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ERFOLGSFAKTOR - DIGITAL #7

Ist das Streben nach Wachstum gut für die Menschheit?

Sascha Zöller sprach mit Simon Schoop - Inhaber und Geschäftsführer der 4-advice - Change and Innovation Consulting GmbH über eine sinnvolle Strategie im Umgang mit der Digitalisierung und ob Wachstum immer auch gut ist.

Sascha Zöller: Welche Maßnahmen wurden im Bereich Digitalisierung durchgeführt und welche Ziele wurden dabei verfolgt?

Simon Schoop: Wir haben sowohl bei Kunden als auch bei 4-advice bereits viele Dinge digitalisiert - aber nicht per Gießkanne, sondern mit Augenmaß. Nämlich dort, wo es Sinn macht und Effizienz- oder Effektivitätsgewinne bringt. Ein Beispiel ist die Einführung von Collaboration Software wie Slack oder Teams. Das hat bei uns intern das interne E-Mail Volumen um mehr als 80% reduziert und das Teilen von Wissen und Best Practices um ein vielfaches beschleunigt. Und als Early Adopter von solchen Lösungen geben wir dieses Wissen dann auch ungefiltert an unsere Kunden weiter.

Sascha Zöller: Was waren zu Beginn die größten Hürden?

Simon Schoop: Die größte Hürde für Innovationen ist immer der Change, den es bedarf um innovativer zu werden - vor allem die Frage, die sich wohl jeder stellt: "What´s in it for me?". Oft waren wir mit unseren Ideen, die wir nach dem Motto "eat your own dogfood", selbst ausprobieren, zu früh dran. Egal ob mit einem Blog zur digitalen Transformation im Jahr 2009, den damals noch keiner lesen wollte, oder mit unserem damaligen PPTMaker.de Portal im gleichen Jahr. Die damalige Idee, Beratungsleistungen Ende-zu-Ende zu digitalisieren und dadurch günstiger anbieten zu können, ist aber immer noch valide.

Sascha Zöller: Konntest Du oder Dein Unternehmen mit den Maßnahmen der Digitalisierung das gesteckte Ziel erreichen oder mussten die Maßnahmen angepasst werden?

Simon Schoop: Mal mehr, mal weniger. Heute geht es eher darum, für solche Innovationen wie das Anbieten digitaler Beratung auch Skaleneffekte realisieren zu können. Und auch wenn wir mit der jetzigen Nachfolgeplattform 4-visuals.net durchaus gute Erfolge vorzeigen und namhafte Kunden nennen können, so sind wir doch leider nach wie vor ein gutes Stück davon entfernt, online einen Großteil unserer Erlöse zu erzielen. Natürlich muss man da flexibel sein und die Ziele iterativ immer wieder anpassen.

Sascha Zöller: Konntest Du oder die 4-advice GmbH durch die Digitalisierung neue Märkte, Kunden oder sogar neue Geschäftsmodelle erschließen?

Simon Schoop: Ja, das konnten wir - sowohl im Auftrag unserer Kunden wie z.B. durch den Support unserer Kunden für Themen wie Connected Car, Smart Home oder auch einfach durch die Digitalisierung von Geschäftsprozessen vom 5-Mann Betrieb bis hin zum Konzern - als auch bei der von 4-advice betriebenen Plattform 4-visuals.net.

Von einem toten Pferd abzusteigen statt lange an einer lieb gewonnenen Idee für eine Innovation festzuhalten

Sascha Zöller: Konnte die Geschwindigkeit von Innovationen und Umsetzung erhöht werden?

Simon Schoop: Definitiv. Wir sind heute viel schneller als früher. Aber es war ein Lernprozess dort hin zu kommen und der Lernprozess, besser zu werden hört nie auf. Ein schönes Beispiel dafür ist das Lernen der Akzeptanz von Fehlern. Denn dazu gehört auch, möglichst frühzeitig von einem toten Pferd abzusteigen statt lange an einer lieb gewonnenen Idee für eine Innovation festzuhalten - und so etwas fällt einem immer schwer.

Sascha Zöller: Können die Unternehmensziele duech die Maßnehme schneller, effizienter erreicht und ggf. überschritten werden?

Simon Schoop: Absolut. Denn ich bin überzeugt davon, dass wir bspw. das Ziel ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, dadurch erreichen, dass wir anders sind und durch digitale Arbeitsprozesse gegenüber langsameren Wettbewerbern einfach hervorstechen.

Sascha Zöller: Wer ist der Treiber der Digitalisierung bei 4-advice?

Simon Schoop: Sicherlich das Streben nach Wachstum, Effizienz- und Effektivitätsgewinne. Das Streben nach Wachstum, das vom Markt leider pauschal erwartet wird, sehe ich nicht unkritisch, denn Wachstum an sich ist für mich kein Wert. Der Wert liegt in Wachstum im Sinne von mehreren Faktoren - und dazu gehört eben auch das Thema Nachhaltigkeit - "Sustainable Innovation" also.

Sascha Zöller: Wie verhält sich der Wettbewerb? Rechnest Du mit neuen Mitbewerbern?

Simon Schoop: Absolut. Digitale Beratungsangebote werden kommen. Um mit persönlicher Beratung weiterhin erfolgreich sein zu können, bedarf es der richtigen Nische und der Nutzung von digitalen Technologien und der damit verbundenen Veränderungen in Organisation und bei den Mitarbeitern.

Sascha Zöller: Hat sich in den letzten Jahren das Kundenverhalten durch die Digitalisierung geändert?

Simon Schoop: Jein. Im Endeffekt haben sich die Ziele nicht wirklich geändert. Aber Konsumverhalten hat sich eben schon geändert. Und auch die Art und Weise der Kontaktaufnahme unserer Beratungskunden sowie deren Kommunikation mit uns und den Endkunden.

Sascha Zöller: Welche strategischen Wachstumsfelder siehst Du in Bezug auf die Digitalisierung?

Simon Schoop: Digitale Beratungsangebote. Aber wie gesagt, Wachstum ist nicht alles.

Sascha Zöller: Konntest Du durch die Digitalisierung das eigene Leistungsangebot vergrößern?

Simon Schoop: Absolut. Wir sind als Unternehmensberatung inzwischen auch stark in einigen klassischen Agentur-Services vertreten, die wir durch unsere Beratungskompetenz in meinen Augen auch besser besetzen können - denn wir kombinieren starke User Experience eben mit dem für nachhaltige Geschäftsmodelle benötigten Business-Wissen.

Sascha Zöller: Welche Veränderungen mussten in der Organisation durch die eigenen Maßnahmen hinsichtlich der Digitalisierung unternommen werden?

Simon Schoop: Intern nicht allzu viel, da wir ohnehin schon lange agil arbeiten. Wir haben sicherlich die ein oder andere Softwarelösung eingeführt. Bei unseren Kunden sind die Veränderungen so vielfältig, dass das hier den Rahmen sprengen würde, das alles aufzuzählen. Das Wichtigste ist aber sicherlich, dass den Mitarbeitern eine größere Bereitschaft zur Veränderung abverlangt wird. Und das wird sich in Zukunft noch verstärken, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht...

Sascha Zöller: Werden aktuell Geschäftspartner, Kunden und Lieferanten systematisch und automatisiert in den Wertschöpfungsprozess integriert?

Simon Schoop: Ja das machen wir. Aber bei Datensilos haben wir sicherlich noch Verbesserungspotenziale - wie unsere Kunden auch. Ein banales Beispiel: Meine Kundendaten sind zwischen unserem CRM, LinkedIn und Xing leider nicht synchron...

Sascha Zöller: Wie wird der Erfolgsfaktor DIGITAL die Fortbildung und auch die Qualifikationen von Mitarbeitern beeinflussen?

Simon Schoop: Ich bin aus eigener Lerner- und Dozentenerfahrung davon überzeugt, dass die Zukunft dem hybriden Lernen gehört - also online wo möglich und offline wo nötig.

Sascha Zöller: Datengetriebene Entscheidungen sind ein Teil der Digitalisierung. Betreibt Dein Unternehmen bereits systematische Datensammlung/ Auswertung und werden diese Daten als Entscheidungsgrundlage hinzugezogen?

Simon Schoop: Natürlich machen wir das in Kundenprojekten. Für uns selbst sind wir da leider noch nicht so konsequent. Aber wir werden jeden Tag ein wenig besser.

Sascha Zöller: Sind verschiedene Systeme wie ERP, CRM, etc. bereits mit einander vernetzt oder existieren noch getrennte Silo-Datenhaltung?

Simon Schoop: Unsere Systemlandschaft ist für unserer Größe sicher komplex, in Summe jedoch kein Vergleich zu anderen Branchen oder dem eBusiness. Unsere Kundendaten sind derzeit nur teilweise integriert und synchronisiert - aber nicht durchgängig. Wir arbeiten daran.

Sascha Zöller: Wie sehen die mittelfristigen Investitionen im Bereich der Digitalisierung aus? Wird es eine Verschiebung oder eine Aufstockung sein?

Simon Schoop: Der Anteil unserer Ausgaben für Digitalisierung steigt seit 2009 kontinuierlich. Allerdings bleibt die Hauptinvestition die Investition in unsere Menschen, also unsere Mitarbeiter.

Sascha Zöller: Was war Dein Treiber die Digitalisierung in die 4-advice einzuführen?

Simon Schoop: Sowohl persönliches Interesse und mein individueller Nerd-Faktor als auch das Bestreben, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Sascha Zöller: Besteht oder bestand die Gefahr des Arbeitsplatzverlust durch die Digitalisierung? Wie bist Du und Deine Kollegen damit umgegangen?

Simon Schoop: Klar. Früher haben wir sogar mal einen IT Systemkaufmann ausgebildet. Das lohnt sich jetzt für uns nicht mehr, dank der Verlagerung von großen Teilen der Infrastruktur in die (sichere) Cloud.

Sascha Zöller: Wenn Du heute an den Erfolgsfaktor DIGITAL denkst, was hat aus Deiner Sicht die Menschen und die Welt bereits heute stark verändert, verbessert?

Simon Schoop: Einige Dinge haben sich zum Guten und einige zum Schlechten verändert - aber nicht immer nur verbessert. Die Komplexität für jeden von uns ist stark gestiegen, aber in gleichem Maße eben auch die Möglichkeiten.

Sascha Zöller: Was würdest Du heute anders machen und welchen Empfehlungen kannst Du den Lesern geben?

Simon Schoop: Wenn ich nochmal 20 wäre, würde ich sicher programmieren lernen. Aber ansonsten bin ich sehr zufrieden mit meine Skills und meinem Leben. Meine Auslandsaufenthalte waren großartig und haben mich sehr geprägt. Das kann man durch keine digitale Collaboration oder Software ersetzen - man muß es gesehen, gerochen, gefühlt und gehört haben.

Eine Frage mit der ich mich intensiv beschäftige ist die Frage, ob es gut für die Menschheit ist, immer nach Wachstum zu streben. Ich denke, das kann nicht funktionieren, denn wir nutzen heute schon fast das Doppelte der regenerativen Ressourcen unseres Planeten. Damit in engem Zusammenhang steht auch die Frage, ob unsere "Lean" Ansätze immer die richtigen sind. Im Falle von Naturkatastrophen haben wir heute viel weniger Puffer als noch vor 50 Jahren. Und aufgrund der Auswirkungen unseres wenig nachhaltigen Lebensstils muss man leider damit rechnen, dass die Naturkatastrophen massiv zunehmen werden. Das ist ein toxischer Mix. Wir müssen Wege finden, unsere Produktivität für mehr Nachhaltigkeit statt für mehr Wachstum einzusetzen und unseren Fokus ändern.

Digitalisierung ist nur so gut, wie das, was jeder Einzelne von uns aus ihr macht. Wenn wir die zusätzlichen Möglichkeiten so einsetzen, dass sie der Nachhaltigkeit unseres Lebens und Arbeitens dienen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Tun wir das nicht, so kann die durch die Digitalisierung ausgelöste Beschleunigung von allem was wir tun, noch sehr schmerzhaft werden. Deshalb sollten wir uns vom Primat der quantitativen Wachstumsorientierung verabschieden und mehr auf Qualität und Nachhaltigkeit setzen.

Simon, ich danke Dir für die ausführlichen Antworten. 

Simon Schoop:
Inhaber und Geschäftsführer der 4-advice - Change and Innovation Consulting GmbH www.4-advice.net

(Sascha Zöller)


 


 

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