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Zukunftslandkarten

Inhabergeführte Unternehmen "fahren vorausschauender“

Die Geschäftsführungen inhabergeführter Unternehmen haben vermutlich einen tiefer verwurzelten Zukunftsinstinkt als von außen kommende Manager. "Eigentümer ‚fahren‘ mit Blick auf morgen und übermorgen erkennbar vorausschauender", sagt der Zukunftsforscher und Geschäftsführer der FENWIS GmbH, Thomas Strobel (Gauting).

Business-on.de sprach mit dem 49-Jährigen "Zukunftslotsen", der mit seiner Methode der Zukunftslandkarten Trends, Risiken und Spielregeln für die langfristige Geschäftsentwicklung aus einer neuartigen Perspektive verdeutlicht.

business-on.de: Familienfirmen erwirtschaften 41 Prozent der Unternehmensumsätze eine Wirtschaftsmacht. Reicht das berühmte "Bauchgefühl" für künftige Weichenstellungen weiterhin aus?

Thomas Strobel: Nichts gegen den 7. Sinn. Familienunternehmen, die sich schon immer durch längerfristiges Denken und nachhaltige Entwicklungsplanung auszeichneten, wäre ohne ihr Bauchgefühl für attraktive Chancen und profitable Nischen gewiss nicht so stark und flexibel wie heute. Dennoch: Die Umfeldbedingungen werden in der Zukunft mit Bestimmtheit noch komplexer und unruhiger als sie es heute schon sind. Dabei verliert das Bauchgefühl, das auf den Erfahrungen der Vergangenheit beruht, schnell an Wert, weil der Kontext von morgen ein völlig anderer ist, als der aus der Vergangenheit.

business-on.de: Sie gelten als früherer Strategiemitarbeiter von Konzernen und Mittelstandsfirmen als besonders industrienah. Trügt der Eindruck, dass Mittelständler heutzutage kaum weiter als drei, vier Jahre nach vorn schauen?

Thomas Strobel: Nein, er trifft zu. Das Tagesgeschäft sei vordinglicher, hört man dann immer. Erfolg ist der Beweis, dass die Strategie passt. Aus meiner Sicht ist es zunehmend wichtig, wie beim Schachspiel ein, zwei Züge vorauszudenken. Dabei müssen sich die Firmenchefs fragen, wie viel Veränderung zum Ist-Stand sie sich in ihren perspektivischen Überlegungen gestatten. Genau an dieser Stelle ergänzt unsere FENWIS-Methodik die bloße Fortschreibung der Erfahrungen (Extrapolation) durch einen hypothetischen Blick zurück aus einer noch deutlich ferneren Zukunft – wir nennen das Retropolation. Beide Blickwinkel führen wir in der Arbeit mit Mittelständlern zusammen.

business-on.de: Worin besteht die Methode?

Thomas Strobel: Wir arbeiten mit Zukunftslandkarten und -bildern als Teammethodik für Fach- und Führungskräfte. Solche Landkarten bilden eine Art Navigationshilfe für die nächsten Jahrzehnte und helfen, die Zahl von Überraschungen im Geschäftsumfeld zu reduzieren. Wer vorausschauend steuert, vermeidet analog zum Autofahren hektische Manöver und gefährliche Situationen, spart Zeit, Geld und schont Ressourcen. Der spezielle Nutzen der Zukunftslandkarte entsteht für die Akteure durch Eindrücke, die sie aus einer "simulierten Zukunftsreise" mitnehmen: Erarbeitete Szenarien, vernetzte Trends, geführte Diskussionen und gemeinsame Ableitungen verändern das Denken in Zukunftsfragen. Diese erlebten Denkerfahrungen geben allen Beteiligten dauerhaft ein "Bauchgefühl für morgen".

business-on.de: Wie hat man sich Zukunftslandkarten vorzustellen?

Thomas Strobel: Sie entstehen meistens in Form von Mind Maps, Daten und Fakten sind das Ergebnis einer moderierten Expedition im ersten Schritt in eine fernere Zukunft, beispielsweise in die Mitte des Jahrhunderts. Im zweiten können wir von dort einen deutlich näheren Zeitabschnitt zurückblicken. Wer an übermorgen denkt, ist gezwungen, sich von der naheliegenden Fortschreibung bisheriger Erfahrungen zu lösen. Das Telefon war fast 80 Jahre lang immer nur ein Telefon – nach mehreren Technologieschüben sieht es völlig anders aus, ist winzig, tragbar und dabei so multifunktional, dass es neben vielen Funktionen noch telefonieren kann. Extrapolation hätte diesen Sprung nicht vorhersagen können. Dazu brauchen wir die Retropolation. 

Dabei wird mit Prämissen aus Studien und Szenarien gearbeitet, die Experten als wahrscheinlich annehmen. Die Textilindustrie, um ein aktuell abgeschlossenes Zukunftsprojekt zu benennen, hat als eine der ersten und besonders innovativen Branchen gerade nach dieser Methodik in die Zukunft geblickt. Allein für die zehn wichtigsten Zukunftsmärkte (Themenfelder) hatte das Team aus Unternehmern, Wissenschaftlern und Studenten immerhin 88 solcher externer Prämissen zu berücksichtigen.

business-on.de: Sie sprechen immer wieder von Teambeteiligung...

Thomas Strobel:... die genau an dieser Stelle einsetzt und Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg aller meiner zukunftsbegleitenden Mittelstandprojekte ist. Wer mit unverbautem, sprich nicht durch Erfahrungszwänge eingeschränktem Panoramablick weit in die Zeit nach vorn geschaut hat, der hat bereits ein virtuelles Erfahrungswissen für die Zukunft gewonnen. Wissensaustausch erweitert dabei den Blickwinkel, mehr Zusammenhänge werden berücksichtigt. Übrigens hat einer der Teilnehmer an den textilen Zukunftsworkshops – ebenfalls Chef eines Familienunternehmen aus dem HighTex-Bereich – durch die für ihn neue Denkmethodik Anstöße für, wie er sagte, "mehrere neue Geschäftsideen" erhalten.

business-on.de: Ihr Credo: "Nicht das Machbare denken, sondern das Denkbare machen!" kommt an?

Thomas Strobel: Der Firmeninhaber ist in der Regel ein in seiner Branche anerkannter "Fuchs". Denkbares machen war und ist von jeher Teil seines Erfolgsrezepts. Aus unternehmerischer Verantwortung heraus wird er sich weiterhin um frühzeitige Weichenstellung im Interesse von Umsatz und Beschäftigung auch mit neuen Instrumenten bemühen. Mit Hilfe der Retropolation, also Wissen, das "inhouse" nicht vorhanden ist, und im Dialog mit einem Zukunftslotsen lassen sich z. B. heute Anforderungen erkennen, die Kunden und Märkte ggf. erst in einigen Jahren stellen werden. Die Vorsorge beinhaltet Antworten auf diese Fragen: In welchen Bereichen macht es Sinn, Kompetenzen aufzubauen? Wie hängen Zukunftstrends voneinander ab? Welcher neue Wissensbedarf entsteht? Für welche Veränderungen müssen wir unsere Geschäftsmodelle frühzeitig anpassen?

business-on.de: Lässt sich das an einem Firmenbeispiel festmachen?

Thomas Strobel: Eine Zukunftslandkarte ist eine verdichtete Zusammenstellung von Trendinformationen, sie illustriert die Perspektive in unterschiedlicher Entfernung von heute – etwa so, wie wenn wir eine fremde Stadt von einem Startpunkt aus zu Fuß erkunden. Dieses Herangehen fand ein Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, weltbekannter Spezialist für Fabrikautomatisierung, spannend und nutzbringend. Es beschloss, die Ergebnisse der Zukunftsforschung, an der ein Team aus Gesellschaftern der Familienholding mitgewirkt hatte, in sein Konzept der langfristigen Unternehmensplanung einzubeziehen. Es entstand, wie der Aufsichtsratsvorsitzende im Nachgang bilanzierte, eine Zukunftslandkarte "von höchstem Wert". Dazu zählte auch der gewünschte Aufbau einer Trenddatenbank mit weit über 1.000 Datensätzen für 36 definierte Branchen.

business-on.de: Was bewirkt solcher Vorlauf?

Thomas Strobel: Wer sich schneller bewegt und weiter vorausschaut als der Markt, kann rechtzeitig Anpassungen vornehmen und frühzeitig Weichen stellen. Und er kann für ausgewählte Szenarien Maßnahmen vordenken. Alle anderen können nur auf bereits eingetretene Veränderungen reagieren. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für Individuen. Deswegen sind persönliche Zukunftslandkarten auch für Manager, Ärzte, Politiker oder Wissenschaftler im Altersbereich gerade ab Ü 40, wo viele den zweiten Teil ihres Lebens neu planen, zunehmend von Interesse.

Hintergrund Familienunternehmen

  • 95 Prozent aller Unternehmen sind im Familienbesitz (Einheit von Eigentum und Leitung)
  • Sie erwirtschaften mit 4,3 Millionen Mitarbeitern 41 Prozent der Unternehmensumsätze
  • Mehr als drei Viertel von ihnen haben einen Jahresumsatz von weniger als 1 Million Euro
  • Über 71.000 Familienunternehmen stehen jährlich vor dem Problem der Nachfolge
  • Zum Kennzeichen des Wirtschaftsstandortes Deutschland gehören besonders große Familienunternehmen mit oft über 100 jähriger Tradition, davon gibt es 4.400 (jeweils mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz)
  • Branchen mit einem hohen Anteil an dieser Unternehmensform sind Einzelhandel, Textil und Bau sowie Elektrotechnik, Maschinenbau, Pharma und Chemie
  • Besonders stark in Flächenländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen

Ohne den Zwang, ständig Quartalszahlen präsentieren zu müssen, um Analysten und Aktionäre zufriedenzustellen, können sich Unternehmen in Familienhand stärker auf die Zukunft und langfristige Pläne konzentrieren. Interessenverband: www.familienunternehmer.eu/

(Hans-Werner Oertel)


 


 

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