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Interview mit Florian Schießl

„Microsoft reicht für unseren Zweck nicht aus!“

Mit dem im Jahr 2003 gestarteten Projekt LiMux versucht die Stadt München, ihre 14.000 Rechner von Microsoft-Produkten auf freie Software umzurüsten. Obwohl der Prozess bereits 2011 abgeschlossen sein soll, wurde bislang nur ein kleiner Teil der PCs mit dem Betriebssystem Linux ausgestattet: Die 20 technischen Mitarbeiter und fünf Projektleiter mussten zunächst viel Überzeugungsarbeit leisten und nebenbei ein bisschen aufräumen. Der stellvertretende Leiter Florian Schießl spricht über den Nutzen von LiMux für die Münchner Wirtschaft und erklärt, warum andere Städte nicht so erfolgreich unabhängig werden.

business-on.de: Herr Schießl, welchen Stand können Sie nach sechs Jahren LiMux vermelden?

Florian Schießl: 100 Prozent der PCs haben mittlerweile neben Microsoft Office auch OpenOffice.org installiert. In einem der nächsten Schritte werden wir Microsoft Office deaktivieren. Auf 2.000 PCs haben wir unseren Linux-Client installiert. Das Stadt-Direktorium, das Kulturreferat und die Münchner Markthallen laufen bereits komplett unter Linux. Gleichzeitig versuchen wir, die vielen Einzellösungen in den 21 Verwaltungsbereichen Münchens zu eliminieren. Es sind zum Beispiel 25 verschiedene Windows-Clients im Einsatz sowie 21.000 verschiedene Office-Vorlagen. 2010 und 2011 wollen wir die restlichen PCs auf Linux umrüsten.

business-on.de: Die Hauptarbeit steht also noch bevor?

Florian Schießl: Wir haben von Anfang an dem Change Management viel Bedeutung beigemessen. Wir wollten der Skepsis und den Widerständen unserer Mitarbeiter in der Verwaltung möglichst früh und umfassend begegnen. Schon kurz nach dem Projektstart kommunizierten wir daher die anstehenden Veränderungen und zeigten beispielsweise bei Road Shows die grafische Oberfläche von Linux und OpenOffice.org. Darüberhinaus finden wir Schulungen sehr wichtig. Das kostet eine Menge Zeit. Auch nach Seminaren stehen Informationsmaterialien und Hilfen wie Wikis oder E-Learning bereit.

business-on.de: Was ist mit den technischen Mitarbeitern, den Administratoren?

Florian Schießl: Dort gab es die größten Herausforderungen. Es gab Ängste, die mit den technischen Neuerungen zu tun hatten. Für die Admins haben wir ein eigenes Betreuungsteam, das sich nicht auf eine Hotline beschränkt, sondern aus „echten Menschen“ besteht.

business-on.de: Linux in allen Ehren, aber war es nicht gerade am Anfang, im Jahr 2003 sehr schwer, die totale Abkehr von Microsoft öffentlich zu rechtfertigen? Linux kannten damals ja praktisch nur Insider...

Florian Schießl: Die erste Jahreshälfte 2003 war von heftigen Diskussionen geprägt. Steve Ballmer unterbrach damals seinen Ski- Urlaub , um bei OB Christian Ude vorzusprechen. Und vor der entscheidenden Stadtratssitzung standen Microsoft-Vertreter vor dem Saal und nahmen einzelne Stadträte ins Gebet. Allerdings hatte Microsoft das Problem selbst geschaffen: Als München 2002 erstmals flächendeckend mit IT versorgt war – wir nutzten damals Windows NT 4 –, stellte das Unternehmen den Support dafür ein und wollte, dass wir ein neues Produkt kaufen. Allerdings konnte uns Windows XP nicht die gewünschte Sicherheit für unsere zum Teil sehr sensiblen Daten garantieren. Wir hätten dazu weitere Produkte kaufen müssen. Bei jedem Update wären zudem neue Sicherheitsmaßnahmen notwendig geworden.

business-on.de: Microsoft verkauft also mangelhafte Software?

Florian Schießl: Das würde ich nicht sagen. Sie ist eben für unseren Zweck nicht ausreichend. Auch andere Firmen wie SAP oder Oracle bieten übrigens All-in-One-Lösungen und schaffen dadurch langfristige Abhängigkeiten.

business-on.de: Und die wollte die Stadt vermeiden?

Florian Schießl: Der Politik lag unsere Fallstudie mit zwei klaren Alternativen vor: Kurzfristig Kosten zu sparen und dafür ewige Abhängigkeit von einem einzigen Konzern oder etwas mehr Geld auszugeben mit der Gewissheit, eines Tages in der gesamten Verwaltung lizenzfreie Software nutzen zu können und damit langfristig die Ausgaben zu minimieren. Rechtlich gesehen gab es angesichts der Umstände sogar die Pflicht, eine Alternativlösung zu suchen. Die politische Grundsatzentscheidung für LiMux traf dann die rot-grüne Stadtratsmehrheit; meines Wissens waren CSU und FDP dagegen.

business-on.de: Inwiefern eignet sich freie Software für München besser als proprietäre?

Florian Schießl: Freie Software ist kostenlos. Viele Standardprogramme wie OpenOffice.org, Linux, Gimp oder Firefox existieren bereits seit Langem, sodass man Microsoft-Produkte ohne Anpassungen austauschen kann. Aber auch Sonderlösungen sind deutlich einfacher zu bekommen: Freie Software wird dezentral entwickelt und arbeitet mit offenen Standards. Das bedeutet, wir sind nicht abhängig von einem bestimmten Zulieferer, sondern können wegen der offenen Schnittstellen jederzeit ein beliebiges Unternehmen beauftragen, uns maßgeschneiderte Software zu fertigen.

business-on.de: Gratis ist LiMux ja trotzdem nicht. Der Stadtrat hat bis 2011 ein Budget von 13 Millionen Euro bereitgestellt. Wo fließt das Geld hin?

Florian Schießl: Wir haben bisher sechs Millionen Euro ausgegeben, die fast ausschließlich an kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland gezahlt wurden. Die haushaltswirksamen Kosten sind damit niedriger als bei der alternativen Microsoft-Lösung. Große Projekte müssen wir europäisch ausschreiben. Trotzdem profitiert das „IT-Mekka“ München in hohem Maße von LiMux.

business-on.de: Warum werden die Kleinen bevorzugt? Ist das nicht ein unerlaubter Eingriff in den Markt?

Florian Schießl: Zwar darf München als öffentlicher Auftraggeber nicht in den Markt eingreifen, indem es bestimmte Unternehmen einfach bevorzugt. Es ist aber so, dass es meist die kleineren sind, die individueller auf unsere Bedürfnisse eingehen können und dadurch oft Ausschreibungen für sich entscheiden. Die Förderung des Wettbewerbs ist somit ein angenehmer Nebeneffekt von LiMux.

business-on.de: Auch andere Städte wie Wien versuchen sich seit Jahren an der Migration zu freier Software. Warum sind die nicht so erfolgreich?

Florian Schießl: Die Wiener hatten eine andere Ausgangssituation. Es gab keinen wirklichen Zwang zur Migration, weil sie gerade neue Lizenzen für Windows 2000 erworben hatten. Das Resultat war eine geringe politische Aufmerksamkeit.

business-on.de: Vielen Dank für das Gespräch!

(Michael Grindmayer)


 


 

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