16.11.2009  09:09 Uhr

Interview aus NYC
„Ohne Naomi Campbell wären wir heute nicht wer wir sind“

München. „Aedes de Venustas“ steht in goldenen Buchstaben auf dem Schaufenster des kleinen Geschäfts im New Yorker West Village. Seit knapp 15 Jahren ist der „Tempel der Schönheit“ Haus- und Hoflieferant der weltweiten Modeszene, wenn es um die alte Kunst der Parfümerie geht. Die Münchner Inhaber Robert Gerstner und Karl Brandl schöpfen aus einem Sortiment von zighundert verschiedenen Düften in Form von Kerzen, Parfums, Raumdüften, Skin- und Bodycare, aus den ältesten Traditionshäusern Europas. Damit haben sie sich einen erfolgreichen Namen auf dem Nieschenmarkt der Parfümindustrie gemacht. Warum sie Naomi Campbell ihren Erfolg zu verdanken haben und inwieweit „europäische Diskretion“ in New York eine wichtige Rolle spielt, verrät Robert Gerstner business-on.de.

Business-on.de: Was hat Euch nach New York verschlagen?

Aedes de venustas: Karl war ursprünglich Banker und ich in der Textilspedition „Ballauf“ in München tätig. Als 1992 eine Stelle in der Niederlassung New York frei wurde, habe ich Karl gefragt, ob er Lust hätte, mit mir nach NY zu kommen. Das war eine Drei-Minuten-Entscheidung. Wir waren damals Mitte 20 und wollten nicht mit 70 in den Spiegel schauen und nach einem, meiner Meinung nach, eingefahrenen Leben in Deutschland bereuen, dass wir es nicht versucht haben.

Business-on.de: Wie kam der Laden zustande?

Aedes de venustas: 1992 kamen wir nach New York. Ein knappes Jahr und einige Fehlinvestitionen von „Ballauf“ später, wurde die Firma systematisch dicht gemacht. Karl und ich wollten jedoch auf keinen Fall zurück nach Deutschland und haben einen Weg gesucht, in New York zu bleiben. Irgendwann fiel uns auf, dass es Downtown New York keine Parfumerie gibt, die eine europäische, limitierte und wohlsortierte Auswahl an gewissen Produkten führt. Dazu muss man sagen, dass Parfums, Skin- und Bodycare schon seit eh und je unser Hobby war und wir immer sehr extrem waren in der Hinsicht. Daraufhin haben wir europäische Firmen, wie zum Beispiel „Diptyque“, angesprochen. Eine Kerzenfirma aus Paris, die heute vor allem im Fashionbereich absoluter Kult sind, damals in den USA aber noch völlig unbekannt waren. Als uns allmählich das Geld ausging, sodass es wirklich knapp wurde, suchten wir händeringend nach einer Location. Im Januar 1995 entdeckten wir dann im West Village unseren heutigen Shop, der zu vermieten war. Mitte März 1995 haben wir also eröffnet, mit unserem letzten Geld und null Erfahrung, wie Verkauf oder Kundenservice überhaupt funktioniert. Keiner hatte irgendeinen Backup und wir sind absolut ins kalte Wasser gesprungen.

Business-on.de: ...Und das Prinzip „amerikanischer Traum“ ging voll auf.

Aedes de venustas: Wenn ich so zurückblicke, ja. Am ersten Tag hatten wir einen Umsatz von 200$ und das war der absolute Wahnsinn. Mit der Zeit hat sich unser Geschäft mehr und mehr rumgesprochen, woraufhin sich der Laden irgendwann selbst getragen hat. Nach ca. einem Jahr kamen wir auf die Idee, Produkte auf Wunsch und gegen Bezahlung in Geschenkboxen mit frischen Blumen zu verpacken. Um den Laden und die Idee zu promoten, fuhr Karl blind und ohne Termin zur VOGUE, um den Beauty Director zu treffen. Etwas, das heute ja überhaupt nicht mehr geht. Wir haben all die Dinge aufgezählt, die wir führen. Produkte, die die Fashionindustrie aus Europa kannte, aber in den USA keiner hatte. Die VOGUE fand die Geschäftsidee super. Am nächsten Tag kam die Dame vorbei und 1996 erschienen wir dann tatsächlich in der Novemberausgabe als der schickste Laden in New York mit den ungewöhnlichsten Produkten.

Business-on.de: Keine schlechte Publicity.

Aedes de venustas: Das stimmt. Denn den Artikel las niemand Geringeres als Naomi Campbell. Einen Tag später fuhr eine Limousine vor und wir sahen nur dunkle, lange Beine herein laufen. Naomi schaute sich um und sagte: „Blatt Papier und Stift, bitte. Ich beauftrage euch jetzt mit all meinen Weihnachtsgeschenken“. Sie war begeistert von unseren Produkten und wollte für Freunde und Bekannte alles mit frischen Blumen verpackt haben. Gesagt, getan. Jeder bekam zwei Kerzen in einer Geschenkbox und sie bescherte uns ein Geschäft von über 1000 $, was damals eine astronomische Summe für uns war. Danach ist das Ganze explodiert. Man muss sich vorstellen, wer das alles bekommen hat. Die gesamten Modelkolleginnen, von Claudia Schiffer über Linda Evangelista bis hin zu Kate Moss. Alle namhaften Designer und alles was in der Modewelt Rang und Namen hatte. Kaum war Weihnachten vorbei, da meldeten sich die ganzen Leute bei uns und wollten das auch haben. Das war ein richtiger Dominoeffekt. Im Laufe der Jahre ging das dann Richtung Hollywood und die Celebrities haben Wind davon bekommen. Heute haben wir wahnsinnig viel prominente Kundschaft und bis heute muss man sagen: Ohne Naomi wären wir nicht wo und wer wir sind.

Business-on.de: Wer sind eure prominenten Aushängeschilder?

Aedes de venustas: Die ganze „alte“ Modelriege von damals. Naomi Campbell, Claudia Schiffer, Linda Evangelista, Christy Turlington, Cindy Crawford. Aber auch die aktuellen Models. Designer wie Dolce & Gabbana, Giorgio Armani, John Galliano oder Alexander McQueen. Sarah Jessica Parker ist eine unserer treuesten Kundinnen, sowie Madonna oder Jennifer Lopez. Die Liste ist endlos.

Business-on.de: Was ist Euer teuerstes Produkt?

Aedes de venustas: Das Parfum „YU“ aus dem Parfumhaus „MANE“, eines der größten Parfumhäuser der Welt. Die Flasche ist 5000 $ wert und auf eine bestimmte Anzahl limitiert. Die Inhaltsstoffe sind extrem hochwertig und der Flakon ist von „Lalique“ und damit auch sehr exklusiv. Das Ganze bekommt man in einem Holz-Mahagoni-Kasten.

Business-on.de: Und der Verkaufsrenner?

Aedes de venustas: Definitiv unsere eigene Linie „Aedes de Venustas“, die es seit 2005 gibt. Die Produkte sind ausschließlich in unserem Laden erhältlich und das ist es, was die Leute wollen, Exklusivität. In der Linie führen wir Kerzen, Raumdüfte, Parfums, Diffusorsticks und einen besonderen Bodyscrub aus Lime-Coconut. Den müssen wir zum Beispiel regelmäßig für John Galliano nach Paris fliegen. Die Kerzen mit unserem Logo werden vom ältesten Kerzenhersteller in Paris, „Cire Trudon“ seit 1643, für uns hergestellt. Außerdem unsere Geschenkboxen mit den frischen Blumen. Das war vor allem dieses Jahr, wo es wirtschaftlich nicht so toll war, unser Motor für´s ganze Geschäft.


 
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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Nurcan Özdemir



 


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