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PRISM

Überwachung der Internetkommunikation

Thomas R. Köhler ist Geschäftsführer der CE21 GmbH in München, einer auf Telekommunikationsstrategien spezialisierten Unternehmensberatung. Bekannt ist er als Autor von nunmehr zehn Büchern die sich mit den Rückwirkungen der allgegenwärtigen Vernetzung auf Unternehmen und Gesellschaft beschäftigen.

Seine bekanntesten Bücher sind „Die Internetfalle“ (das erste Buch zur Datensammelei im Internet und „Der programmierte Mensch“ (beide erschienen bei Frankfurter Allgemeine Buch).

business-on.de: Herr Köhler. Sie warnen seit Jahren vor der Datensammelei im Internet. Fühlen Sie sich durch das Bekanntwerden des US-Geheimdienstprogramms „PRISM“, das die Überwachung weiter Teile der Internetkommunikation umfasst, bestätigt?

Thomas R. Köhler: In meinen Vorträgen und Büchern weise ich seit Jahren auf die Möglichkeit hin, dass Google, Facebook und Co nicht nur für ihre eigenen Zwecke Daten in unglaublichen Mengen sammeln – nach seriösen Studien ist dieser von jedem Menschen angehäufte Datenschatten inzwischen größer als die von diesem direkt produzierten Daten (Fotos, Texte, Videos, Tondokumente) – sondern auch das ideale Einfallstor für staatliche Überwachung liefern.

Diese Meinung zu vertreten war nicht immer ganz leicht, ich wurde in der Vergangenheit bereits des „Antiamerikanismus“ bezichtigt und meine Person als „Verschwörungstheoretiker“ oder „Fortschrittsfeind“ abgetan.  Auch gab es in mindestens einem Fall den Versuch, mich (mittels Geldzahlung an den Veranstalter) von der Podiumsdiskussion auf einer Fachkonferenz „ausladen“ zu lassen. Das Motiv für diese Diskreditierungsversuche liegt auf der Hand.

Dabei schreibe ich niemand etwas vor. Nur sollte man die Risiken und Nebenwirkungen bevor man sich privat oder geschäftlich auf bestimmte Dienste einlässt. Darüber aufzuklären bin ich meinen Lesern und den Kunden meines Unternehmens gleichermaßen schuldig.

PRISM das neue Schlagwort im Internet

business-on.de: Die in dem bekannt gewordenen Dokument genannten Unternehmen haben allesamt eine Beteiligung am „PRISM“-Überwachungsprogramm dementiert. Kann man diesen Aussagen glauben?

Thomas R. Köhler: Liest man die Dementis im Wortlaut so klingen diese allesamt etwas fremd und lassen Interpretationsmöglichkeiten offen. Ohne die Details zu kennen bin ich davon überzeugt, dass die Unternehmen sich derart äußern müssen, d.h. das Lügen erzwungen ist. Das wäre auch nicht ungewöhnlich. Denken Sie an die bereits vor längerem bekannt gewordenen Zugriffen auf Unternehmensdaten bei Cloud-Providern durch US-Behörden. Hier war und ist (nach der aktuellen US-Rechtslage) den Unternehmen nicht gestattet die betroffenen Kunden zu informieren. Es gibt hier einen sogenannten Maulkorberlass. Ähnliches ist auch bei „PRISM“ zu vermuten.

business-on.de: Vielfach wird das Argument vorgebracht, dass wer sich nichts vorzuwerfen habe ja auch keine Angst haben müsse, was halten Sie davon?

Thomas R. Köhler: Ich halte eine derartige Denkweise für gefährlich. Es reicht, dass aus den über Sie gesammelten Daten hervorgeht, dass Sie möglicherweise jemand kennen der etwa auf einer US-„NoFly“-Liste steht, weil er unter Terrorverdacht steht oder nur jemand der zufällig den gleichen Namen trägt und Sie könnten dadurch signifikant in Ihrer Reisefreiheit beschränkt werden, ohne dass Sie die Möglichkeit haben dagegen vorzugehen, sie erfahren ja nicht einmal warum. In meinem letzten Buch habe ich dazu etwa den Fall eines britischen Pärchens beschrieben, das – wegen einer unbedachten scherzhaften Äußerung auf Twitter – nicht in die USA einreisen durfte.

business-on.de: Welche besonderen Gefahren bestehen für Unternehmen?

Thomas R. Köhler: Es ist davon auszugehen, dass Geheimdienstinformationen auch zu wirtschaftlichen Zwecken verwendet werden, also Informationen etwa an Wettbewerber von der Überwachung betroffener ausländischer Unternehmen gegeben werden. Alleine die Information, dass mehrere Führungskräfte eines Unternehmens sich an einem bestimmten Ort einfinden, kann beispielsweise entscheidende Hinweise auf die Geschäftsstrategie geben, man denke nur an eine bevorstehende Übernahme. Fließen diese Informationen nun an einen (ausländischen) Wettbewerber kann dieser sich darauf einstellen und so unter Umständen auf Kosten des ausgespähten Unternehmens erfolgreich sein. Es wird immer gerne mit dem Finger auf China gezeigt, die „befreundeten“ Länder Vereinigte Staaten und Großbritannien (die bei „PRISM“ den USA zuarbeiten) vergisst man oft, obwohl für beide Staaten klare Indizien vorliegen, dass eine Verbindung zwischen Geheimdienstaktivitäten und Industrieförderung existiert.

Wie sieht unsere Zukunft aus?

business-on.de: Was glauben Sie wird zukünftig passieren?

Thomas R. Köhler: Ich kann nur hoffen, dass das Bewusstsein für IT-Sicherheit und Privatsphäre bei den Anwendern privat wie geschäftlich ansteigt. Vergessen Sie nicht: Heutzutage ist jeder irgendwo Anwender und Dienstnutzer und an den genannten US-Plattformen kommt kaum jemand vorbei.

Wir brauchen eine öffentliche Diskussion über das Thema und kein mehr an Geheimniskrämerei. Von der Politik erwarte ich allerdings nichts, bereits in der Vergangenheit war man ja in der EU bereit, Fluggast- und Zahlungsverkehrsdaten an die Vereinigten Staaten weiterzugeben und hat der Datenaggregation der großen Internetdienste mehr oder weniger tatenlos zugesehen.  

Das tröstliche an den nun aufgeflogenen globalen Überwachungsaktivitäten der Vereinigten Staaten ist aber allein die Tatsache, dass es im Internetzeitalter nicht mehr gelingen kann, irgendetwas von wichtigem öffentlichem Interesse dauerhaft geheim zu halten oder anders gesagt: wir steuern auf eine „Zeit ohne Geheimnisse“ zu.

(Sascha O. Zöller)


 


 

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