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  • 02.10.2009, 10:32 Uhr
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Interview mit Ulrich Braeß

„Wer Deutsch spricht, kauft Deutsch“

Ulrich Braeß ist studierter Betriebswirtschaftler und derzeitiger Leiter des Goethe Instituts in Washington D.C. Das 1951 in München gegründete Kultur- und Sprachinstitut nimmt weltweit zentrale Aufgaben der auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik wahr. Inwieweit Wirtschaft und Kultur Hand in Hand gehen und wo die Unterschiede zwischen München und Washington liegen, verrät Braeß business-on.de.

business-on.de: Sie haben BWL und Mathematik studiert und leiten seit Jahren Deutschlands Kultur- und Sprachinstitut im Ausland. Waren Sie in der Schule der bessere Mathe- oder Deutschschüler?

Ulrich Braeß: (lacht) Ich war nie ein guter Schüler. Wenn meine Deutschlehrerin aus der 5./6.Klasse hören würde, dass ich seit bereits sechs Jahren das Goethe Institut im Ausland leite, würde sie mit dem Kopf schütteln. In meinen 30 Berufsjahren habe ich gelernt, dass wir in Deutschland viel zu früh selektieren und die Studiengänge viel zu spezifisch sind.

business-on.de: Sie waren 15 Jahre in der Versicherungswirtschaft tätig. Wie kam der Wechsel in den Kulturbereich?

Ulrich Braeß: Ich hatte immer schon Lust, etwas im Kulturbereich zu machen. 1995 kam dann durch einen glücklichen Zufall das Goethe Institut auf mich zu. Damals waren die Institute in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Dazu muss man sagen, dass sich die Einrichtungen selbst finanzieren. Die Situation war für mich also mehr eine Management-, denn eine kulturelle Aufgabe. Ich nahm das Angebot an und blieb daraufhin acht Jahre in München. Als die Schulden abgebaut waren, ergab sich 2003 die Möglichkeit langfristig nach Barcelona zu gehen. Dort leitete ich das Institut dann sechs Jahre und wechselte im Februar 2009 nach Washington D.C.

business-on.de: Welche Rolle spielt die Wirtschaft im Goethe Institut Washington als Nonprofit-Organisation?

Ulrich Braeß: Als kleines mittelständisches Unternehmen müssen wir zusehen, dass dieser Betrieb im Rahmen des Budgets kostendeckend arbeitet. Dabei haben wir einen Umsatz von jährlich 1,2 Mio Dollar. Unser Sprachkursbereich finanziert sich auch hier in Washington selbst. Die Kulturprogramme finanzieren sich teils selbst und teils aus den Mitteln, die uns aus Deutschland zufließen. Inhaltlich ist unser Begriff von Kultur ein sehr weiter, dazu gehören auch wirtschaftliche Themen. Als Teil unserer Veranstaltungen werden wir im kommenden Jahr einen Schwerpunkt im Bereich Wirtschaft und Kultur haben. Es werden Schnittpunkte deutlich gemacht und das nicht nur platt auf das Thema Sponsoring bezogen. Was die Realisierung des Projekts bezüglich Programme und Inhalte angeht, wird es dazu im Februar einen Kick-Off in München geben.

business-on.de: Wird in Zeiten der Krise an Kultur und Kunst gespart?

Ulrich Braeß: In den USA gibt es dramatische Einbrüche im Kulturbereich, weil dieser zu einem Großteil durch Sponsoring finanziert wird. Es ist kein Geheimnis, dass das Kennedy-Center „der Ring des Nibelungen“ groß aufführen wollte, wobei bereits eine Kooperation mit dem Goethe Institut in Form von Intendanten- und Hintergrundgesprächen für Experten vereinbart wurde. Die Oper konnte nicht aufgeführt werden, weil zwei der drei Großsponsoren Banken waren und nicht mehr mitfinanzieren konnten. Und das ist nur ein Beispiel dessen, was man hier im gesamten Bereich findet. Aber gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Leute darauf vertrauen, in Bildung, d.h. Sprachen lernen, zu investieren. Sie erkennen, dass der Return on Investment vielleicht größer sein könnte, als sein Geld bei Lehman Brothers anzulegen. Solche Erkenntnisse greifen Platz und unsere Sprachkurse sind nicht dramatisch zurückgegangen.

business-on.de: Wie steht es um die Ressourcen für die auswärtige Kulturpolitik?

Ulrich Braeß: Die Mittel, die uns aus Deutschland für unsere Arbeit zufließen, sind gut investiertes Geld. Wer deutsch lernt, der kauft deutsch und wer Sympathien für Deutschland hegt, der ist ein guter Kunde für die exportorientierte Wirtschaft in Deutschland. Wenn sich Deutschland als Exportweltmeister ein Umfeld schaffen will, muss auch das Umfeld gepflegt und Sympathie für Deutschland geweckt werden. Die deutsche Wirtschaft hat hier mit dem Goethe Institut eine wichtige Plattform. Wer im Institut präsentiert, der kauft mit dem positiven Image einen erheblichen Image- und damit Wettbewerbsvorteil ein. Ob die Mittel aus dem Heimatland in Zukunft jedoch weiter so zur Verfügung stehen und was mit dem deutschen Bundeshaushalt passieren wird, weiß man nicht. Da bin ich skeptisch.

business-on.de: Momentan geht es Ihnen aber noch recht gut?

Ulrich Braeß: Die Goethe Institute weltweit haben seit 15 Jahren grob gerechnet denselben Haushalt, was erstmal gut klingt. Jetzt haben wir hier aber eine Inflationsrate von 3-4% im Jahr, das sind bei 15 Jahren mal eben über die Hälfte der Kaufkraft, die weg sind. Deshalb mussten auch schon einige Institute schließen. Momentan hilft uns der Dollarkurs natürlich, aber die Zeiten waren und werden auch wieder andere, da bin ich mir sicher. Einen wichtigen Teil unserer Einnahmen hier in Washington erzielen wir neben den Sprachkursen durch Vermietung unserer Infrastruktur . Wir versuchen schon, das Geld zusammenzukratzen und sind auch durchaus in der Lage, einiges selber zu finanzieren.

business-on.de: Wo liegen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Orten?

Ulrich Braeß: Die Unterschiede sind regional bezogen. Barcelona ist zeitgenössisch, experimentell, unpolitisch, während in Washington die Politik im Vordergrund steht. Vom künstlerischen und kulturellen Umfeld her, ist die amerikanische Hauptstadt klassischer und konservativer, wobei diese Begriffe auch durchaus positiv belegt sind. Thematisch dominieren in Washington politiknahe Themen.

business-on.de: Und der Unterschied zu München?

Ulrich Braeß: Washington und München ähneln sich von dem was das Publikum sucht und erwartet, da beide Regionen klassisch und konservativ sind.

business-on.de: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Amerikanern im Kulturbereich?

Ulrich Braeß: Man ist hier bei Weitem nicht so verkopft, wie es in Deutschland der Fall ist. Was das Angehen von Themen, Projekten und Problemen angeht, sind die Amerikaner direkter, was erfrischend ist und einem auch manchmal die Augen öffnet. Man fragt sich, warum man in Deutschland immer erst drei Bogenfahrten machen muss, ehe man zum Kern des Themas kommt.

business-on.de: Wieviel Interesse haben Amerikaner an deutscher Kultur?

Ulrich Braeß: Unser Kino ist immer voll und auch die Sprachkurse sind gut besucht. Außerdem erleben wir mit unseren Ausstellungen stets einen guten Niederschlag in der Washington Post. Die letzte Portraitserie, „Dreizehn“ von Janina Wick, wurde sogar über eine ganze Seite besprochen. Es ist also sowohl auf der professionellen Seite, als auch auf der „Konsumentenseite“ das Interesse da. Doch meine Erfahrung ist, dass das im Rahmen der Globalisierung auch nachlässt. Mit wachsendem Einfluss von China, Indien und den Tigerstaaten nimmt die Bedeutung Europas, und damit auch Deutschlands, in den USA und weltweit ab.

business-on.de: Eines der Hauptziele des Goethe Instituts ist „die Aktualisierung des Deutschlandbildes in den USA“. Wie sieht dieses Bild aus?

Ulrich Braeß: Das Deutschlandbild ist leider oft nicht tief genug in der Information und dadurch teilweise mit Vorurteilen belastet. Wenn es in Deutschland beispielsweise rechtsradikale Übergriffe gibt, dann steht das hier in der Zeitung und auf Internetseiten wird gewarnt, etc., wodurch das Ganze eine leichte Überpointierung erhält. Die an Deutschland interessierten Schichten sind jedoch insgesamt recht gut Informiert und haben auch ein aktuelles und positives Deutschlandbild. Im Umfeld der Interessierten gibt es aber auch Einwanderer der ersten oder zweiten Generation, wo sich das Deutschlandbild, das man aus Zeiten der Auswanderung hatte, mit dem aktuellen Bild mischt. Das ist aber eine ganz typische Migrationserscheinung.

business-on.de: Herr Braeß, vielen Dank für das Gespräch.

(Nurcan Özdemir)


 


 

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