Sie sind hier: Startseite München Lokale Wirtschaft Interviews
Weitere Artikel
10 Fragen zum Thema IT-Standort München

"München ist nicht nur ein wichtiger IT-Standort, sondern auch eine bedeutende Medienstadt"

business-on.de sprach mit Achim von Michel, Landesbeauftragter des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft e.V. (BVMW) in Bayern und Inhaber der PR-Agentur Wordup PR.

business-on.de: Gilt der Ausdruck "Laptop und Lederhosn", den der frühere Bundespräsident Roman Herzog erfunden und der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber geprägt hat, noch als Motto für die Stadt?

Achim von Michel: Es ist richtig, dass Edmund Stoiber im Freistaat mit der „Initiative Zukunft Bayern“ eine wirtschaftliche Neuausrichtung angestoßen hat. Das war damals mein erstes großes PR-Projekt. Aber das ist über 15 Jahre her und jede Zeit braucht ihre eigenen Kampagnen. Heute zielt mir der Spruch zu sehr auf ein im Ausland beliebtes Klischee ab. Zwar wird in Bayern das Brauchtum nach wie vor sehr gepflegt, aber Lederhosn-Outfits sind zumindest in München weitgehend auf die Zeit des Oktoberfests reduziert. München ist eine hochmoderne Weltstadt mit kosmopolitischem Flair, die eine enorme Anziehungskraft auf Touristen aus der ganzen Welt ausübt und auch als Wohnort international begehrt ist.

business-on.de: Wie behauptet sich München als Standort in Ihrer Branche in Konkurrenz mit Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Köln?

Achim von Michel: München steht den genannten Metropolen in nichts nach. Als Hauptstadt eines der wirtschaftlich stärksten Bundesländer und wichtiger Industriestandort hat München eine entscheidende Bedeutung im nationalen Wirtschaftsgeflecht. Die Stadt leuchtet als „Stern des Südens“, wie es so schön in der Fan-Hymne des derzeit erfolgreichsten Fußball-Clubs des Landes heißt. Man muss sich auch nur mal die Flughafen-Rankings ansehen, um zu verstehen, was in und um München sprichwörtlich „bewegt“ wird: Der Flughafen München liegt hier im Deutschland-Vergleich hinter Frankfurt auf Platz zwei gemessen an der Zahl der Flugreisenden. Europaweit liegt München auf Platz sieben und im weltweiten Vergleich immer noch auf Platz 30. In unserer Branche geben die Medientage München einen guten Eindruck von der enormen Ausstrahlungskraft der Stadt: 2011 nahmen über 6.000 Personen an Kongress, Messe und Events rund um die Medientage in der Neuen Messe München teil. Die Medientage gelten als eines der wichtigsten deutschen Branchenereignisse im Jahres.

business-on.de: Worauf legen Sie bei der Standortwahl am meisten wert?

Achim von Michel: Natürlich zählen hier in erster Linie wichtige Standortfaktoren wie Infrastruktur , vorhandene Industrie und Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften. Aber auch weiche Faktoren wie Lebensqualität, Sicherheitsempfinden und Freizeitangebote spielen eine nicht zu vernachlässigende Rolle. München und Umgebung und die unmittelbare Nähe zu Italien sind für viele ein erhebliches Plus an Lebensqualität – die hohe Attraktivität des Standorts können Sie nicht zuletzt an den Immobilienpreisen ablesen.

business-on.de: Was war für die Entscheidung für München ausschlaggebend?

Achim von Michel: München ist nicht nur ein wichtiger IT-Standort, sondern auch eine bedeutende Medienstadt. Zahlreiche Verlage sowie Film- und Fernsehunternehmen haben in und um München ihren Sitz. Das hat für mich als Medienschaffender natürlich eine große Bedeutung. Tatsächlich muss ich aber auch zugeben, dass ich gebürtiger Münchner bin und mich nach längeren Ausflügen in die USA, nach Köln und Berlin sehr gerne und mit Überzeugung entschieden habe, in dieser Stadt zu leben. Und ich bin auch ganz gut vernetzt hier, das spielt natürlich auch eine Rolle in unserer Branche.

business-on.de: In München sind rund 10.000 IT-Firmen ansässig, was die Stadt zu einem der größten IT-Standorte weltweit macht. Was macht München so interessant für diese Branche?

Achim von Michel: München hat als „Silicon Valley von Europa“ eine lange Tradition. IT-Unternehmen profitieren hier von extrem guten Bedingungen wie einem positiven Wirtschaftsklima und der Ballung qualifizierter Fachkräfte. Zudem belebt die Ansiedlung bedeutender IT-Player wie Microsoft, Infineon, Oracle oder NetApp den Markt und zieht weitere Technologieunternehmen an. In diesem Jahr fand in München der IT-Gipfel statt, an dem mehr als 1.000 Vertreter von Regierung, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft teilnahmen. Unsere Universitäten gehören im Bereich Informationstechnologie zu den Spitzenausbildungsinstitutionen und mit der Fraunhofer Gesellschaft und dem Max-Planck-Institut haben sich bedeutende Forschungseinrichtungen für München als Haupt- bzw. Verwaltungssitz entschieden. Alles in allem sehr gute Bedingungen für die IT-Branche und zwar nicht nur für Konzerne, sondern auch für die überwiegende Zahl mittelständischer Unternehmen, von denen sich beispielsweise viele auf dem jährlichen ITK-Forum Mittelstand vernetzen. Und sicher ist es auch kein Zufall, dass der erste funktionsfähige Digitalrechner der Welt, der berühmte ZUSE Z3 aus dem Jahr 1941, heute im Deutschen Museum in München, dem größten Technologiemuseum der Welt, steht.

business-on.de: Welche Nachteile hat München?

Achim von Michel: Ich persönlich betrachte die Entwicklung der Immobilien- und Mietpreise mit sehr großer Sorge. Es gehört zur „Weltstadt mit Herz“, dass auch Normal- und Geringerverdienende sorgenfrei in dieser Stadt leben können. Hier ist München gerade auf einem sehr gefährlichen Weg.

business-on.de: Inwiefern?

Achim von Michel: Der jüngst über die Bühne gegangene Verkauf einer Penthouse-Wohnung in der Innenstadt, die einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben soll, ist hier nur ein sehr unrühmliches Beispiel für eine Preisentwicklung, die inzwischen fast jeden Stadtteil erfasst hat und über Jahrzehnte gewachsene Stadtviertel-Strukturen aus den Angeln zu heben droht. Auch München ist existenziell abhängig von den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die in der Krankenpflege und anderen sozialen Berufen oder weiteren, geringer vergüteten Branchen arbeiten. Wollen wir die alle in unattraktive Randgebiete abdrängen?

business-on.de: Ist der Standort in einer Branche, die vom Internet dominiert wird, eigentlich noch wichtig?

Achim von Michel: Natürlich lässt sich über das Internet vieles vernetzen. Der Standort ist aber zum Beispiel dann wichtig, wenn es um die Qualität persönlicher Zusammenarbeit geht. Und gerade bei anspruchsvollen IT-Projekten ist die persönliche Kommunikation, das klassische Meeting, noch immer entscheidend für den Erfolg. Außerdem gibt es natürlich Ballungseffekte: Wo viele Menschen an einem Thema arbeiten, entsteht neue Kreativität, setzt sich die Politik für gute Rahmenbedingungen ein und investieren Unternehmen in ihre Standorte. Und die Menschen beginnen dann auch, sich untereinander immer stärker zu vernetzen, sich kennenzulernen und auszutauschen. Denken Sie an die Bay Area Kaliforniens, das ursprüngliche „Silikon Valley“. Ich habe die unglaublich positive Energie dort als Student selbst vor rund 20 Jahren erleben dürfen, das war schon gewaltig. Und noch heute setzen Unternehmen wie Google auf diesen Standort – it’s magic!

business-on.de: Was schätzen Sie persönlich an München?

Achim von Michel: Ich persönlich schätze das ganz besondere Flair der Stadt, das ich so nirgendwo anders wiedergefunden habe: irgendwo zwischen Weltstadt und sehr großem Dorf. Immer wenn ich in Berlin bin, dann weiß ich schon, was mir in München fehlt, aber wenn ich dann wieder zurückkomme, dann weiß ich auch, was ich an dieser Stadt habe: überschaubare Distanzen, ein großes Maß an persönlicher Sicherheit, unerschöpfliche Freizeitmöglichkeiten, Nähe zur Natur und vieles mehr.

business-on.de: Was wünschen Sie sich für den Standort München?

Achim von Michel: Ich wünsche mir, dass München seine ebenfalls magische Anziehungskraft weiterhin behält und noch viele Menschen und Unternehmen an die Isar lockt. Insbesondere für mittelständische Unternehmen müssen wir die Bedingungen weiter konsequent verbessern, denn sie sind ein häufig unterschätzter Motor der Wirtschaft, obwohl sie 99 Prozent aller Unternehmen ausmachen und 70 Prozent aller Beschäftigten auf sich vereinen. Und ich wünsche mir, dass wir hier als Gesellschaft zusammenrücken und einen lebens- und liebenswerten Standort für alle Bürgerinnen und Bürger erhalten. Das „Schicki-Micki-Klischee“ von München gibt natürlich nur einen extrem kleinen Ausschnitt einer äußerst vielfältigen Stadtkultur wieder. Zugegebenermaßen noch nicht so vielfältig wie in Hamburg oder Berlin, aber das kann ja alles noch werden, da bin ich sehr zuversichtlich.

(Kathrin Hollmer)


 


 

IT-Standort München
Achim von Michel
Wordup PR
IT-Firmen

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "IT-Standort München" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: