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Willensstärke

Willensstärke – die vernachlässigte Businesskompetenz

Motivation, Zeitmanagement und Durchsetzungsvermögen wird in Seminaren geschult - doch der wirklich ausschlaggebende Erfolgsfaktor Willensstärke wird oft sträflich vernachlässigt. Dabei wissen wir: Ohne sie erreichen wir unsere Ziele nicht!

Die Businesscoaches Reinhold Stritzelberger und Peter Gerst zeigen: Diese Eigenschaft lässt sich trainieren.

Gerhard Kaufmann leitet eine Abteilung mit elf Mitarbeitern eines mittelständischen Maschinenbauers. Mitarbeitergespräche, Teamsitzungen, Abteilungsleitertreffen, Einsatzplanung, Strategieplanung... Zehn- bis Zwölf-Stundentage sind bei ihm normal, manchmal wird es auch länger. Der Ingenieur ist hochmotiviert, seine Arbeit macht ihm im Prinzip Spaß - und doch ist er unzufrieden. Irgendwie hat er das Gefühl, dass er nicht so effizient arbeitet, wie er das eigentlich können müsste.

Immer wieder bleiben wichtige Arbeiten liegen: Präsentationen, Berichte, Kontaktpflege mit Kunden, Überlegungen zur Neuorganisation und einiges mehr. Das belastet, stresst und bedrückt den Abteilungsleiter immer wieder, nimmt ihm auch Energie, und manchmal fragt er sich, ob er vielleicht doch nicht richtig motiviert ist. Er hat deshalb schon auf eigene Kosten an Motivationsseminaren teilgenommen, Projektleiter-Kurse belegt und diverse Ratgeber zum Thema Zeit- und Selbstmanagement gelesen.

"Die Seminare und Ratgeber waren alle gut. Ich konnte einiges für mich herausziehen", fasst Gerhard Kaufmann seine Erfahrungen zusammen, "aber an meinem Grundproblem hat sich im Kern nichts geändert. Nach wie vor passiert es mir immer wieder, dass ich mich von bestimmten Tätigkeiten ablenken lassen und dafür dann langfristig Wichtiges liegen bleibt. Dabei bin ich sehr motiviert, es zu tun, aber offenbar mangelt es mir an Willensstärke."

So geht es nicht nur Abteilungsleiter Kaufmann. "Fälle wie diese erleben wir in unseren Seminaren und Trainings sehr häufig", berichten Peter Gerst und Reinhold Stritzelberger, beide Businesstrainer und Autoren des Buches "Willensstärke: Energien freisetzen, Ziele erreichen", das jetzt erschienen ist. "Wenn wir unsere Teilnehmer fragen, warum sie bestimmte Ziele in der Vergangenheit nicht erreicht haben, dann lautet die selbstkritische Antwort meist: Mir hat es an Willensstärke gefehlt. Selten sagt jemand, er sei nicht motiviert genug gewesen."

Willensstärke ist trainierbar

Doch während Unternehmen viel in Führungsfähigkeit, Kommunikationskompetenz und Verkaufsrhetorik investieren, vernachlässigen sie den Erfolgsfaktor Willensstärke. Businesscoach Reinhold Stritzelberger spricht aus seiner Erfahrung: "Unternehmen gehen meist davon aus, dass allein die Selbstmotivation ihrer Mitarbeiter ausreicht, um ihre Ziele zu erreichen. Leider wird damit viel Erfolgspotenzial verschenkt."

Motiviert zu sein und sich selbst motivieren zu können ist zwar eine enorm wichtige Voraussetzung und Fähigkeit, ein Ziel zu erreichen" - aber, so Peter Gerst, reicht allein nicht aus. Der ebenfalls erfahrene Coach erklärt: "Selbstmotivation beinhaltet zwar die Lust und die Energie, um loszugehen, im Beruf brauchen wir aber zusätzlich Willensstärke, um es tatsächlich zu tun und dann auch noch durchzuhalten – gerade dann, wenn es mal wieder unbequem und anstrengend wird." Und letzteres kommt eben immer wieder im Alltag vor.

Dabei stellt sich die Frage, warum Unternehmen Willensstärke nicht genauso häufig vermitteln und trainieren wie die Fähigkeit zur Selbstmotivation. Nach Auffassung von Gerst und Stritzelberger eine Fehleinschätzung: "Viele Menschen meinen, es handele sich bei der Willensstärke um ein naturgegebenes, unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal. Gerade auch viele Entscheider in Unternehmen sind dieser Ansicht. Weil sie nicht wissen, dass man auch Willensstärke systematisch lernen und trainieren kann, bieten sie viel zu wenig Seminare zu diesem Thema an." Und verschenken so wertvolles Potential.

Willensstärke ist wichtiger als Intelligenz

Die Wissenschaft ist da seit Jahren schon weiter. Ihre Untersuchungen belegen: Nicht etwa Faktoren wie Intelligenz oder Durchsetzungsvermögen allein entscheiden über den Erfolg von Menschen. Für das Erreichen ihrer Ziele ist die Willensstärke ausschlaggebend. Stritzelberger und Gerst hatten bereits ein modulares Motivationstraining entwickelt mit dem Ansatz: Erst sich selbst und danach andere motivieren. Nach der großen Resonanz auf dieses Thema wollten sie schließlich um den Faktor Willensstärke erweitern. Sie recherchierten, was Biologen, Psychologen und Hirnforscher dazu an Erkenntnissen gewonnen hatten, entwickelten daraus ein Seminar- und Trainingskonzept, und unterzogen es dem Praxistest. Die Essenz ihrer Erkenntnisse und Methoden haben sie im ihrem Buch "Willensstärke" gebündelt.

Willensstärke: das langfristig Bessere tun

Was auch einem Nicht-Wissenschaftler auffällt: Niemand benötigt Willensstärke, um ein schönes Steak zu essen - wenn er Steaks mag. Mit anderen Worten: Willensstärke ist immer dann überflüssig, wenn wir etwas tun wollen oder sollen, was wir gerne tun, und es keinen Grund gibt, unser Handeln zu bereuen. Das könnte allerdings bei dem Steak der Fall sein, wenn wir gerade das Ziel verfolgen, unseren Cholesterinspiegel zu senken. Dann benötigen wir Willensstärke, um auf diesen Genuss zu verzichten.

Willensstärke als Qualität hilft uns immer dann, wenn wir in einen Zielkonflikt geraten: einerseits schnelle unmittelbare Befriedigung suchen, andererseits aber genau wissen, dass dies unseren langfristigen Interessen widerspricht. Willensstärke unterstützt uns in diesen Fällen dabei, das langfristig Bessere zu tun.

Physiologisch gesehen sitzt die Willensstärke in einem Bereich des Gehirns etwa hinter Stirn und Augen, dem Stirnhirn. Dieser sog. präfrontale Cortex hat sich in der Evolution erst sehr spät gebildet. Und es gibt ihn so auch nur beim Menschen. Dass in diesem Gehirnareal Willensentscheidungen getroffen werden, haben Wissenschaftler aus dem berühmt gewordenen Fall des Phineas Gage geschlossen.

Beispiel: Vermont, 13. September 1848, 16.30 Uhr. Der 25-jährige Vorarbeiter Phineas Gage hat beim Bau einer Eisenbahnlinie eine Sprengung vorbereitet. Ein kleiner Fehler führt dazu, dass ihm bei der Detonation eine 1 Meter lange und 3 Zentimeter dicke Eisenstange in den Schädel dringt. Gage überlebt den Unfall, bleibt sogar bei vollem Bewusstsein und ist bereits zwei Monate später wieder arbeitsfähig. Aber: Seine Persönlichkeit hat sich vollkommen verändert. Aus dem zuverlässigen und umgänglichen Vorarbeiter ist ein respektloser, ausschweifender Mann geworden, mit dem niemand mehr etwas zu tun haben will.

Was damals als Persönlichkeitsveränderung beobachtet wurde, beschreiben Mediziner heute als Frontalhirn-Syndrom. Phineas Gage ist der berühmteste Fall. Die Eisenstange hatte den für das vorausschauende Handeln und die Regulation von Emotionen zuständigen Bereich seines Stirnhirns zerstört. Jener Bereich wird aktiv, wenn es um Willensentscheidungen geht. Denn unser Wille ist immer dann gefordert, wenn wir etwas tun wollen, das erst langfristig zu einer Belohnung führt oder kurzfristig bestimmten Gefühlen widerspricht. Solche vorausschauenden, gefühlsregulierenden Willensentscheidungen gibt es nur beim Menschen.

Der große Vorteil: Menschen können ihr (Über-)Leben damit unabhängig von Instinkten und spontanen Impulsen gestalten. Tiere können das nicht. Ein Hund kann weder Knochen für sein Alter zurücklegen, noch schafft er es, aus gesundheitlichen Gründen seinen Napf nur halb zu leeren. Willensentscheidungen zu treffen ist also eine wertvolle Fähigkeit. Sie kann zu einem längeren und besseren Leben verhelfen.

So gesehen ist Willensstärke ein typisch menschlicher Überlebensmechanismus. Nur leider nutzen wir sie nicht immer. Schuld daran ist ein anderer Teil unseres Gehirns, der ebenso für unser Überleben zuständig ist. Dieser andere Teil unseres Überlebenssystems besteht aus den evolutionsbiologisch älteren Trieben, Instinkten und Verhaltensprogrammen. Auch diese funktionieren hervorragend und taten dies schon, bevor sich die Fähigkeit für Willensentscheidungen ausbildete.

Wille versus Triebe und Instinkte

Helfen uns Willensentscheidungen langfristig gut zu überleben, dann helfen uns Triebe und spontane Impulse beim kurzfristigen Überlebenskampf. Dieses Verhaltensprogramm hat die Evolution für ein Überleben in einer ressourcenarmen, lebensfeindlichen Umgebung hervorgebracht, für den Kampf gegen Wetterunbilden, Nahrungsmangel und den schon sprichwörtlich gewordenen Säbelzahntiger. Die Grundprinzipien unseres „alten“ Überlebensprogramms: sofort und möglichst viel von dem essen, was süß und fettig ist; Feinde und Rivalen sofort angreifen und nach Möglichkeit unterwerfen; vor Gefahren die Flucht ergreifen; wo immer möglich, Energie sparen und sich ausruhen... also genau die Dinge, die wir tun, obwohl wir sie eigentlich eben nicht tun wollen - was wir dann unter "mangelnder Willensstärke" einordnen.

Und genau dies kann einem den Berufsalltag trotz hoher Motivation beschwerlich machen. Denn dieser ist voller Auslöser, die unser impulsgesteuertes Überlebenssystem anspringen lassen. Es treibt uns dazu, vor dem auszuweichen, was uns mühsam oder gefährlich erscheint.

Im Beispiel von Gerhard Kaufman waren dies: die zeitraubenden Kundenpflege-Gespräche, die von oben verordnete Neuorganisation der Abteilung, die Vorbereitung auf die nächste Vorstandspräsentation, schwelende Konflikte unter Mitarbeitern und noch einiges mehr. Stattdessen treibt dieses Überlebenssystem uns dazu an, Bequemeres, Angenehmeres zu tun.

Bei Abteilungsleiter Kaufmann war dies zum Beispiel: Mails abarbeiten, um bei jeder abgesendeten Nachricht sofort die Befriedigung zu erleben, wieder etwas geschafft zu haben; Mitarbeitern bei ihren Aufgaben helfen und dabei mal wieder mit Ingenieurwissen zu glänzen; über Sinn und Unsinn der beschlossenen Neuorganisation des Unternehmens diskutieren.

Hier hat Gerhard Kaufman mit seiner Selbsteinschätzung recht. Mit mehr Willensstärke wäre es ihm möglich gewesen, den Verführungen und Ablenkungen auszuweichen und mehr von dem zu tun, was langfristig wichtig ist, aber vielleicht im ersten Moment unangenehm. Dieser mangelnde Willenskraft ist aber kein Merkmal von Charakterschwäche, sondern womöglich ein Anzeichen dafür, dass er sich zu sehr an anderer Stelle angestrengt hat. Der Grund: die Willenskraft kann wie ein Muskel bei häufigem Gebrauch erlahmen.

Wille als Muskel

Der amerikanische Psychologie-Professor Roy Baumeister zählt zu den bekanntesten Erforschern der Willenskraft. In unzähligen Experimenten hat er Testpersonen nicht nur mit Süßigkeiten in Versuchung geführt, sondern auch mit Ablenkungen, Druck, Lob und dergleichen. Immer zeigte sich: Je öfter die Willenskraft benötigt wurde, um das eigene Verhalten zu regulieren und Versuchungen zu widerstehen, desto mehr erlahmte sie.

Das führt zu einer äußerst wertvollen Erkenntnis: Jede Handlung, für die Willensstärke benötigt wird, bezieht ihre Kraft aus ein und derselben Quelle, und jede erfolgreiche Willenskrafthandlung erschöpft eben diese Quelle ein Stückchen mehr. Mit anderen Worten:

BUCHEMPFEHLUNG:

Ganz gleich, ob jemand eine Reihe zukunftsweisender Entscheidungen für sein Unternehmen fällen, mittags auf den Nachtisch verzichten oder seinen Ärger über den Verkehrsstau unterdrückt – all das raubt ihm Stück für Stück etwas von seiner Willensenergie.
Willenskraft-Forscher Baumeister hat aus all dem einen bedeutsamen Schluss gezogen:

Der Wille funktioniert wie ein Muskel: Zum einen werden Muskeln bei Dauerbeanspruchung schwächer. Kein noch so trainierter Kraftsportler kann unendlich viele Liegestütze hintereinander wegpumpen – irgendwann ist seine Kraft erschöpft. Ebenso verhält es sich mit der Willenskraft. Zum anderen – und das ist die gute Nachricht – lassen sich Muskeln trainieren. Dann steigert sich die Zahl an Liegestützen. Ebenso können wir unsere Willenskraft ertüchtigen. Dann kann sie auch mehr leisten.

(Redaktion)


 


 

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