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Gerhard Polt wird 70

Grantelnder Philosoph mit Kultstatus

"Hoagascht urban" heißt eine der genialen Episoden von Gerhard Polt. Darin suchen Polt und Gisela Schneeberger, er mit Klampfe, sie mit einem Hackbrett bewaffnet, den Sepp, mit dem sie zu einem Volksmusikabend verabredet sind. Der wohnt in Neuperlach, einer berüchtigten Münchner Trabantensiedlung.

 Leider ist die Adresse unvollständig. Das wäre auf dem Dorf kein Problem, aber in den anonymen Wohnbunkern Neuperlachs erweist sich die Suche nach dem Gastgeber als Herausforderung.

Nun beginnt "der lange Weg zur Volksmusik", eine Odyssee, die zwei Trachtenmenschen durch unwirtliche Treppenhäuser führt, vorbei an radebrechenden Ausländern, pöbelnden Jugendlichen, Obdachlosen und Junkies. In einer Tiefgarage werden Polt und Schneeberger Zeuge, wie ein Zuhälter eine Prostituierte grün und blau schlägt. Ausgerechnet diese Frau aber weiß, wo er wohnt, der Sepp. Endlich sind die beiden am Ziel: Die Tür öffnet sich, warmes Licht flutet heraus. Schnell werden die Instrumente ausgepackt und ein Lied angestimmt: "Auf der Oima, da gibt's Koima" (frei übersetzt: Auf der Alm stehen Kühe). Die Idylle ist endlich wieder perfekt.

Das harte Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne, von Stadt und Land, von Bürger und Bauer, die gesellschaftlichen Brüche im Nachkriegs-Bayern, darum kreisen viele der Satiren von Gerhard Polt, der an diesem Montag (7. Mai) 70 Jahre alt wird und im Freistaat Bayern längst Kultstatus genießt. Vergleichbar eigentlich nur mit Loriot und Karl Valentin.

Abgründe bayerischer Befindlichkeit

Polt schlüpft stets in die Rolle des Spießbürgers, der sich mit Zumutungen konfrontiert sieht, die nicht in sein Weltbild passen: Türken, Farbige, zugereiste Nicht-Bayern, Umweltschützer, Punks, Linke. Doch die schnell gefassten "Vor-Urteile" erweisen sich als brüchig. Der Türke, gegen dessen Einzug die Nachbarn im Mietshaus eifrig Unterschriften sammeln, entpuppt sich als neuer Besitzer des Gebäudes, der dunkelhäutige "Herr Tschabobo" als hochgebildeter Wissenschaftler, der beim gemeinsamen Kaffeekränzchen genötigt wird, dem Sohnemann auf der Bongo etwas vorzutrommeln. "Das haben sie im Blut, die Neger", kommentiert Polt den erzwungenen Auftritt. Solche Sätze lassen einen schon mal frösteln.

In München geboren, aber im streng katholischen und tiefschwarzen Wallfahrtsort Altöttting aufgewachsen, hatte Polt schon in seiner Jugend reichlich Gelegenheit, die Untiefen und Abgründe bayerischer Befindlichkeit zu studieren. Altötting sei "sehr günstig", wenn man Komiker werden wolle, lautet eines seiner bekannten Bonmots. Nach dem Studium in München zog es Polt jedoch erst einmal ins Ausland. Er studierte nordische Sprachen und lebte vier Jahre in Schweden, das ihm, neben Italien, zur zweiten Heimat wurde. Zunächst arbeitete Polt als Dolmetscher, Übersetzer und Lehrer, bevor er sich 1976 in München erstmals mit einem Kabarettprogramm vorstellte.

Sein größter Erfolg war der Zwölfteiler "Fast wia im richtigen Leben", der von 1979 bis 1988 im Bayerischen Fernsehen lief. Die Serie begründete die Marke Polt, die allerdings ohne Gisela Schneeberger nicht denkbar ist. Schneeberger ist für Polt das, was Liesl Karlstadt für Valentin oder Evelyn Hamann für Loriot war: nicht Stichwortgeberin, sondern kongenialer Partner. Ein Gutteil von Polts Ruhm gebührt auch dem Drehbuchautor, Regisseur und Musiker Hans Christian Müller, einem Jugendfreund Polts. Wie viel an Polt wirklich Polt ist und wie viel Müller, lässt sich im Nachhinein aber kaum noch feststellen.

Hartnäckiges Schweigen

Legendär ist Polts Auftritt in Dieter Hildebrandts Kabarettklassiker "Scheibenwischer", wo er zum Verdruss der bayerischen Staatsregierung furios über den Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals herzog. Für diesen Auftritt wurde er 1982 mit einem Grimme-Preis geehrt. Auch außerhalb Bayerns populär wurde Polt, der mit seiner Frau am Tegernsee lebt, vor allem in seinen Spielfilmen "Kehraus", "Man spricht deutsh" und "Germanicus". Zusammen mit der Biermösl-Blosn wurde er mit stets ausverkauften Programmen wie "München leuchte", "Die Exoten" und "Tschurangati" zum umjubelten Dauergast am Münchner Residenztheater und den Münchner Kammerspielen.

Die übermächtige CSU war immer eine der Hauptzielscheiben von Polt und der Biermösl Blosn. Heute schwebt er oft über den Dingen und wird zum grantelnden Philosophen, wenn er den Schweinsbraten als jenen "ontologischen Zustand" beschreibt, "wo die Sau im Zenit ihrer Erfüllung ist". Mit Preisen und Ehrungen wurde Polt geradezu überschüttet. Sein hartnäckiges, zehnminütiges Schweigen bei der Verleihung des renommierten Deutschen Kleinkunstpreises im Jahr 1980 ging in die TV-Geschichte ein. Damit rächte er sich dafür, dass ihm das ZDF kritische Bemerkungen zum damaligen CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann untersagt hatte.

Auch zu seinem 70. Geburtstag hat Polt bisher weitgehend geschwiegen - zahlreiche Interviewwünsche abgelehnt. "Das ist die Einsicht, dass ich selber persönlich ziemlich uninteressant bin", sagte er bei der Präsentation eines Buches mit Gesprächen zwischen ihm und der Fotografin Herlinde Koelbl. Außerdem gibt es eine nicht autorisierte Polt-Biografie von Gerd Holzheimer, eine neue, zehnbändige Werksausgabe, eine CD-Box mit "allen großen und bekannten Nummern" sowie eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus. Das muss genügen.

(dapd/ Georg Etscheit)


 


 

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