Hochschulen
Hochschulleitbilder sind durch „angebotsorientiertes Einbahnstraßendenken“ geprägt
München. Die Aussagekraft der Leitbilder deutscher Hochschulen ist gering. Als Orientierung für potenzielle Studienbewerber oder mögliche Kooperationspartner taugen sie ebenso wenig wie zur Abgrenzung gegenüber Wettbewerbern.
Insgesamt haben knapp zwei Drittel aller deutschen Hochschulen ein veröffentlichtes Leitbild (65 von 110 Universitäten; 123 von 208 Fachhochschulen). Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat sie jetzt untersucht und miteinander verglichen.
„Im Wesentlichen werden in den Leitbildern Ziele und Aufgaben beschrieben, die durch das jeweilige Hochschulgesetz an anderer Stelle ohnehin festgelegt sind“, sagt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes, zu den Ergebnissen der Untersuchung. In den universitären Leitbildern finden sich besonders häufig Bekenntnisse zur Einheit von Forschung und Lehre (80 Prozent), zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (94 Prozent), zur Internationalität (85 Prozent) und zur Interdisziplinarität (82 Prozent). Fast ebenso oft folgen Abschnitte zur Kooperation mit außeruniversitärer Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft (82 Prozent). Für die Fachhochschulen ist der Befund ähnlich.
Aussagekräftige Hinweise zur inhaltlichen, formalen oder innovativen Gestaltung der Lehre lassen sich dagegen kaum finden. Zwar wird fast überall eine hohe Qualität der Lehre behauptet, Unterscheidungsmerkmale zu anderen Wettbewerbern, beispielsweise pädagogische Leitideen oder das Bemühen um den Studienerfolg bestimmter Zielgruppen sucht man dagegen vergeblich. Viele hochschulrelevante Themen und Aufgaben tauchen in den Leitbildern nur selten oder gar nicht auf. So bekennen sich nur 30 Prozent zu Maßnahmen zur Personalentwicklung oder dem Dialog mit der Öffentlichkeit, ein Viertel der Universitäten verpflichtet sich zu nachhaltigem und umweltgerechtem Handeln, familiengerechten Initiativen oder zu Dienstleistungen für die Studierenden, zum Beispiel Hilfen beim Berufseinstieg. Nur für zwei staatliche Universitäten (Humboldt-Universität Berlin und Universität Hildesheim) ist die aktive Einwerbung von Studierendenstipendien Gegenstand des Leitbildes – sicher keine gute Grundlage für das neue nationale Stipendienmodell der Bundesregierung.
Auffallende Leerstellen gibt es auch im Themenfeld Hochschule und Gesellschaft. Es findet zwar in fast allen Leitbildern Erwähnung, beschränkt sich aber in aller Regel auf Forschungsleistungen für die Region oder das gesellschaftliche Umfeld. Hinweise zum Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen, z. B. die aktive Rekrutierung von und der besondere Umgang mit nicht-traditionellen Studierenden, Migranten etc. finden sich in den universitären Leitbildern nicht, bei denen der Fachhochschulen immerhin vereinzelt (8 Prozent).
„Hochschulen formulieren typischerweise einseitig, was sie anzubieten haben. Ihnen fehlt aber sichtbar das Gespür dafür, sich den Anliegen gegenüber verpflichtet zu fühlen, die von außen an sie heran getragen werden. Das ist angebotsorientiertes Einbahnstraßendenken“, sagt Meyer-Guckel. „Liest man ein Leitbild, kennt man alle.“ In ihrer weitgehenden Einheitlichkeit seien die Leitbilder Manifestationen innerhochschulischer Konsensprozesse und Dokumente der mangelnden Differenzierung des deutschen Hochschulwesens, so Meyer-Guckel. Dabei wäre eine horizontale Differenzierung der Hochschullandschaft geboten. „Langfristig werden die Konkurrenz um Studienbewerber und der Wettbewerb um immer knappere staatliche Ressourcen jede Hochschule zur Schaffung eines individuellen Profils treiben“, meint Meyer-Guckel.
(Stifterverband)
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