Sie sind hier: Startseite München Lokale Wirtschaft Interviews
Weitere Artikel
Mietpreise München

„Wir sind keine Oase für die Reichen“

München ist eine Stadt mit hoher Lebensqualität. Aber auch mit extem hohen Mietpreisen für Wohnraum. Business-on.de sprach zu dem Thema mit Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk, Stadtbaurätin der Landeshauptstadt München.

business-on.de: München wird immer beliebter, dadurch wird Wohnraum immer knapper. Was macht München so attraktiv?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: München ist eine Stadt mit hoher Lebensqualität. Was München als Stadt auszeichnet, ist die Qualität der öffentlichen Räume, die ausgewogene Mischnutzung, sowie eine durchgängige Qualität der Baustruktur. Neben traditionellen Architekturen gibt es auch eine Reihe gelungener Projekte, die Tradition und Moderne auf intelligente Weise verknüpfen.

business-on.de: Zum Beispiel?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Ein Beispiel ist das neue Siemens-Headquarter am Wittelsbacher Platz, hohe energetische Standards werden hier mit den Belangen der Denkmalpflege in Einklang gebracht.

business-on.de: 2011 sind die Grundstückspreise in München um bis zu 70 Prozent gestiegen. Ist Wohneigentum in München für Normalverdiener in Zukunft noch bezahlbar?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Die Wohnraumversorgung ist in München seit über 100 Jahren eine der drängendsten Fragen. Mit unserem wohnungspolitischen Handlungsprogramm „Wohnen in München V“ arbeiten wir daran, weiterhin kostengünstigen Wohnraum zu schaffen bzw. zu erhalten. Der erwartete Wohnungsbedarf von 7.000 Wohnungsneubauten pro Jahr lässt sich nur teilweise aus Bestandsbaurecht decken. Deswegen haben wir uns das Ziel gesteckt, jedes Jahr neues Baurecht für mindestens 3.500 Wohneinheiten zu schaffen. Mit dieser hohen Menge an neuem Baurecht lässt sich unsere Zielzahl von jährlich 1.800 geförderten Wohneinheiten pro Jahr erreichen. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften GWG und GEWOFAG sind aktiv daran beteiligt, Mietwohnraum im preisgünstigen Segment zu schaffen. In ihrem Eigentum befinden sich über 56.000 Wohnungen, verwaltet werden von ihnen über 62.000 Wohnungen. Das sind immerhin acht Prozent der Münchner Wohnungen insgesamt. Dadurch, dass in den Wohnungen der Gesellschaften im Schnitt mehr Familien leben, kann man davon ausgehen, dass jeder zehnte Münchner in einer dieser Wohnungen lebt.

business-on.de: Ist die Lösung, nur noch außerhalb der Stadt zu wohnen?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Das kann ganz sicher nicht die Lösung sein. Das würde nur eine Verschiebung der Problematik ins Umland bedeuten. Wohnungsbau muss immer mit einer funktionierenden verkehrlichen Infrastruktur einhergehen. Je weiter die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von ihrem Arbeitsplatz entfernt sind umso mehr nimmt auch der Verkehr zu. Das Thema des sich verknappenden Wohnungsangebots kann die Stadt München nur zusammen mit der Region angehen. Wir sind hier im Dialog darüber, wie Stadt und Region zusammenarbeiten können. Aus diesem Grund wurde das Projekt „Langfristige Siedlungsentwicklung“ 2011 mit wegweisenden Gutachten untersetzt, die aufzeigen, wie langfristige Siedlungsentwicklung jenseits der bekannten Potentiale entwickelt werden kann. Die Ergebnisse werden Anfang Februar in einem Zukunftskongress der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Dialog um die Prinzipien des Weiterbauens der Stadt nach innen mit der Stadtgesellschaft sowie nach außen mit der Region kann nun beginnen.

business-on.de: Wie sehen Sie die Entwicklung, dass vor kurzem eine Penthouse-Wohnung in der Innenstadt für einen zweistelligen Millionenbetrag verkauft wurde?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: In einer lebendigen prosperierenden Stadt muss es Angebote in jedem Preissegment geben. Ein Wohnviertel, dessen Angebot sich ausschließlich an eine Bevölkerungsgruppe richtet, kann nicht das Ziel einer gelungenen Stadtplanung sein, weder für Reiche noch für weniger Privilegierte. Trotzdem beobachten wir es mit Sorge, wenn der Grundstücksmarkt auf diese Weise angeheizt wird.

business-on.de: Sehen Sie die soziale Stabilität in München in Gefahr? Wird München eine Elitestadt, in der nur Besserverdiener leben können?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Die Münchner Mischung, die soziale Ausgewogenheit ist ein wichtiges Pfund dieser Stadt. Selbst in Gebieten, in denen Wohneinheiten im Luxusbereich angeboten werden, findet sich geförderter Wohnungsbau. Nehmen Sie als Beispiel das Wohngebiet auf der Theresienhöhe, bei dem ein großer Teil geförderter Wohneinheiten umgesetzt wurde. Hierbei spielt die sogenannte Sozialgerechten Bodennutzung (SoBoN) eine wesentliche Rolle. Sie stellt eine Quote von 30 Prozent geförderten Wohnungen in den Neubaugebieten sicher und spiegelt damit ungefähr die durchschnittliche Münchner Einkommensstruktur wider. Auf eigenen Flächen ist die Landeshauptstadt München dagegen zu deutlich höheren Anteilen geförderten Wohnungsbaus bereit, um den Wohnungsmarkt zu entlasten. Von Bedeutung ist, dass ein Gebiet weder in die eine noch in andere Richtung kippt. Das haben wir mit unserer sozialgerechten Bodennutzung, um die uns andere deutsche Städte zu Recht beneiden, erreicht. Es gibt in München weder Ghettos für Arme noch für Reiche.

business-on.de: Wie soll in München Wohnraum statt neuer Industrieräume geschaffen werden?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Die Umwidmung von noch nicht bebauten Gewerbegebieten oder die Umnutzung von brachgefallenen Gewerbeflächen spielt in der Münchner Stadtplanung verstärkt eine Rolle. Die unbebauten großen Flächen werden immer weniger. Deshalb greifen wir auf Bereiche zurück, die zunächst nicht als Wohnstandorte vorgesehen waren. Doch es ist nicht an jeder Stelle möglich, Wohnraum zu schaffen. Komplexe Bebauungszusammenhänge und schwierige Grundstückssituationen werden zur Regel. Lärmimmissionen, verkehrliche Zusammenhänge und eine Anbindung an den ÖPNV sowie die Freiraumsituation spielen eine Rolle. Es muss jedoch klar sein – es zählt nicht allein die Quantität, es müssen qualitätsvolle Wohnviertel entstehen!

business-on.de: Sie sind Architektin, welche Möglichkeiten gibt es in München, Wohnraum besser zu nutzen?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Besser bedeutet für mich mehr Qualität. Wir müssen uns mit der Stadtgestalt und deren Bedeutung für eine lebendige lebenswerte Stadt auseinandersetzen. Qualität für die Stadt kann nur durch einen intensiven Dialog über die Stadtbaukultur entstehen. Dazu bedarf es Raum für kulturelle Auseinandersetzung sowie Zeit, dies den einzelnen Projekten angedeihen zu lassen. Darüber hinaus braucht es Akteure und Partner in den Projekten, die gewillt sind, sich dieser Diskussion zu stellen. Qualitätsvolles Nachverdichten ist nur möglich, wenn man sich bei Planungen von Standardlösungen verabschiedet und individuelle Antworten auf die vorgefundene Situation sucht.

business-on.de: Was tut München, um die Miet- und Immobilienpreisexplosion zu stoppen oder zurückzudrehen?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Die Stadt schöpft alle Möglichkeiten aus, um Gering- und Durchschnittsverdienern ein Wohnraumangebot unterbreiten zu können. Bei bestehendem Baurecht hat sie allerdings kaum rechtliche Handhabe, den Grundstückseigentümern einen Anteil an geförderten Wohnungen vorzuschreiben. Trotzdem ist es unser Bestreben, insbesondere auf Nachverdichtungs- und Umstrukturierungsflächen, Anteile geförderten Wohnungsbaus unterzubringen.

business-on.de: Inwiefern versuchen Sie das?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Die Stadt ist auch in Zukunft bereit, auf ihren eigenen Grundstücken einen höheren Anteil an solchen Wohnungen zu schaffen und dafür auch Grundstücke zu erwerben. Auf diesen städtischen Flächen werden Genossenschaften und Baugemeinschaften eigene Flächenkontingente, 20 bis 40 Prozent, eingeräumt. Denn Genossenschaften und Baugemeinschaften sind meist stärker gemeinschaftlich orientiert, sichern die architektonische Vielfalt und räumen dem Aspekt Energieeffizienz meist einen höheren Stellenwert ein. Wir sind keine Oase für die Reichen, wir sind – und darum beneiden uns einige Städte in Deutschland vergleichbarer Größe – eine Stadt mit einer gesunden, sozial ausgewogenen Mischung an Bewohnerinnen und Bewohnern, die München gerade aufgrund dieser hohen Lebensqualität schätzen!

(Redaktion)


 


 

Mieten
Prof
Dr I Elisabeth Merk
Wohnungsbau
Wohnraum
Reiche
Lebensqualität
Region

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "München" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: