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Viktualienmarkt

Händler fürchten um Alt-Münchner Flair am Viktualienmarkt

Stadt will "gute Stube" sanieren - Keine "Schmankerlparade" geplant

Nicht der zugige Marienplatz, sondern der Viktualienmarkt ist die "gute Stube" der bayerischen Landeshauptstadt. Auf 22 000 Quadratmetern bieten 140 Händler ihre Waren feil: Obst, Gemüse, und Südfrüchte, frische Kräuter, Blumen und Pflanzen, Wild und Geflügel, Fleisch, Fisch, Eier und Käsesorten aus ganz Europa. Hier decken sich viele Münchner Feinschmecker mit frischen Lebensmitteln ein. Und Touristen aus aller Welt können im Schatten des Alten Peters studieren, was es mit katholisch-bayerischer Lebensfreude auf sich hat. Doch das Areal mit den hölzernen Verkaufsständen, dem Maibaum und den Gedenkbrunnen für die Volkssänger Karl Valentin, Liesl Karlstadt und Weiß Ferdl ist in die Jahre gekommen.

Längst entsprechen die grün gestrichenen Häuschen nicht mehr den strengen Hygienebestimmungen der EU. Viele haben nicht einmal Strom und fließendes Wasser, von Toiletten ganz zu schweigen. Zulieferer haben zudem Probleme, die Stände anzufahren. Und auch der optische Gesamteindruck lässt oft zu wünschen übrig. Vor allem im Winter und bei Regenwetter gleicht der Markt einer Zeltstadt. Um ihre empfindlichen Waren vor Kälte oder Nässe zu schützen, haben viele Händler die Stände mit durchsichtigen Plastikplanen eingehaust. "Ein furchtbarer Verhau", schimpft Wolfgang Püschel (SPD), Vorsitzender des für den Markt zuständigen Münchner Stadtteilparlaments.

Die Stadtverwaltung hat nun ein Planungsbüro beauftragt, Vorschläge für eine grundlegende Sanierung des Marktes auszuarbeiten. Obwohl der Viktualienmarkt in seiner Gesamtheit nicht unter Denkmalschutz steht, preist ihn die Münchner Kommunalreferentin Gabriele Friderich als bedeutenden Teil der Stadtkultur und echtes Kleinod. Eine "grundlegende Erneuerung der Bausubstanz" sei freilich nicht zu umgehen. Dabei solle der Markt seinen Charakter als Lebensmittelmarkt für die Nahversorgung behalten, auch wenn man um Zugeständnisse an die Touristen nicht herumkomme.

Solche Worte alarmieren die Händler. "Die Zelte gefallen uns ja auch nicht", sagt Christine Hirschauer von der Interessengemeinschaft der Viktualienmarkthändler. Man wolle aber nicht, dass der Markt luxussaniert werde. "Wie sähe das denn aus, wenn alle Schirme und Stände einheitlich gestaltet würden. Das wäre doch total langweilig." Als abschreckendes Beispiel nennt Hirschauer ein vor wenigen Jahren von der Stadt errichteten Unterstand für Gemüsehändler, den die Marktfrauen ob seiner gestalterischen Extravaganz "Ufo" nennen. Das Dach sei viel zu hoch und unpraktisch, sagt Hirschauer. Unter der schicken Konstruktion haben die Händler ein veritables Plastikzelt aufgeschlagen, um ihre Waren vor Sonnenlicht und Kälte zu schützen.

Sorge macht den Marktleuten zudem die Absicht der Stadt, im Zusammenhang mit der Sanierung die Standpachten zu erhöhen. Bislang
hätten auch Nischenangebote, wie die beiden Kartoffelhändler, die in Strohkörben vielerlei Kartoffelsorten präsentieren, eine Chance. Doch wenn die Pachten noch weiter stiegen, bestehe die Gefahr, dass solche Angebote endgültig unrentabel würden, fürchtet Hirschauer. "Wir wollen nicht, dass es dann nur noch Schmankerlbuden gibt oder dass Feinkost Käfer und Dallmayr hier einziehen."

Friderich versichert, auch die Stadt sei an einer bunten, bodenständigen Mischung des Angebotes interessiert. "Der Markt soll sich nicht zur Schmankerlparade oder Fressmeile entwickeln."

Auch Stadtteilbürgermeister Püschel wünscht sich Fingerspitzengefühl bei der Sanierung des Viktualienmarktes. Er bringt die benachbarte Schrannenhalle ins Spiel, deren Entwicklung ein städtebauliches Trauerspiel darstellt. Die langgestreckte, gläserne Halle, Vorläuferin der städtischen Großmarkthalle, war 1932 abgebrannt und 2005 unter Verwendung von geretteten Originalteilen wiederaufgebaut worden. Der private Betreiber setzte vor allem auf Veranstaltungen und Gastronomie, hatte damit aber kein Glück. Mittlerweile steht die Immobilie im Herzen der Stadt leer.

Püschel schwebt vor, Händler mit empfindlichen Waren, wie Obst und Gemüse, künftig in der Schranne anzusiedeln und diese wieder zu einer echten Markthalle zu machen. Ein neuer Betreiber hat schon Ähnliches verlauten lassen. Doch Hirschauer ist skeptisch. Die Pachten würden wohl viel zu hoch sein, außerdem würde die Halle im Sommer von Kunden gemieden: "Freiwillig geht da keiner von uns rein."

(ddp-Korrespondent Georg Etsche)


 


 

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