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Mit spitzer Feder (7)

Casting Alarm

Das ganze Leben sei ein Quiz, wir alle nur die Kandidaten. Gesagt hat’s der Entertainer Hape Kerkeling, in einem harmlosen Liedchen, noch lange bevor er sich auf den Jakobsweg machte. Ein netter Gedanke. Spielerisch leicht und als Idee gerade mal so bedrohlich wie eine Vorabendserie im Öffentlich-Rechtlichen. Seitdem hat sich nicht nur das Unterhaltungsfernsehen verändert. In schwindelerregendem Gleichschritt hat ein neues Phänomen den Bildschirm erobert – und den Rest der Welt gleich noch dazu: Casting!

Wären es nur unsere Kinder, die leicht hypnotisiert am meist flachen Bildschirm kleben, um fasziniert zuzuschauen, wie sich freie Menschen ohne erkennbaren äußeren Zwang verbohlen lassen, wie sie sich eigens dafür ersonnenen Ausleseverfahren unterwerfen, bereit, alles zu geben, um die nächste Runde zu überstehen, wie sie sich vorführen lassen, Gefühle zeigen, Loyalitäten aufkündigen, mal Haltung verlieren, mal durchhalten, alles für das Glücksgefühl, das auf dem Unglück der Übrigen beruht – es wäre schon wunderlich genug.

Immerhin steht da eine jugendliche Klientel Schlange, die sonst eher mit notorisch gut entwickeltem Gefühl für Gerechtigkeit, Fairness und Chancengleichheit nervt. Casting – und nichts mehr davon zählt. Ganze Schulklassen träumen kollektiv von der großen Chance, sich vor einer selbst ernannten Jury nach irgendwelchen Kriterien öffentlich sortieren zu lassen. Es gibt schon einen veritablen Nachfragemarkt für Juroren.

Das Besondere: Die eigene Qualifikation der Menschen auf der anderen Seite des Tisches bleibt eher rätselhaft, ihre Legitimation beruht auf dem Andrang der Teilnehmer, die unbedingt vorsingen möchten, die Akzeptanz ihres Urteils ist die Kehrseite der Unterwerfung der Kandidaten. Nicht minder mysteriös: Dasselbe Publikum, das andernorts schon mal feinste Diskriminierungen zielsicher aufspürt und mit Empörung kritisiert, verlangt geradezu nach subjektiver Beurteilung, begründungsloser Abfertigung, rechtsschutzlosem Urteil. Daumen rauf, Daumen runter, je enigmatischer, desto höher der Unterhaltungswert.

Casting vielleicht nur für die eher schlichten unter den Teens und Twens? Weit gefehlt. Die ganze Welt castet, was das Zeug hält. Was bei den digitalen Spielen der sinnfreie nächste „Level“ ist, mit dem belohnt wird, wer sich durch den vorangegangenen erfolgreich durchgenudelt hat, ist im noch weitgehend realen Leben das Ranking. Wer aktiv teilnimmt, lässt sich ranken. Das Motiv ist noch unerforscht, das Ziel dagegen klar – ein besseres Ranking. Kundenakzeptanz, Fahrplantreue, Werkstatthäufigkeit, Einschaltquote, Verkaufsrang, Medienpräsenz, alles lässt sich ranken. Wer sich anstrengt, kommt in der nächsten Runde weiter.

Irgendjemand hat die Kriterien aufgestellt, irgendjemand vergibt die Plätze, irgendjemand verdient Geld damit, keiner weiß das so genau. Egal, dabei sein ist alles. Hochschulen lassen sich so fleißig ranken, dass man schon eine tagesaktuelle Notierung abbilden könnte. Der Vorteil: Je mehr konkurrierende Rankings publiziert werden, umso größer die Chance, wenigstens in einem ganz oben zu landen. Wer nicht genügend Forschungsergebnisse publiziert, hat ja vielleicht die längste Öffnungszeit, den größten Parkplatz oder wenigstens die beste Mensa.

Die Nachfrage ist kaum zu übersehen. Dörfer, Städte, Metropolen und ganze Regionen wollen unentwegt ihre Attraktivität, ihre Kreativität, ihre Standortgunst, ihr Innovationspotenzial und überhaupt gleich ihre „Zukunftsfähigkeit“ in Tabellenform ablesen. Experten und Institute in so großer Zahl, dass die Firmenkürzel das Alphabet erschöpfen, vergeben in Potenzialanalysen Punkte, färben Landkarten nach Chancen und Risiken ein, listen unermüdlich Pros und Cons und Stärken und Schwächen, identifizieren Entwicklungsfelder und Gestaltungsoptionen und schenken so tagein tagaus grafisch aufbereitete Freude, weil ja immer irgendwo ein erster Platz für irgendetwas vergeben werden kann.

Der Manager des Jahres lässt sich feiern, der beliebteste Politiker sonnt sich im Ergebnis der wöchentlichen Umfrage, die Stadt der Wissenschaft freut sich, ohne so recht zu wissen worüber, Preise für alles und jedes werden in mehr oder weniger langweiligen Galaveranstaltungen verliehen. Wer nicht auf wenigstens einer Shortlist für irgendwas steht, darf als Außenseiter gelten.

Ob Olympiabewerbung, Friedensnobelpreis oder Unesco -Welterbe, es macht keinen Unterschied. Wer mitspielen will, muss akzeptieren, was immer mit ihm geschieht. Wer Erfolg hat, fragt am besten nicht, warum, wer keinen hat, auch nicht. Generell gilt: Jammern ist nicht. Wer rausfliegt, hält am besten die Klappe. War ja schließlich alles freiwillig. The winner takes it all.

Nur bei genauem Hinsehen, unter der Oberfläche der tapfer lächelnden Kandidaten, da kann man sie entdecken, die Sympathie für den Verlierer. Dresden müsse damit leben, dass das Elbtal als Weltkulturerbe verloren gehe, titelte die FAZ, nachdem die Unesco die widerspenstige Stadt im Streit um eine Brücke beleidigt von der Liste gestrichen hatte. Dabei war wohl übersehen worden, dass die kulturelle Bedeutung des Elbtales als solche gar nicht am Stempelständer einer Organisation von Kulturbürokraten hängt, sondern ganz und gar autonom im Raume steht. So wie die Heidelbergs, das gleich zweimal aus dem Casting geflogen ist – und dabei so schön geblieben wie zuvor.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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