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Super-GAU von Tschernobyl

Wildschweine und Pilze aus Bayern zum Teil immer noch radioaktiv belastet

Zwei, drei Mal im Jahr kommt bei Edmund Lengfelder ein Wildschweinbraten auf den Tisch. Das Fleisch stammt von Jägern aus seinem Bekanntenkreis. Doch bevor der Braten in den Ofen geschoben wird, zückt der Münchner Strahlenbiologe und altgediente Atomkritiker einen Geigerzähler und fahndet nach Spuren radioaktiver Stoffe.

"Das Fleisch wird systematisch auf Verstrahlung untersucht. Ich werde sicherstellen, dass kein Becquerel aus Tschernobyl in meinen Körper kommt."

Tschernobyl - das Schreckenswort. Am 26. April 1986 explodierte Block A des sowjetischen Atomkraftwerks in dem damals völlig unbekannten ukrainischen Ort. Bei dem anschließenden Brand stiegen große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre auf. Wind trieb die kontaminierten Wolken auch nach Deutschland. Wo sie abregneten, war der Boden radioaktiv verseucht. Bis heute sind die Nachwirkungen dieses - trotz Fukushima - bislang wohl folgenschwersten Reaktorunfalls zu spüren, vor allem in Süddeutschland.

Cäsium-137 im Waldboden

Unter den strahlenden Substanzen, die damals als sogenannter Fallout auf Bayern herabregneten, waren Stoffe wie Jod und Cäsium-134. Sie sind mittlerweile zerfallen. "Praktisch relevant" ist heute nach Auskunft des Bayerischen Landesamtes für Umwelt nur noch das längerlebige Cäsium-137 mit einer Halbwertzeit von 30 Jahren. Halbwertzeit nennt man die Zeit, in der die Hälfte aller Atome einer Probe zerfallen sind. Cäsium-137 hat sich vor allem in Waldböden angesammelt.

Nicht ganz Bayern wurde damals gleich stark kontaminiert. Als besonders belastet gelten Teile des Bayerischen Waldes entlang der tschechischen Grenze, das Berchtesgadener Land, der südliche Landkreis Miesbach und eine große Zone westlich von Augsburg. "Überall dort, wo es Ende April 1986 starke Regenfälle und Gewitter gab", sagt Lengfelder.

Die Maßeinheit Becquerel misst die Aktivität eines radioaktiven Stoffes. Sie gibt an, wie viele Atome pro Sekunde zerfallen. Für Lebensmittel gilt in der Europäischen Union ein Grenzwert von 600 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm, für Milch nur 370 Becquerel. Nahrungsmittel, die über diesen Werten liegen, dürfen nicht in den Handel gebracht werden.

Reh und Reherl unbedenklich

Warum Wildschweine immer noch besonders belastet sind, erklärt der Bayerische Jagdverband (BJV): Die Tiere ernähren sich besonders gerne von sogenannten Hirschtrüffeln sowie Maronenröhrlingen, die als Radionuklidsammler gelten. Etwa zwei Prozent der durchschnittlich 45.000 bis 50.000 Wildschweine, die in Bayern pro Jahr erlegt werden, liegen über dem Grenzwert von 600 Becquerel. Dieses Fleisch muss von den Jägern in einer Tierkörperverwertungsanstalt abgeliefert werden.

Um sicherzustellen, dass in Bayern nur unbelastetes Wildbret auf den Tisch des Verbrauchers kommt, hat der BJV 64 Messstellen eingerichtet. Weitere zehn Stationen sollen in Kürze dazukommen. Zum Glück blieben die Regionen mit den höchsten Wildschweinpopulationen, etwa Unterfranken, von der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl verschont. Reh- und Rotwild seien aufgrund ihrer anderen Ernährungsweise "so gut wie unbelastet", schreibt der Jagdverband.

Andere Waldfrüchte, etwa Heidelbeeren, seien "nicht so tragisch", sagt Lengfelder. Unter den Pilzen sieht er nur den besagten Maronenröhrling, den auch Wildschweine gerne fressen, kritisch. Für die beliebten Reherl (Pfifferlinge) und Steinpilze gibt der Experte Entwarnung.

Ein Pilzgericht gleich Ferienflug

Die allgemeine Strahlenbelastung entspricht in Bayern schon seit Beginn der 1990er Jahren wieder der natürlichen Umgebungsstrahlung. In Ackerböden ist die Belastung nach Angaben des Landesumweltamtes durch regelmäßiges Pflügen und jährliches Abernten kontinuierlich gesunken. "In landwirtschaftlichen Erzeugnissen sind heute keine oder nur geringe Cäsium-137-Konzentrationen nachweisbar." Dies gilt, wegen der guten Filterwirkung des Bodens, auch für Trinkwasser. Es wird in Bayern zu 95 Prozent aus Grundwasser gewonnen.

1986 waren die Umgebungs-Messwerte durch Tschernobyl zumindest kurzzeitig deutlich angestiegen. Viele Menschen verzichteten auf Gemüse aus dem eigenen Garten und Milch aus der Gegend. Wer heute aus selbst gesammelten Pilzen doch eine größere Dosis Radiocäsium zu sich nimmt, braucht laut Umweltamt nicht in Panik zu verfallen. Selbst der Genuss von 200 Gramm Pilzen mit 4.000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm entspreche einer radioaktiven Belastung von 0,01 Milisievert. Dies lässt sich laut Bundesamt für Strahlenschutz mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt am Main nach Gran Canaria vergleichen.

Das Bundesumweltministerium schreibt: "Bei normalen Verzehrgewohnheiten von Wildpilzen und Wildfleisch, die nicht zu den Grundnahrungsmitteln gehören und im Regelfall nur in relativ geringen Mengen verzehrt werden, besteht aus strahlenhygienischer Sicht keine gesundheitliche Gefährdung." Lengfelder meint hingegen, dass jedes unnötige Becquerel eines zuviel ist.

(dapd-bay Anna Ringle-Brändli)


 


 

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