02.06.2010  15:05 Uhr

Georg Zoche
Georg Zoche, Buchautor aus München, im Interview

München. Überall wird darüber diskutiert: Eurokrise, Griechenlandpleite, Zusammenbruch der Finanzindustrie. Georg Zoche sieht die Situation in Europa gelassen, warnt aber vor falschen Entscheidungen in der Zukunft. Der Autor des Buches „Welt Macht Geld“ analysiert die gesamtwirtschaftliche Lage aus einer ganz anderen Sicht.

business-on.de: Ihr Buch trägt den Titel „Welt Macht Geld“, was heißt das für Sie?

Georg Zoche: Das ist wirklich lustig, denn früher war ich genau derjenige, der geringschätzig auf die Leser des Wirtschaftsteils in der Zeitung herabgesehen hat. Für mich ist das Thema erst spannend geworden, als ich gemerkt habe, welche politische Relevanz in ihm steckt. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die stärkste Einflussgröße der Globalisierung eigentlich der US Dollar ist. Seit der Dollar die Leitwährung ist, dominiert er die Welt in ganz herausragender Art und Weise. Wiederaufbau, Kalter Krieg, der Flug zum Mond, Vietnamkrieg… alles wurde mit dem Dollar finanziert. Durch mein Buch wollte ich diese politische Macht des Geldes erklären. Man sagt immer: Geld regiert die Welt und meint damit die Menschen, die viel Geld haben, hätten großen Einfluss. Dabei liegt die wahre Macht des Geldes nicht in dessen Besitz, wie so oft vermutet wird. Sondern in dessen Schöpfung. Die monetäre Macht ist also bei den Banken, genauer: den Zentralbanken. Je größer die Bank, desto größer die Macht – am Ende dieser „Nahrungskette“ steht die amerikanische Zentralbank. Denn auf dem Dollar basiert der gesamte Welthandel.

business-on.de: Sie sehen die amerikanische Zentralbank also als Ursprung allen Übels?

Georg Zoche: Naja, zumindest im Zentrum der großen politischen Entwicklungen. Man sollte doch denken, wenn man das Wort Globalisierung hört, dann ist das etwas kugelrundes. Tatsächlich ist es aber leider so, dass es hier einerseits ein Zentrum gibt – die USA – und andererseits Peripherien: die rohstoffliefernden Länder der dritten Welt. Europa ist in all dem ein reicher Vorort: sicherlich hat Europa vom Dollar profitiert. Insgesamt ist die Welt aber auf einer Schieflage aufgebaut, bei der einige Nationen profitieren und andere Nationen das Nachsehen haben. Die in der dritten Welt – etwa mit dem Export von Diamanten oder anderen Bodenschätzen – verdienten Dollar fließen zu einem erheblichen Teil gleich wieder zurück in die USA, um sie in vermeintlich sicheren US-amerikanischen Finanztiteln – etwa Immobilienanleihen – anzulegen. Es werden also Bodenschätze gegen Finanztitel getauscht. Summa summarum gewinnen diese Länder dabei nur eines: jede Menge Löcher im Boden. 

business-on.de: Das ist die bittere Situation in Afrika, aber was sagen Sie zu Europa? Wie sehen Sie die Eurokrise und welche Prognose haben sie für unsere Währung?

Georg Zoche: Mich wundert zunächst einmal die Bezeichnung „Krise“. Der Euro hat momentan etwa den gleichen Kurs mit dem er vor einigen Jahren gestartet ist. Der durch das Krisengerede viel zu niedrige Wechselkurs des Euros bringt Europa in eine hervorragende Position, um aus der weltweiten Wirtschaftskrise schneller herauszukommen, als andere Regionen: denn der Export europäischer Produkte wurde schon lange nicht mehr so begünstigt wie momentan. Wenn ich eine Prognose anstellen soll, dann glaube ich, dass der Euro seinen Tiefpunkt erreicht hat und bald wieder steigen wird. Sicherlich, der Euro hat einige Konstruktionsmängel – aber die können behoben werden. Ganz anders der Dollar, der unter einem gravierenden Konstruktionsmangel leidet, der sich nicht beheben lässt und wesentliche Ursache für die jetzige Weltwirtschaftskrise ist: seine Verwendung als Welthandelswährung. Diese Sonderrolle des Dollars führt zu einer Asymmetrie des internationalen Finanzsystems, zu einer systembedingten Schieflage. Der Ökonom Robert Triffin prognostizierte daher schon in 1959, dass sich die USA aufgrund der weltweiten Nachfrage nach Dollar bei dem Rest der Welt solange verschulden werden, bis die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Dieser Fall ist 2008 eingetreten. Triffin sah jedoch nicht nur die Krise von 2008 voraus, sondern konnte beweisen, dass der gleiche Mechanismus schon 1929 wirkte, als das britische Pfund Welthandelswährung war. Die damalige Krise erreichte ihren Höhepunkt zwei Jahre nach dem Börsencrash: 1931, als das Pfund zusammenbrach. Auch wenn die Probleme des Euro nicht von der Hand zu weisen sind, so sind sie im Vergleich zu den Problemen des Dollars durchaus zu meistern. Denn Europa ist mit der Welt relativ ausgeglichen, Amerika jedoch in einem Maße verschuldet, das jedes Verhältnis längst gesprengt hat. 

BUCHEMPFEHLUNG:

business-on.de: Der Dollar ist also zum Scheitern verurteilt? 

Georg Zoche: Ich bin mir sicher, dass der Dollar langfristig keine Lösung ist. Mit dieser Meinung stehe ich aber nicht alleine: Aus den eben genannten Gründen fordert die chinesische Zentralbank die Schaffung einer globalen Reservewährung, ebenso wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und die Expertenkommission der UN. Die Frage ist wohl weniger, ob der Dollar als Welthandelswährung scheitern wird, sondern vielmehr wann der Wechsel passiert, wie brutal der Einschnitt sein wird und auf welche Währung – oder Währungen – man sich für den Welthandel einigt. Dabei sollte aber allen klar sein: Es wird immer wieder ein gefährliches Ungleichgewicht geben müssen, wenn man einzelne Nationalwährungen gegenüber allen anderen begünstigt. Ich hoffe daher sehr, dass die jetzige Situation für grundsätzliche Verbesserungen genutzt wird. Meiner Meinung nach kann nur eine supranationale, beziehungsweise globale Währung die Welt nachhaltig im Gleichgewicht halten. Damit ist aber nicht gemeint, dass Nationalwährungen abgeschafft werden sollen – es geht bei dieser Frage lediglich darum, in welcher Währung der Handel zwischen den Nationen abgerechnet werden soll. Den besten mir bekannten Vorschlag hierzu machte 1942 John Maynard Keynes: eine gütertauschbasierte Weltwährung. Ein sehr spannender Vorschlag, der aber selbst Fachleuten nur schemenhaft bekannt ist und häufig missverstanden wurde.

business-on.de: Wie geht Deutschland Ihrer Meinung nach mit der Finanzkrise um? 

Georg Zoche: Zunächst mal sollte man festhalten, dass die Situation in Deutschland und der Welt eine ganz andere ist, als in den USA: wir haben Geld verliehen, das wir nicht mehr zurückbekommen, die USA haben sich Geld geliehen, das sie nicht mehr zurückbezahlen. Was den Umgang mit der Krise betrifft: sicherlich wird man das nie fehlerfrei hinbekommen und einige Dinge haben mich schon verwundert. Die Abwrackprämie zum Beispiel, das war einfach eine ganz falsche Herangehensweise, ein kontraproduktives Strohfeuer – man schafft keinen Wohlstand durch die Verschrottung guter Autos. Besser wäre es besser gewesen, Deutschland hätte diese Autos angekauft, dann könnten sie jetzt genutzt oder in andere Länder exportiert werden. Den Politikern fehlt, so hart es klingt, häufig Kompetenz, Weitsicht oder Mut für gute Lösungen. Auch haben viel zu wenige Experten diese Krise vorhergesehen – die meisten haben sie eher gefördert. 

business-on.de: Ein Tipp für uns, die nicht an den längeren Hebeln sitzen, wie können wir noch ein größeres Ausmaß der Krise verhindern? 

Georg Zoche: Wir alle sollten versuchen, in diesen Dingen so kompetent wie möglich zu sein. Man muss verstehen was da vorgeht, man sollte Bücher lesen, sich austauschen, Gedanken machen. Wie könnten wir erwarten, dass unsere Politiker zu kompetenten und zukunftsweisenden Entscheidungen kommen, wenn wir uns selber nicht genügend um das Thema bemühen? Der erste Schritt zu einer besseren Politik ist also eine wissensdurstigere Bevölkerung – denn jeder bekommt schließlich die Regierung, die er verdient.


 

(Karolina Skrobol)

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Georg Zoche



 


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