27.11.2009  08:34 Uhr

Unzureichende Bildung
Schlechte Bildung kostet Deutschland bis 2090 2.800 Milliarden Euro

München. Deutschland verschenkt durch seine große Zahl an unzureichend gebildeten Schülern ein enormes Wachstumspotenzial.

Die Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum summieren sich innerhalb der kommenden achtzig Jahre - der Lebensspanne heute geborener Kinder - auf rund 2,8 Billionen Euro. Das ist das Ergebnis einer Studie des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die für diesen Bereich neuartige Untersuchung des Bildungsökonomen Professor Dr. Ludger Wößmann berechnet dabei die abgezinsten Erträge einer Bildungsreform, welche die Zahl der so genannten "Risikoschüler" deutlich reduziert. Auf diese Weise können erstmals langfristige volkswirtschaftliche Effekte von Bildung beziffert werden.

Zu den unzureichend gebildeten "Risikoschülern" zählen in Deutschland rund 20 Prozent aller 15-Jährigen. Gemäß den PISA-Studien können sie höchstens auf Grundschulniveau lesen und rechnen und haben deshalb beim Eintritt in die Berufstätigkeit erhebliche Probleme. Wößmann geht in seiner Studie von einer Bildungsreform aus, die den Anteil der Risikoschüler innerhalb der kommenden zehn Jahre deutlich senkt und berechnet die dadurch erzielten zusätzlichen Wachstumseffekte in den kommenden achtzig Jahren.

"Mit diesen weit in die Zukunft blickenden Betrachtungen betritt die Bertelsmann Stiftung bildungspolitisches Neuland", erläutert Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Doch genau wie in der Klimadiskussion sei ein langfristiger Betrachtungshorizont auch in der Bildung nötig: "Eine Bildungsreform braucht mehrere Jahrzehnte, bis sie in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt vollständig angekommen ist - ihre Wirkung kann deshalb auch nur langfristig beurteilt werden."

Den Berechnungen der Studie zufolge belaufen sich die Erträge einer Reform bis zum Jahr 2030 auf 69 Milliarden Euro und übersteigen so die jährlichen öffentlichen Bildungsausgaben im Elementar- und allgemeinbildenden Schulbereich. Bis zum Jahr 2074 erreicht das zusätzliche Wachstum die Summe von rund 1,75 Billionen (1.746 Milliarden) Euro und damit in etwa das Niveau unserer heutigen Staatsverschuldung. Im Jahr 2090 schließlich - dem Endpunkt der Langzeitbetrachtung - summieren sich die Erträge auf 2,8 Billionen (2.808 Milliarden) Euro. Das ist mehr als unser heutiges Bruttoinlandsprodukt (BIP) und entspricht etwa dem 28-fachen der jüngsten Konjunkturpakete. Dabei würden die Bundesländer abhängig von ihrer Bevölkerungszahl und ihrem heutigen Anteil an Risikoschülern von einer Reform sehr unterschiedlich profitieren. So könnte beispielsweise Nordrhein-Westfalen als bevölkerungsreiches Bundesland mit einem derzeit relativ hohen Anteil an Risikoschülern über 790 Milliarden Euro zusätzliches BIP bis zum Jahr 2090 erzielen.

"Die Studie macht deutlich, wie dringend das Problem der unzureichenden Bildung gelöst werden muss", unterstreicht Dräger. Die so genannten "Risikoschüler" kommen häufig aus sozial benachteiligten Familien oder haben einen Migrationshintergrund. "Bildung muss Chancengerechtigkeit schaffen", so Dräger, "nur dann sichert sie sowohl den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch unsere ökonomische Zukunftsfähigkeit. Allen politisch Verantwortlichen muss klar werden: Bildung lohnt sich - auch finanziell."

"Bildung ist eine langfristige und nachhaltige Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft", betont Dräger. Entscheidend sei, möglichst schnell mit den Reformen zu beginnen: "Jede weitere Verzögerung von wirksamen Reformen ist teuer - auch das zeigt die Studie." ifo-Bildungsexperte Prof. Dr. Ludger Wößmann: "Die Kosten von Nichtstun und wirkungslosem Aktionismus sind horrende, wenn man die langfristigen Wachstumseffekte von Bildungsinvestitionen berücksichtigt. Deshalb benötigt nachhaltige Bildungspolitik einen langfristigen Horizont, so wie er in der Klimapolitik selbstverständlich ist."


 

(Redaktion)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © pixelio.de/Dieter Schütz



 


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