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Historische Computer

Historische Computer als Datenretter

Europaweit einzigartiges Projekt an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg

Mit einem europaweit einzigartigen Projekt widmet sich die Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München der Datenrettung. Auf dem Gelände der Universität richtet Informatikprofessor Uwe Borghoff derzeit eine ganz außergewöhnliche Sammlung mit Computern von den 1950er Jahren bis zur Neuzeit ein.

Die rund 2000 Geräte, unter denen zahlreiche ehemalige Supercomputer von Cray oder Silicon Graphics, aber auch "Commodore 64"-Heimgeräte und alte DDR-Rechner Marke Robotron sind, werden nicht nur ausgestellt. Sie sind - und das ist das Besondere - voll
betriebsfähig und können damit auch Jahrzehnte alte Datenträger
auslesen und die Inhalte auf moderne Speicher überspielen. "Die NASA
hat ein vergleichbares Projekt aufgelegt", sagt Borghoff im ddp-Interview. "Die hatten Probleme, die alten Daten des Apollo-Programms lesbar zu machen."

Die Schwierigkeiten bei der Nutzung alter digitaler Archive sind vielfältig. In der Staatsbibliothek in München zum Beispiel tauchten kistenweise Floppy-Disks und Disketten auf, deren Geheimnisse dort mit den eigenen modernen Computern nicht mehr entschlüsselt werden konnten. "Wer hat heute schon noch ein Diskettenlaufwerk an seinem
Rechner? Da haben wir geholfen und die Daten wieder lesbar gemacht", sagt der Informatiker.

In Großkonzernen wie Versicherungen oder Banken sei man sich des
Problems der Datenmigration, des ständigen Überspielens auf moderne Speichermedien, sehr bewusst, berichtet Borghoff. Dort werde viel Geld in diesen aufwendigen Prozess gesteckt. Doch in mittelständischen Unternehmen und manchen Behörden seien die Aspekte der Langzeitarchivierung noch kaum ein Thema. "Die vollen Datenträger werden einfach abgelegt und damit hat sich's", sagt Borghoff.

Über Jahrzehnte, bis in die 1990er hinein, wurden ein halbes Zoll große Magnetbänder eingesetzt und diese archiviert. Doch die Lesegeräte und Programme dafür wurden bei der Einführung neuer Rechnergenerationen oft verschrottet. Und auch wer glaubt, dass eine
selbst gebrannte CD mit Daten eine sichere Sache sei, dem droht
spätestens nach zehn Jahren eine böse Überraschung. Die Scheiben
zersetzen sich nämlich über die Zeit von selbst. Da sei es wesentlich
sicherer, alles auszudrucken und in Ordnern abzuheften, bekennt sich
der Computerexperte zu analogen Archiven. Allerdings sei das bei
Datenbanken, Animationen oder 3-D-Konstruktionszeichnungen etwa des "Eurofighters" gar nicht möglich.

In einem denkmalgeschützten ehemaligen Flugzeughangar auf dem
Uni-Gelände stehen deshalb nun Rechner aus verschiedensten
Jahrzehnten nebeneinander. Sie gehören dem Verein "Computer Museum München". Einer der Hauptorganisatoren, John Zabolitzky, und Borghoff haben sich vor einiger Zeit zufällig am Rande einer Veranstaltung kennengelernt und gemerkt, dass sich ihre Interessen ergänzen. Zabolitzkys Computersammlung lagerte in Kellern, Garagen und einer angemieteten Halle auf einem Bauernhof. Jetzt bekommen die digitalen Schätze in dem Hangar eine feste Heimstatt. Bis 2013 soll die Einrichtung fertig sein und dann die gesamte Historie der
softwaregesteuerten Rechner präsentieren.

Eingesammelt hat Zabolitzky die Rechner zum Beispiel bei der
Technischen Universität Berlin, bei der HypoVereinsbank in München,
beim Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching oder auch beim
Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Sie haben ihre ausgemusterten
Hochleistungscomputer kostenlos zur Verfügung gestellt und waren oft
froh, dass sich jemand um den Abtransport kümmerte. "Vielen
Informatikern sind die Geräte so ans Herz gewachsen, dass sie sie nur
ungern verschrotten würden. In der Szene sind wir bekannt. Viele kommen auf uns zu", sagt Zabolitzky, der seine Motivation als eine Art "archäologisches Interesse" beschreibt.

Der frühere Professor für theoretische Physik taxiert den Neuwert der Sammlung auf einen dreistelligen Millionenbetrag, der Schrottwert betrage vielleicht einige zehntausend Euro. "Aber der Liebhaberwert ist gar nicht abschätzbar."

Besonders stolz ist Borghoff auf einen IBM-Großrechner aus dem Jahr 1957. Das Gerät liest Lochkarten ein und stand früher bei der Firma Farbwerke Hoechst. Der Computer mit den Ausmaßen einer gewaltigen Wohnzimmerschrankwand hat noch keine Schaltkreise, sondern funktionierte mit Röhren. Der Arbeitsspeicher, allein so groß wie ein
Fernseher, hat eine Kapazität von 40 000 Zeichen (40 K) - moderne
Laptops kommen locker auf das 100 000-fache. Derzeit funktioniert das
gute Stück noch nicht. "Das ist eine Mammutaufgabe, den Rechner
wieder zum Laufen zu kriegen", sagt Borghoff. Zehn Jahre Arbeit müsste ein einzelner Experte darin investieren.

Vollständig sei die Sammlung ohnehin noch lange nicht, betont der
Informatikprofessor: "Ab 1970 haben wir alles, zum Teil sogar in
mehrfacher Ausführung. Aber auf der Wunschliste stehen zum Beispiel
noch Prototypen von Xerox." Und auch seinen erklärten "Lieblingsrechner" hätte der Professor der Bundeswehruniversität noch
gerne, einen Cray der ersten Generation. "Der sieht aus wie ein
Kachelofen, mit einer umlaufenden Sitzbank. Im Rechenzentrum
Stuttgart haben sie wohl so einen. Das wäre schön, wenn der hier bei
uns wäre."

(ddp/poh/ton)


 


 

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