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Wirtschaftskriminalität

„Held der Arbeit“ - neu definiert!

Da viele Unternehmen in Sachen Wirtschaftskriminalität unzureichend vorbeugen, ist häufig für entsprechend gelagerte Mitarbeiter kaum ein Risiko ersichtlich. Die Kombination von „Gelegenheit“ und „geringes Risiko“ ermöglichen dann den „Gewinn“ – auf jeden Fall ein subjektiv positiveres Ergebnis als vorher.

Wer sich zu Betrug, Untreue oder Unterschlagung hinreißen lässt, befindet sich häufig einer bestimmten persönlichen Zwangslage. In vielen Fällen handelt es sich um finanzielle Engpässe aufgrund von Schulden, überhöhtem Lebensstandard oder Suchtproblemen. Es können aber auch nichtfinanzielle Gründe wie Frustration oder Leistungsdruck (zum Beispiel aufgrund von unrealistischen Zielvorgaben des Unternehmens) zu dem Sinneswandel des „vertrauensvollen Mitarbeiters“ zum „Selbstbelohner“ führen.

Straftaten im Unternehmen werden ausschließlich nur deshalb begangen, weil es eben geht und weil man in Rekordzeit und fast ohne Risiko heute massive Geldgewinne erwirtschaften kann. Die Unternehmen vorhandene Schwachstellen machen es möglich, sowie unzureichende, oder gar fehlende Kontrollen.

Ein Gedanke lässt einen nicht mehr los…

Es gibt für alles ein erstes Mal. Und das findet im Kopf statt. Ist der innere Druck hoch genug und hat man alle Gedanken durchgespielt wird mangels legaler Alternative zunächst einmal alles mit dem Faktor „Logik“ gedanklich erfasst, um dann in der Praxis sicher und erfolgreich zu sein. 

Es wird erst mal geübt und die Rechnung geht meistens auch auf. Schließlich „übt“ jeder Täter erst mal mit Kleinigkeiten. Vor allem um das Gewissen zu beruhigen. Hat ja niemand gemerkt, hat ja „keinen Armen getroffen“. Die erste Tat oft einfach und unkompliziert, vor allem wenn im Unternehmen nichts bemerkte wurde. Dieses „nichts merken“ bedeutet für den kriminellen Mitarbeiter, dass das „nicht so schlimm“ gewesen sein kann, die hätten doch dann was dagegen gemacht. „Die Tat an sich deutet der Täter nicht als solche, sondern vielmehr als „Gewinn“, oder auch später als „Geschäft“.

Das Unternehmen ist übrigens selbst schuld! Warum passen die nicht besser auf ihre Sachen auf? Diese und ähnliche Erklärungen nennt Stephan Brannys als leider oftmals sehr erfolgreiche Bemühungen der Selbstrechtfertigung.

Besonders dramatisch wird es für das Unternehmen, wenn ein Mitarbeiter im Auftrag einen Außenstehenden per Auftrag Straftaten begeht. Hier hat dann der kriminelle Mitarbeiter „nur“ die Aufgabe der Beschaffung, während der Außenstehende die Beute verflüssigt und in Geld umwandelt. In der Regel entstehen so wesentlich größere Schäden im Unternehmen, da den Dieb nur ein Teil des Risikos betrifft.

Diebstahl kann jeder, es bedarf keinerlei besonderer Fähigkeiten, oder Talente und deshalb kann jeder Mitarbeiter zum Täter werden, wenn er gewisse Schwachstellen im Unternehmen erkennt.

„Held der Arbeit“ – neu definiert

Kennen Sie auch Mitarbeiter, die sich aus dem Büro „ein wenig Arbeit mit nach Hause nehmen“? Unstrittig sind die meisten von ihnen einfach nur fleißig, im schlimmsten Falle Workaholics. Aber wenn nicht? Wer fragt sich schon warum der nette Kollege schnell mal pdf-Dateien über Produkte und Aufgaben per Datenkabel auf sein Handy überspielt, damit er diese am Wochenende nochmal in Ruhe anschauen kann? Die häufigsten Reaktionen belaufen sich auf Mitleid, maximal Bewunderung – je nach eigener Disposition.

„Born in the Internet“

Firmencomputer sind Informationstools für jeden Täter. Er kann sich rasch Informationen über gewisse Produkte einholen, Preise, Bilder. Vorbeugende Täter stehlen nicht sofort, sie schauen zunächst ob und wie das Produkt in Geld umzuwandeln ist, schauen sich bei Auktions- oder Kleinanzeigenportalen um, vergleichen dortige Tagespreise, rechnen ihre Gewinne aus und bieten oftmals erst die Ware an, ohne sie zunächst zu stehlen. Ist dann Bedarf vorhanden, so wird dann die Ware beschafft und gleich verschickt. Dieses ist möglich, weil in vielen Unternehmen die Mitarbeiter ihre immer moderneren Handys bis an den Arbeitsplatz mitnehmen dürfen. So wird geschickt umgangen, dass man mit dem Firmencomputer nicht ins Netz darf. Mit ihnen kann man aber nicht nur telefonieren, sondern auch Bilder und Videos, machen, versenden, ins das Internet gehen, große Datenmengen speichern. Letztlich kann er ungehindert mit einem möglichen außenstehenden Mittäter jederzeit Verbindung aufnehmen, Ist-Bestände von Diebesgut weiterleiten und mögliche Abweichungen oder Veränderungen sofort mitteilen. 

Vertrauen ist gut…

…Kontrolle besser. Nicht umsonst hat ein Gericht ein Verbot von privaten Handys am Arbeitsplatz, ohne Zustimmung des Betriebsrates zugestimmt, man erleichtert kriminellen Mitarbeiter in jeder Hinsicht seine Taten. Selbst das mitbringen von Jacken und Privattaschen bis an den Arbeitsplatz ist nach wie vor in vielen Unternehmen erlaubt. So kann der kriminelle Mitarbeiter nicht nur per Handy die Vermarktung seiner potentiellen Beute während der Arbeitszeit einleiten, er hat auch gleich ein Transportmittel zur Stelle. In Strafprozessen bewertet das Gericht ein solches Verhalten vom Unternehmen als grob fahrlässig und oftmals bekommen die Täter diesbezüglich Milderungsgründe, was das Strafmaß betrifft. Compliance -Verantwortliche in Unternehmen sind bei "Fehlverhalten" haftbar (Bundesgerichtshof (5 StR 394/05).

Ein Wirtschafts-Krimi „made in Germany“

Stephan Brannys schädigte vor einigen Jahren spektakulär – vor allem weil es ihm so leicht gemacht wurde – das Unternehmen Hewlett Packard (HP) um rund 30 Millionen Euro. Quasi nebenbei und ohne sich auch nur einen Moment verfolgt zu fühlen. Heute profitieren Unternehmen und auch öffentliche Behörden von seinem Wissen, um sich für das Thema Wirtschaftskriminalität zu sensibilisieren. In seinen Vorträgen und Seminaren berichtet er über die unterschiedlichen Vorgehensweisen und deckt auch schon mal in Unternehmen als eingeschleuster Mitarbeiter die entsprechenden Schwachstellen auf.

(Edda Nebel/Stephan Brannys)


 


 

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