Trinkgeld. Das beträgt in der Regel 15-20%, manchmal sogar mehr. Dafür bekommt der Kellner einen relativ geringen Anfangslohn, der dem Arbeitgeber einen Spielraum schafft. Je mehr die Bedienung leistet und sich engagiert, desto mehr steigt der Stundenlohn. In unserem Betrieb bezahlen wir zum Beispiel 3 bis 5 $ die Stunde. Inklusive Trinkgeld kommen unsere Kellner dann auf bis zu 25 $ pro Stunde.

Business-on.de: Können Sie sich vorstellen ein weiteres Restaurant in Deutschland zu eröffnen?

Alex Herold: Da müssten schon andere Bedingungen herrschen für die Arbeitgeber. Gastronomie ist sowohl in Amerika, als auch in Europa der größte Arbeitgeber und in Deutschland fehlt da eine gewisse Flexibilität. Das konnte ich dort selbst beobachten und erfahren. Sozialgesetze sind momentan ja auch ein großes Thema hier. Ich denke, wenn man eine gute Mischung aus dem System hier und dem in Deutschland hätte, dann wäre das fast eine Ideallösung.

Business-on.de: Was raten Sie Deutschen, die sich in den USA in der Gastronomie selbstständig machen wollen?

Alex Herold: Den größten Wert auf die Küche legen, denn die ist das Allerwichtigste. Wenn man gutes Essen macht, dann kommen auch die Leute. Natürlich muss auch der Service und das Ambiente stimmen, aber der überragende Faktor ist die Qualität.
Allem voraus gilt aber, sich genauestens über die Visumsbestimmungen zu informieren! Viele denken, man kann einfach rüberkommen und hier ein Geschäft eröffnen. So einfach ist das aber leider nicht.

Business-on.de: Vielen Dank für das Gespräch!

(Nurcan Özdemir)


 

 

Alex Herold
Restaurant
Washington
Gastronomie
Interview
Old Europe
bayerisches Essen
Nurcan Özdemir

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Alex Herold" - jetzt Suche starten:

Entdecken Sie business-on.de: