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Interview

„Auch Ihr Job kann in den nächsten Jahren wegdigitalisiert werden“

„Die nächste Stufe der Digitalisierung wird Wirtschaft und Gesellschaft in einer Art und Weise verändern, wie wir es kaum für möglich halten.“ Mit dieser These erklärt Dr. Jens-Uwe Meyer in seinem Buch „Digitale Disruption“ die Folgen der Digitalisierung. business-on.de hat Ihn hier zu einem kleinen Interview befragt.

Experten schätzen, dass bis zu 40 Prozent aller Arbeitsplätze in den kommenden Jahren digitalisiert werden. Woran erkennt ein Mitarbeiter, dass sein Arbeitsplatz in Gefahr ist. Und was kann man dagegen tun? Fragen an den Experten.

business-on.de: Ein düsteres Szenario: Bis zu 40 Prozent aller Arbeitsplätze werden wegdigitalisiert. Sehen die nächsten Jahre wirklich so schlimm aus?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Diese Zahlen stammen aus verschiedenen Studien, die in Europa, in den USA und in Australien durchgeführt wurden. Tatsächlich werden durch die Digitalisierung viel mehr Jobs in den kommenden Jahren ersetzt werden als wir es heute für möglich halten.

business-on.de: Sie sprechen von Trends wie autonomem Fahren und Robotik in der Fabrik?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Das ist das, was gemeinhin angenommen wird. Doch auch viele Berufe in den sogenannten „Wissensberufen“ können durch Algorithmen in den nächsten Jahren obsolet werden. Das betrifft beispielsweise Berufe, in denen die primäre Aufgabe von Menschen darin besteht, Daten von einem IT-System in das andere einzugeben, dort bestimmte Regeln abzufragen und Entscheidungen zu treffen. Es sind Berufe wie Steuerfachgehilfe, Versicherungssachbearbeiter oder ein Sachbearbeiter für den Bestelleingang von Kunden. Diese Berufe existieren letztlich nur, weil es bislang noch keine Schnittstellen zwischen verschiedenen IT-Systemen gibt. Diese werden aber gerade durch das geschaffen, was in der Fachwelt „Industrie 4.0“ genannt wird.

business-on.de: Was man in diesem Zusammenhang oft liest, ist die Bedrohung durch „künstliche Intelligenz“. Ist die Technologie wirklich schon so weit?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Dass Berufe durch künstliche Intelligenz ersetzt werden, ist aktuell noch der übernächste Schritt. Der nächste liegt viel näher: Überall dort wo sich Wissen heute bereits ohne großen Aufwand standardisieren lässt, lassen sich auch ohne künstliche Intelligenz Abfragen und Entscheidungsmechanismen automatisieren. Das ist kein Zukunfts-, sondern ein Gegenwartstrend. Unternehmen wie geblitzt.de oder Lexalgo haben sich zum Ziel gesetzt, Standardverfahren im Bereich des Rechts zu automatisieren. In der ersten Stufe werden Arbeitsplätze noch nicht komplett wegrationalisiert werden. Was passieren wird: Der Aufgabenbereich, der sich problemlos in solche Standards fassen lässt, fällt aus dem Berufsbild heraus.

business-on.de: Wie weit ist das noch weg?

BUCHEMPFEHLUNG:

Dr. Jens-Uwe Meyer: Ich kenne heute bereits Steuerkanzleien, die keine Steuerfachgehilfen mehr einstellen. Versicherungen und Banken bauen im großen Stil Mitarbeiter ab. Wir sind mitten drin in dieser Entwicklung. Und sie wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren Stück für Stück voranschreiten.

business-on.de: Wird es dabei unbedingt zu Massenentlassungen kommen?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Nicht zwangsläufig. Es kommt eine – man könnte beinahe sagen – glückliche Fügung der Geschichte zusammen. In den kommenden zehn Jahren werden viele der so genannten „Babyboomer“ in Rente gehen. Diese Stellen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nachbesetzt. Wenn zehn Leute das Unternehmen verlassen werden vielleicht ein oder zwei neue Mitarbeiter eingestellt – diese dann aber mit anderen Qualifikationen.

business-on.de: Wird es Unternehmen geben, die sich diesem Trend verweigern?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Die wenigsten werden es wirklich können. Nehmen wir das Beispiel der Versicherungen. Heute bereits gibt es erste Konzepte reiner Online-Versicherungen. Diese Art von Unternehmen hat eine ganz andere Kostenstruktur und ist deshalb in der Lage, Versicherungsschutz deutlich günstiger anzubieten. Im Bereich der Logistik wird es Anbieter geben, die versuchen, die klassischen Großhändler durch intelligente digitale Services zu umgehen. In beiden Fällen liegt es am Kunden zu entscheiden, ob man lieber günstig versichert oder Produkte günstig beziehen möchte oder ob man bereit ist, einen Mehrpreis dafür zu bezahlen, dass dort in der Verwaltung noch Menschen beschäftigt werden. Allerdings bin ich bei letzterem nicht wirklich optimistisch. Wer geht heute aus Solidarität mit den Verkäufern und Verkäuferinnen in ein Kaufhaus, wenn es die gleiche Ware im Internet 10 oder 20 Prozent billiger gibt?

business-on.de: Was empfehlen Sie Mitarbeitern, die sich nicht einfach wegdigitalisieren lassen möchten?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Drei Dinge: entweder aktiv an der Digitalisierung mitarbeiten. Es braucht neben dem technischen Wissen auch immer das Fachwissen aus den Unternehmen. Die zweite Möglichkeit: sich zu einem exklusiven Spezialisten weiter entwickeln. Überall dort, wo Spezialwissen in wenigen Köpfen verankert ist, lohnt sich eine Standardisierung nicht. Wenn Sie aber das Gleiche tun wie viele andere, ist die Chance relativ hoch, dass diese Kompetenz digitalisiert wird. Und drittens: die Aufgabengebiete drastisch erweitern. Ist jemand heute in der Sachbearbeitung tätig, ist jetzt der beste Zeitpunkt für eine Weiterbildung. Wer Buchhaltungsdaten eingibt, kann digitalisiert werden. Wer die Daten interpretiert und daraus Handlungsstrategien für Kunden entwickelt, nicht. Soziale Kompetenz ist ebenfalls nicht digitalisierbar. Genausowenig wie Einfühlungsvermögen in Kunden. Außerdem sind Algorithmen nicht proaktiv: Sie stoßen keine neuen Initiativen an, sie managen keine komplexen Projekte und sie sind auch nicht kreativ. Diese Art von Arbeitsplätzen wird auch nach der Digitalisierung noch bestehen. 

business-on.de: Herr Dr. Jens-Uwe Meyer, vielen Dank für das Interview.

(Redaktion)


 


 

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