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Skater-Pionier Titus Dittmann

„Im Grunde bin ich ein extrem ängstlicher Mensch“

Eigentlich ist es seine größte Gabe, die ihm stets zum Vorwurf gemacht wurde: Seine Neugierde, gezielt ab und zu mal aus dem Rahmen zu fallen, wenn es der „Sache“ dienlich ist und nicht zu vergessen „das Brett mit den vier Rollen“. Business-on.de sprach mit Skater-Legende Titus Dittmann, der sich selbst „Weltmeister im Adaptieren“ nennt nicht davor zurückschreckt, immer wieder Grenzen einzureißen.

business-on.de: Herr Dittmann, die letzte „große Etappe“ Ihres Lebens liegt gerade einmal ein paar Wochen zurück, als Sie kurz vor der „6. skate-aid night“ in Kitzbühel mit dem „Laureus-Medien-Preis“ ausgezeichnet wurden. Fühlen Sie Genugtuung? Vielleicht auch ein bisschen Schadenfreude? In Ihrem Leben ist schließlich auch einiges schief gelaufen.

Titus Dittmann: Von allem ein wenig. Fakt ist, es stehen genau die gleichen Eigenschaften, für die ich im November 2010 ausgezeichnet wurde, auch für jene Zeiten meines Lebens, in denen ich fast schon geächtet war: von den Banken und auch von Teilen der Gesellschaft. Ich will nicht jammern, rückblickend war es eine sinnvolle Erfahrung, wie ich heute weiß. In einem Alter, in dem sich viele zur Ruhe setzen, bin ich noch mal neu durchgestartet. Das hält jung und auf Trab.

business-on.de: Ihre Aktivitäten haben Sie in die größten Krisenregionen der Welt geführt. Dennoch leben Sie sehr gern in der Sicherheit jener Gesellschaft, die Sie teilweise auch kritisieren. Wie passt das?

Titus Dittmann: Das passt für mich sehr gut, denn viele hier in Deutschland wissen schon gar nicht mehr wie gut es ihnen geht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich das Individuum für nichts, schon gar nicht für sich selbst verantwortlich fühlt. Wenn es hier schneit, denken viele gleich darüber nach, wen sie für ihren Beinbruch verantwortlich machen könnten. Meiner Meinung nach gibt es hier viel zu viele Versicherungen und kaum noch wirkliche Verantwortung.

business-on.de: Das haben Sie ja gründlich ausgehebelt. Mit Ihrer Organisation „skate-aid“ unterstützen Sie sowohl Kinder aus Deutschland aber auch in den Krisenregionen von Afghanistan und Ländern Afrikas.

Titus Dittmann: Ja, wir wollen Kindern durch Skateboarden ein Stück Leichtigkeit in ihren kriegsgeprägten Alltag zurückbringen. Gemeinsam mit Grünhelme e.V. haben wir 2010 den ersten skate-aid Schul-und Skatepark an einer Schule im Westen Afghanistans gebaut. Aktuell starten wir mehrere Projekte in Uganda, Tansania, Kenia und Südafrika. In Deutschland kooperieren wir mit einem Kinderhospiz. Wir möchten schwerkranken Kindern die Möglichkeit geben, durch das Skateboarden noch einmal Lebensfreude zu empfinden, also „noch mal richtig Gas zu geben“.

business-on.de: Sie kommen aus einer sehr behüteten Welt. Sie haben auf Lehramt Sport und Geographie studiert um in den 90ern als Lehrer zu unterrichten. Ihre Diplomarbeit widmete sich dem Thema Skateboarding und Schulsportunterricht. Was ist passiert, dass Sie ein solcher „Peter Pan“ geworden sind? 

Titus Dittmann: Werde ich hier gerade belächelt? Wieso? Ich hoffe, die Vorbildfunktion, die ich als Lehrer suchte, konnte ich mir bis zuletzt bewahren. Als Lehrer ging das nur bedingt, da kam das Brett mit den vier Rollen wie eine Art Fügung für mich. Als das Ding aus den USA zu uns rüberkam, habe ich gleich gespürt, dass es sich bei dem Skateboard um mehr als einen Trendsport oder irgendeine Freizeitbeschäftigung handelt. Es ist „erwachsenen-untaugliches Ausdrucksmittel und Lebenswelt“. Damit erschließt sich für Kinder und Jugendliche eine ganz eigene Welt, die ihnen gleichzeitig eine Art „geschützten Raum“ bietet.

business-on.de: Sie selbst sind aber schon erwachsen geworden, oder? Das muss man ja sein, um erfolgreicher Geschäftsmann, verantwortungsvoller Familienvater, leidenschaftlicher Autorennfahrer und Fallschirmspringer zu werden.

Titus Dittmann: Ich bin ein extrem ängstlicher Mensch. Will sagen, ich habe stets und bei allem was ich tue das „Worst-Case-Szenario“ vor Augen. Im Job, beim Sport und auch bei meinen Auslandsaufenthalten. Ich brauche dementsprechend immer 100 Prozent Aufmerksamkeit. Risiko hat nichts mit Todesmut zu tun. Risiko kann man sich nur dann leisten, wenn man hellwach ist und alle Sinne geschärft sind.
Generell bin ich mit meiner Ängstlichkeit in Deutschland nicht allein, nur versuche ich sie eben in Wachsamkeit zu wandeln. Das ist meine Form von Eigenverantwortung. Diese Form von Angst steht in krassem Gegensatz dazu, dass sich die Mehrheit der Deutschen beispielsweise vor dem Rinderwahn fürchtet. Und das ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Menschen hierzulande an Herzkranzverengung durch zu fettes Essen sterben. Aber ist ja logisch. In Sachen Rinderwahn kann man ja wunderbar anderen die Schuld zuweisen.

business-on.de: Was würden Sie all jenen Verdrossenen verordnen?

Titus Dittmann: Eine Woche Urlaub in Afghanistan. Das heilt. Das erdet und macht zum Schluss wieder dankbar, hier leben zu dürfen.

Das Unternehmen „Titus“ ist europaweit führend im Einzelhandel mit Skateboards & Streetwear. Mit rund 40 Titus-Shops, Versand- und Onlinehandel, Events und Medien bedient das Multichannel-System die Bedürfnisse der jugendlichen Kunden.
Ausgezeichnet mit renommierten Preisen aus Wirtschaft und Gesellschaft ist Titus Dittmann im „Establishment“ angekommen. Seine Kontakte in Politik, Medien und Kultur nutzt er, um sich für die „pubertierenden Rotzlöffel“ einzusetzen. Und bleibt seiner Zielgruppe, seinen Idealen und seiner Passion treu.
2009 gründet Titus Dittmann eine eigene Stiftung . Mit der Initiative „skate-aid“ unterstützt er weltweit Kinder- und Jugendprojekte, die über das Skateboarding humanitäre Hilfe leisten. Da wo das Leben von Terror, Gewalt und Zerstörung geprägt ist, will er die Hoffnung für Kinder ins Rollen bringen. Im Frühjahr 2010 baut er gemeinsam mit Kooperationspartner Grünhelme e.V. den ersten „skate-aid“ Sportpark an einer Schule in Afghanistan (Karokh).

(Edda Nebel)


 


 

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