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Tschernobyl-Katastrophe

Geboren am 26. April 1986 in München

Als am 26. April 1986 im ukrainischen Tschernobyl Reaktor 4 des Atomkraftwerks explodierte, war Regine Bergner* gerade im Krankenhaus. Um 13.08 Uhr kam ihr Sohn Philipp* in der Geisenhofer Klinik in München auf die Welt.

Von der Katastrophe, die sich rund 1.400 Kilometer entfernt ereignet hatte, erfuhr sie erst später. Doch die Tatsache, dass der Geburtstag ihres Sohnes genau mit der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie zusammenfällt, hat ihre Wahrnehmung verändert.

Fast drei Tage dauerte es, bis die Nachrichten aus Tschernobyl Deutschland erreichten. Bergner erinnert sich, dass ihr Mann sie im Krankenhaus besuchte und davon erzählte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Informationen allerdings noch ziemlich spärlich. Das Ausmaß der Katastrophe war der jungen Familie aus Augsburg zu diesem Zeitpunkt ebenso unklar wie fast allen anderen Deutschen.

Kaum belastbare Informationen

Wirklich angefangen, sich Sorgen zu machen, hat sie erst später - als die Folgen der Katastrophe immer deutlicher wurden, als bekannt wurde, dass auch etwa der Regen radioaktiv verseucht war, der Boden, das Fleisch, das Gemüse, die Pilze. Im Nachhinein sei sie erleichtert gewesen, dass sie eine Woche im Krankenhaus war - und damit eine Woche nicht im Freien, berichtet Bergner.

Belastbare Informationen gab es nur wenige. "Die Dinge, die wir wissen wollten, mussten wir selbst in Erfahrung bringen." Keiner sei damals an sie herangetreten und habe davor gewarnt, das Haus zu verlassen oder bestimmte Sachen nicht zu essen. Es herrschte Verunsicherung.

Bergners Vorteil: Ihr Mann war Förster. Viele Nahrungsmittel wurden damals auf radioaktive Belastung getestet - Informationen, von denen die Bergners eher erfuhren als andere. Weil sie stillte, achtete sie besonders darauf, möglichst nur Sachen zu sich zu nehmen, die nicht im Freien angebaut wurden. "Wir haben den Gärtner einfach danach gefragt, was im Treibhaus angebaut wurde und was nicht." Auf manchen Spaziergang mit dem Kinderwagen verzichtete sie lieber.

Viele Mütter waren verunsichert

Wie Bergner ging es zu dieser Zeit vielen Müttern. Auch Cornelia Stadler aus Petershausen in der Nähe von München, deren Tochter am Tag des Unglücks gerade 20 Tage alt war, berichtet von einer großen Verunsicherung. "Bis sich das Unglück in Bayern in herumgesprochen hat, war es Mai", erzählt sie. Vor den Gefahren hätten nicht die deutschen, sondern die österreichischen Medien erstmals gewarnt. Ihr Mann arbeitete als Lehrer und hatte damit die Möglichkeit, sich einen Geigerzähler auszuleihen. "Die Pfütze war verstrahlt, der Staubsaugerbeutel, alles", erinnert sie sich.

Gemeinsam mit anderen Frauen schloss sich Stadler zum Verein "Mütter gegen Atomkraft" zusammen - und ist bis heute aktiv. Zum einen ging es um ganz praktische Fragen. Etwa darum, wie tief man den Sand im Sandkasten abtragen musste, oder woher man Milchpulver bekam. Sie beteiligten sich an Diskussionen und Seminaren und organisierten Infostände. Zugleich engagierten sich die "Mütter gegen Atomkraft" politisch, vor allem gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. "Wir wollten ein Zeichen setzen gegen Verstrahlung und Verlogenheit", erklärt sie.

Auch Bergner lehnt die Kernkraftnutzung ab. Es ist eine Technologie, die ihr Angst macht. Weil sie unsichtbar ist. Weil die Folgen der Verstrahlung teilweise erst nach Jahren offenbar werden. "Du riechst es nicht, du schmeckst es nicht, du weißt eigentlich gar nicht, wie viel du schon abgekriegt hast", sagt Bergner.

Besonderes Verhältnis zur Frage der Atomkraft

Das Bedürfnis, sich zu vernetzen, habe sie in den Wochen nach der Geburt ihres Sohnes allerdings nicht gehabt. Damals sei sie auch noch davon ausgegangen, dass nach ein paar Wochen die Bedrohung vorbei sei. "Wir haben damals einfach viel zu wenig darüber gewusst", konstatiert sie. Erst Schritt für Schritt erst habe sich das wahre Ausmaß der Katastrophe von Tschernobyl offenbart.

Als sich am 11. März dieses Jahres erneut ein Atomunfall ereignet und die ersten Nachrichten aus dem Atomkraftwerk Fukushima um die Welt gehen, fühlt sie sich zurückerinnert an den Mai 1986. "Mir tun die Menschen in Japan wahnsinnig leid", sagt sie. Welche Auswirkungen diese Katastrophe haben wird, ist derzeit noch offen. "Dass die Strahlung doch gefährlicher ist, als wir zunächst angenommen haben, haben wir auch erst viel später erfahren. Den Japanern wird es sicher ähnlich gehen", vermutet sie.

Natürlich hat Regine Bergner, ebenso wie ihr Sohn Philipp, einen besonderen Bezug zur Frage der Atomkraft. Jedes Jahr am Geburtstag des Sohnes wird sie auch an Tschernobyl erinnert. "Es ist nicht so, dass wir jedes Jahr am Geburtstag darüber diskutieren. Aber das begleitet uns natürlich auch das ganze Leben", sagte sie daher. Eines ist für sie klar: Über kurz oder lang muss die Nutzung der Atomkraft beendet werden. Ob dies allerdings so schnell gehen wird, wie in diesen Tagen viele fordern, wagt sie zu bezweifeln.

* Namen von der Redaktion geändert

(dapd-bay Nicole Scharfschwerdt)


 


 

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