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Insolvenz

Wenn gar nichts mehr geht – wie funktioniert ein Insolvenzplanverfahren?

Im Zuge der Berichterstattung über Karstadt und Opel war in jüngster Vergangenheit die Rede davon, dass eine gezielte Insolvenz die einzige Lösung zur Rettung sei. Nun hat sich auch die IHK München und Oberbayern eines noch viel zu wenig beachteten Themas angenommen und möchte mit einem Forderungskatalog an die Justiz das Insolvenzplanverfahren aus seinem Mauerblümchen-Dasein herausholen.

Eine Erhebung der Wirtschaftsauskunftei „Creditreform“ brachte es ans Licht: Lediglich zwei Prozent aller deutschen insolvenzbedrohten Unternehmer beschreiten derzeit den Weg des Insolvenzplanverfahrens. „Bedauerlich“, findet Dr. Beate Ortlepp. Sie ist Geschäftsführerin der IHK für München und Oberbayern sowie Leiterin der Rechtsabteilung. Damit verzichteten die Firmenchefs auf eine zweite Chance, vor allem wenn ein Unternehmen unverschuldet an den Rand der Insolvenz gebracht wurde. Das sehen auch einige Anwälte so, wie Reinhard Willemsen, Partner der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH in München: „Es lohnt sich immer, über ein Insolvenzplanverfahren nachzudenken. So könnten definitiv mehr Unternehmen gerettet werden.“

Wahl zwischen Pest und Cholera

Insolvenz bedeutet oft die Wahl zwischen Pest und Cholera.
In der gesetzlichen Praxis gibt es für Unternehmen in der Insolvenz drei Alternativen: Sie werden entweder liquidiert, das Vermögen wird verwertet oder sie werden als Ganzes oder in Teilen in einer sogenannten übertragenden Sanierung verkauft und auf einen neuen Rechtsträger übertragen. Oder aber sie behalten ihren Rechtsträger und werden saniert. In letzterem Falle kommt das Insolvenzplanverfahren ins Spiel. Ähnlich wie in einem Businessplan werden hier die Maßnahmen festgelegt, mit denen das Unternehmen unter Nutzung der spezifischen Sonderrechte aus der Insolvenzordnung die Wende schaffen kann.

Gesellschaftlichem Stigma geht Unwissenheit voraus

Sich helfen zu lassen ist scheinbar für die meisten Unternehmer viel schwieriger als man denken mag. So wird Insolvenz immer als „Schrecken ohne Ende“ gesehen, bis das „Ende ohne Schrecken“ nicht mehr abzuwenden ist. Die Rechtsanwälte Dr. Robert Hänel und Dr. Christoph Herbst, Experten der auf Insolvenzrecht spezialisierten Münchener Sozietät Anchor erklären anschaulich warum das so ist: „Entscheidend ist wohl der generelle gesellschaftliche Umgang mit der Insolvenz. In die Insolvenz zu gehen, ist in Deutschland bereits seit dem Mittelalter mit einer extremen Stigmatisierung verbunden.“ 

Aber auch Kämpfer haben es nicht immer leicht. „Viele Rechtsanwälte, Berater und auch das Gerichtspersonal scheinen mit dem Instrument auch zehn Jahre nach Inkrafttreten der neuen Insolvenzordnung immer noch nicht ausreichend vertraut. Oft scheitert es auch an mangelnden betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, die nötig sind, um einen Insolvenzplan zu beurteilen“, so die Beobachtung von Beate Ortlepp. 

Aufklären und Störfaktoren ausräumen

Derzeit bestimmt allein der Richter den Insolvenzverwalter. Willemsen: „Die Gläubiger bei der Auswahl mehr einzubinden, schafft hingegen eine bessere Basis für die anschließenden in der Regel sehr schwierigen Verhandlungen.“ Und die können bei der Insolvenzplanoption unter Umständen noch zäher sein, schließlich erfordert eine Sanierung doch per se komplexe Abwägungen. „Natürlich müssen alle Beteiligten zu ihrem individuellen Recht kommen, aber auch der Plan muss eine faire Chance haben und darf nicht in letzter Minute noch gekippt werden können“, erläutert Reinhard Willemsen. 

Gesellschafter mehr in die Verantwortung nehmen

Knackpunkt sind aber auch die Gesellschafter. Die Fortführung des Unternehmens im Rahmen eines Insolvenzplanverfahrens bedarf ihrer Zustimmung, ebenso wie beispielsweise die unter Umständen sehr sanierungsförderliche Umwandlung von Gläubigerforderungen in Eigenkapital (Debt-to-Equity-Swap). Ansonsten sind sie aber nicht am Planverfahren beteiligt. Das dürfte ebenfalls ein Gegenargument für einige Gesellschafter sein, denn an einem Strang ziehen bedeutet in jedem Fall auch Kompromisse erarbeiten und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Den Bock zum Gärtner machen – ja bitte!

Erwähnenswert ist der Ruf nach mehr Eigenverwaltung seitens der IHK. Hier drängt sich der Gedanke auf, dass der Bock zum Gärtner gemacht wird, wenn anstelle des Insolvenzverwalters der Firmenchef selbst das Unternehmen durch die Insolvenzphase managt. Dafür kommt dann ein Sachverständiger ins Haus, was Sinn macht, "schließlich kennt der Unternehmer seine Kunden, den Markt und die Strukturen viel besser als ein x-beliebiger Insolvenzverwalter", so Ortlepp.
Bei großen Unternehmen läuft das in der Regel schon, bei kleinen und mittleren Firmen kommt das hingegen so gut wie nie vor. Dabei sollte laut IHK die Eigenverwaltung eine Standardoption sein, die nur mit besonderer Begründung abgelehnt werden dürfe. Beate Ortlepp sieht hier auch den psychologischen Effekt: „Wenn die Unternehmer das Ruder selbst in der Hand behalten, stellen sie sich der Insolvenz aktiver und rechtzeitiger.“

Schutzschirm ja oder nein?

Spätestens seit der Griechenland-Pleite spaltet ein Begriff die Gesellschaft: Der „Schutzschirm“. Er beschreibt ein für 90 Tage angesetztes vorgerichtliches Verfahren, das kriselnden Unternehmen gesetzliche Privilegien zugesteht, sie beispielsweise von der Insolvenzantragspflicht befreit oder die Vollstreckung der Gläubigerforderungen vorübergehend aussetzt. Willemsen: „Eine solche Option nähme dem Firmenchef die Stigmatisierung der Insolvenz, gäbe ihm aber vor allem die Chance, unter erleichterten Bedingungen einen Sanierungsplan zu erarbeiten und so die Wende im Vorhinein zu schaffen.“
Dabei werden die Gläubiger in einem Gläubigerrat an dem Ablauf beteiligt, so dass sie den Prozess kontrollieren können. Beate Ortlepp fasst zusammen: „All die von uns vorgeschlagenen Verbesserungen können helfen, die Insolvenz noch zu vermeiden, oder im eingetretenen Insolvenzfall gerade die Insolvenzplanoption zu stärken und damit die Interessen aller Beteiligten zu wahren.“ Ihr Fazit: „Unter Nutzung aller Parameter hätten zahlreiche Unternehmen eine realistische Überlebenschance.“

(Redaktion/Edda Nebel)


 


 

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