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Wirtschaftskrise beschleunigt das Krankenhaus-Sterben

Wegen wegbrechender Steuereinnahmen werden die deutschen Kommunen immer weniger in der Lage sein, Defizite ihrer kommunalen Krankenhäuser auszugleichen. Dies wird dazu führen, dass die Zahl der Klinikschließungen, -fusionen und -verkäufe wieder deutlich steigen wird.

Gleichzeitig stehen die Krankenhäuser angesichts eines steigenden Konkurrenzdrucks vor großen Herausforderungen: Sie wollen einerseits die Kosten senken, andererseits ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Investitionen in eine bessere Qualität und neue Angebote verbessern. Private Krankenhausbetreiber befinden sich aufgrund ihres größeren finanziellen Spielraums in einer weit günstigeren Ausgangsposition und werden in den kommenden Jahren ihren Marktanteil weiter ausbauen. Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, die auf einer Befragung von 300 Krankenhausmanagern und 1.500 Verbrauchern in Deutschland beruht.

Seit dem Jahr 2000 sind die Kosten im Krankenhausbereich um über 20 Prozent gestiegen. Und dieser Trend wird auch in den kommenden Jahren anhalten: Über 80 Prozent der befragten Krankenhausmanager erwarten einen Anstieg der Personal- und Sachkosten in den kommenden zwei Jahren. "Wegen der älter werdenden Bevölkerung und aufgrund neuer diagnostischer und therapeutischer Verfahren sind steigende Kosten im Krankenhaussektor vorprogrammiert - trotz aller Bemühungen um Kostensenkungen", prognostiziert Nils Söhnle, Partner bei Ernst & Young.

Hinzu kommen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise: Zum einen ist "weniger Geld im System" - aufgrund der Ausfälle an Krankenkassenbeiträgen durch die gestiegene Arbeitslosigkeit und die hohe Inanspruchnahme der Kurzarbeit. Hinzu kommen die Steuerausfälle bei den Bundesländern und Kommunen. Da die Bundesländer für die Krankenhausinvestitionen verantwortlich zeichnen, könnten fehlende Einnahmen zu einem weiteren Rückgang der Investitionsbudgets führen. Vor allem aber dürfte sich die Finanznot vieler Kommunen auswirken, die als Krankenhausträger häufig für die Investitionsaufgaben ihrer Länder in die Bresche sprangen und überdies laufende Verluste ihrer Krankenhäuser ausglichen. "Die Wirtschaftskrise führt dazu, dass die Kommunen vielfach die Defizite der öffentlichen Krankenhäuser nicht mehr ausgleichen können und die Länder ihre Krankenhaus-Investitionen reduzieren", beobachtet Stefan Viering, Partner bei Ernst & Young.

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise werden - so die Studie - insbesondere Krankenhäuser der öffentlichen Hand treffen. Geringere Kirchensteuereinnahmen und verminderte Spendenaufkommen werden aber auch die finanzielle Leistungsfähigkeit der freigemeinnützigen Träger beeinträchtigen.

Viering sieht daher die deutsche Krankenhauslandschaft im Umbruch: "Steigenden Ausgaben und stagnierenden Einnahmen steht die unverändert anspruchsvolle Aufgabe gegenüber, die Bevölkerung mit medizinischen Leistungen auf hohem Niveau zu versorgen. Dieses Dilemma könnte sich vor allem für solche Häuser als unauflösbar erweisen, die in den vergangenen Jahren bereits Verluste gemacht oder nur knapp profitabel gearbeitet haben."

Krankenhäuser wollen sparen und gleichzeitig in Qualität investieren

Der Kampf um Marktanteile im Krankenhaussektor ist voll entbrannt, der Wettbewerbsdruck nimmt weiter zu: 81 Prozent der befragten Krankenhausmanager bezeichnen den Konkurrenzdruck bereits heute als hoch oder sehr hoch, 77 Prozent erwarten eine weitere Intensivierung des Wettbewerbs.

Um zukünftig im Wettbewerb bestehen zu können, wollen die Krankenhäuser nicht nur die Kosten senken, sondern auch in qualitätssteigernde Maßnahmen und neue Angebote investieren. Kostensenkungsprogramme spielen derzeit bei 84 Prozent der Krankenhäuser eine große bis sehr große Rolle. Geld sparen wollen die Manager vor allem bei den medizinischen Verbrauchsgütern. Aber auch Personal soll abgebaut werden: Jeweils gut jedes dritte Krankenhaus (39 Prozent) will die Zahl der Beschäftigten in der Pflege bzw. der Verwaltung reduzieren. Immerhin jedes fünfte Krankenhaus (21 Prozent) plant sogar, zukünftig weniger Ärzte zu beschäftigen.

"Krankenhausmanager stehen vor immer schwierigeren Aufgaben", resümiert Söhnle. "Unter dem Druck künftig bestenfalls stagnierender Einnahmen und angesichts steigender Kosten und eines immer schärferen Wettbewerbs müssen sie Strategien entwickeln, um die Existenz ihrer Häuser langfristig zu sichern. Dabei sollen sie einerseits die Kosten senken, andererseits die Versorgungsqualität nach außen sichtbar verbessern und die Angebote ihrer Kliniken dem schwierigeren Markt anpassen, teils durch Spezialisierung, teils durch Ausweitung, fast immer aber durch Maßnahmen, die zunächst einmal Geld kosten." Doch die Finanzierung von Ausgaben werde zumindest für Krankenhäuser in öffentlich-rechtlicher und teilweise auch in freigemeinnütziger Trägerschaft zu einem wachsenden Problem.

Private Anbieter auf dem Vormarsch

Für die privaten Krankenhauskonzerne bieten sich hingegen neue Chancen. Die finanzielle Enge der anderen Träger eröffnet ihnen neue Möglichkeiten der Expansion: "Die Geldnot lässt manchen Bürgermeister und Landrat wieder ernsthaft über einen Verkauf seiner Kliniken an andere Träger nachdenken", beobachtet Viering. "Die Wirtschaftskrise begünstigt eindeutig die privaten Klinikkonzerne, deren Geschäft aufgrund ihrer Finanzkraft vom konjunkturellen Geschehen weit weniger abhängig ist. Sie sind geschätzte Kreditnehmer und erfreuen sich auch am Kapitalmarkt beachtlicher Beliebtheit - selbst in der Krise".

Die Unterschiede, die es schon heute in der deutschen Krankenhauslandschaft gebe, würden daher weiter zunehmen, prognostiziert Viering: "Auf der einen Seite die Kliniken in privater Trägerschaft, die ihre Expansion und ihre Investitionen aus eigener Kraft und über den Kapitalmarkt finanzieren können und die mit neuen Angeboten ihre Attraktivität weiter steigern können. Auf der anderen Seite die steigende Zahl von öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern, die, getragen von Kommunen und Kreisen, deren Finanzen unter den Lasten des Sozialsystems dahin schmelzen, kaum mehr Spielräume für die Krankenhausentwicklung haben."

(Redaktion)


 


 

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