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Selbständigkeit

Der Verlust des Traums bei Selbständigen und wie Sie zu einem neuen Traum finden

Menschen, die sich selbständig machen, beginnen ihre Selbständigkeit mit einem Traum. Zum Beispiel dem Traum von einem tollen Produkt, dem Traum, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, dem Traum, einem unfähigen Chef oder einer unerträglichen Arbeitslosigkeit zu entkommen, manchmal auch dem Traum vom Reichtum. Fast ebenso sicher wie Menschen ihre Selbständigkeit mit einem Traum beginnen, verschwindet dieser Traum nach zwei bis fünf Jahren oder zumindest trägt er nicht mehr.

Vordergründig gibt es dafür viele unterschiedliche Ursachen. Zum Beispiel die 80-Stunden-Woche von Selbständigen. Oder die Tatsache, dass Selbständige im Durchschnitt in den ersten 10 Jahren 35% weniger verdienen als abhängig Beschäftigte mit vergleichbarer Tätigkeit. Oder grässliche Bilanzen. Oder Auftragslöcher. Oder die falschen Mitarbeiter. Oder permanente rechtliche Auseinandersetzungen. Oder der alte Freundeskreis, der einem permanent ins Ohr flüstert, dass man sowieso scheitern wird. Oder, oder, oder…

Kürzlich sagte mir im Coaching ein Selbständiger, dass ihm der eigene Traum vorerst nicht so wichtig sei, solange nur wieder die Bilanz stimme. Aber so funktioniert es nicht! Wenn der Traum verschwindet, verschwindet die Motivation und dann verschwinden die Ergebnisse. Zurück bleibt die Angst oder Panik vor dem Untergang. Und Panik ist ein verdammt schlechter Ratgeber!

In der Erfolgsliteratur sind der Traum oder die Idee oder die Vision die Ausgangsbasis von allem. Dahinter steht die Vorstellung, dass man, wenn man sich den Traum nur stark genug vergegenwärtigt, alles dafür Notwendige tun wird, um den Traum Realität werden zu lassen. Es sei dahin gestellt, ob dies immer funktioniert. Klar ist jedoch, dass man mehr für die Erfüllung seines Traums tun wird, wenn man einen klaren (am besten schriftlich fixierten) Traum hat. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung größer.

Der Haken daran ist, dass es in jede beliebige Richtung funktioniert. Wenn Sie vom Leben einen Euro erwarten, dann bestraft Sie das Leben mit einem Euro. Wenn Sie erwarten, dass es schwer sei, Kunden zu gewinnen, dann werden Sie Mühe mit neuen Kunden haben. Und wenn Sie glauben, dass Sie nie einen Partner finden oder dass das Leben schrecklich ungerecht zu Ihnen sei, dann haben Sie vermutlich Recht. Henry Ford sagte einmal: „Egal, ob Sie glauben, Sie könnten etwas tun oder ob Sie glauben, Sie könnten etwas nicht tun, Sie haben Recht.“

Betrachten wir nochmals die oben aufgelisteten Träume, so kann man oft feststellen, dass sie nach zwei bis fünf Jahren bereits unmerklich Wirklichkeit geworden sind: Die Selbständigen, die von einem tollen Produkt träumten, haben ein tolles Produkt. Aber keine Kunden. Die Selbständigen, die Ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln wollten, sind die besten Anwälte, Programmierer oder Berater, haben aber vor lauter Arbeit keine Zeit mehr und sind deshalb unersetzbar und damit unfrei. Diejenigen, die einem unfähigen Chef oder einer unerträglichen Arbeitslosigkeit entkommen wollten, sind diesem entkommen. Aber sie haben nichts Neues.

Das bedeutet nichts anderes, als dass man sich sehr genau überlegen muss, von was man eigentlich träumt.

Der Hintergrund

Unterschiedliche Menschen träumen unterschiedliche Dinge. Der Charakter der Träume wird jedoch oftmals durch die Umgebung, die Tätigkeiten oder die eigenen Rollen beeinflusst. (Zum Charakter von Träumen finden Sie in der Erfolgsliteratur verblüffenderweise fast nichts!) Um zu verstehen, was bei Selbständigen passiert, ist es wichtig, sich die Rollen anzuschauen.

Das Rollenmodell Fachkraft – Manager – Unternehmer

Die Grundlage zum Verständnis dieser Rollen wurde von dem in Deutschland leider sehr unbekannten Unternehmensberater Michael Gerber in seinem Buch „Das Geheimnis erfolgreicher Firmen. Warum die meisten kleinen und mittleren Unternehmen nicht funktionieren und was Sie dagegen tun können“ gelegt. Gerber unterscheidet zwischen den Rollen(!) einer Fachkraft, eines Managers und eines Unternehmers. Diese Rollen gibt es in jedem Unternehmen, und allzu oft werden diese Rollen von ein und derselben Person ausgeführt.

Die Fachkraft ist der Macher. Sie reagiert auf Ereignisse, auf Dinge, die zu tun sind. Wenn etwas ansteht, macht die Fachkraft es selbst. Sie lebt in der Gegenwart, und Visionen und neue Ideen sind ihr suspekt. Feste Regeln engen die Fachkraft ein. Sie ist glücklich, wenn sie Aufgaben und Probleme lösen kann – am besten auf dem schnellsten und direktesten Weg.

Leider gibt es den Manager, der der Fachkraft Regeln vorgibt und den Unternehmer, der ihr mitten im Arbeitsprozess eine andere Aufgabe zuweist.

Der Manager ist derjenige, der Ordnung schafft. Arbeit bedeutet für ihn, Systeme zu schaffen und zu steuern, die zur optimalen Lösung von Aufgaben befähigen. Er ist glücklich, wenn seine Systeme funktionieren. Leider gibt es die Fachkraft, die immer alles anders macht und den Unternehmer, der die Systeme des Managers mit neuen Ideen aus dem Takt bringt.

Der Unternehmer ist derjenige, der neue Visionen entwickelt. Er ist der Träumer und der Motor. Er lebt in der Zukunft und hat eine besondere Weltanschauung, die Michael Gerber sehr treffend beschreibt als „eine Welt, die aus zwei Dingen besteht – einer Fülle von Gelegenheiten und sich dahinschleppenden Füßen“. Er ist glücklich, wenn er Träume verwirklichen kann – oder verwirklichen lassen kann. Leider gibt es für den Unternehmer die sich dahinschleppenden Füße der Fachkräfte und Manager.

Die Gemeinsamkeit von Manager und Unternehmer besteht vor allem darin, dass sie beide nicht im, sondern am Unternehmen arbeiten – wenn auch an jeweils unterschiedlicher Stelle.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie befinden sich in einem Dschungel. Dann benötigen Sie Leute, die mit Ihren Macheten den Weg frei räumen – die Fachkräfte. Zudem benötigen Sie Leute, die die Arbeit einteilen, so dass niemand zu sehr ermüdet, aber trotzdem alle vorwärts kommen. Diese Personen überprüfen auch, ob einzelne Fachkräfte effektiver sind und warum dies so ist. Schließlich bringen Sie den anderen die Optimierungen bei. Das sind die Manager. Und dann gibt es noch einen, der oben im Baum sitzt und herunter ruft: ‚Hört mal zu, Jungs und Mädels, wir sind im falschen Wald.’ Das ist der Unternehmer. Sie können nicht zur gleichen Zeit den Weg frei hacken, die Arbeit einteilen und auf dem Baum sitzen.

Die Tätigkeitsfelder der drei Rollen unterscheiden sich in verschiedenen Faktoren:

  • durch den Anlass, warum sie ausgeführt werden
  • durch das Ziel, das erreicht werden soll
  • durch das grundlegende Verständnis von Arbeit
  • durch die Arbeitsweise
  • durch das Ergebnis

Und sie unterscheiden sich nicht nur, sondern sie widersprechen sich geradezu, wie wir im Dschungel-Beispiel gesehen haben. Was dem einen als Arbeit erscheint, erscheint dem anderen nicht als Arbeit. Was dem einen wichtig ist, hat für den anderen keine Bedeutung. Was der eine als wertvoll erachtet, ist für den anderen lästig.

Die Träume vor dem Hintergrund des Rollenmodells

Zurück zu den Träumen. Diese drei Rollen führen auch zu unterschiedlichen Träumen. Genau genommen sind alle 3 Rollen Fachkräfte, nur für andere Inhalte. Die Fachkraft ist die Fachkraft für alle Tätigkeiten, die im Unternehmen ausgeführt werden. Der Manager ist die Fachkraft für die Strukturierung und den Betrieb des Unternehmens. Der Unternehmer ist die Fachkraft für die Schaffung und Entwicklung eines Unternehmens aus einer sinnvollen Idee. Und sinnvoll ist die Idee dann, wenn die Kunden mit der Leistung einen Nutzen verbinden.

Eine Fachkraft träumt somit davon, die Facharbeit gut auszuführen, sie ungestört auszuführen, sein Bestes zu geben. Ein Manager träumt von klaren Verfahrensabläufen, funktionierenden oder gar perfekten Systemen und der Abwesenheit von störendem Neuem. Ein Unternehmer träumt von einem Unternehmen, dessen Leistung von seinen Kunden mit einem maximalen Nutzen verbunden wird.


 


 

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Stefan Merath

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