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  • 05.01.2015, 08:55 Uhr
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  • Münster / Münsterland
10 Jahre Hartz-IV in Münster

Weniger Arbeitslose aber mehr schlecht bezahlte Arbeit

Vor zehn Jahren traten die neuen Regeln des Sozialgesetzbuches II in Kraft – besser bekannt als Hartz IV. In Münster wurden die Empfänger der Leistungen zunächst von einer Arbeitsgemeinschaft von Stadt und Arbeitsagentur betreut – seit 2010 vom rein städtischen Jobcenter, das in die Zuständigkeit des Sozialdezernenten Thomas Paal fällt.

Redakteurin Karin Völker sprach mit Thomas Paal über zehn Jahre Hartz IV in Münster.

Hartz IV ist auch nach zehn Jahren schwer umstritten: Für die einen ist es eine Schikane per Gesetz, für die anderen erfolgreicher Motor für Beschäftigung. Was sagen Sie?

Paal: Man kann jeden dieser Standpunkte vertreten. Fakt ist: Wir haben weniger Arbeitslose – auch hier in Münster. Ende 2005 lag die Quote bei 5,5 Prozent, jetzt bei 3,9 Prozent. Es stimmt aber auch, dass es heute mehr Jobs mit sehr niedrigen Löhnen gibt, und mehr Menschen, die für geringe Bezahlung arbeiten.

Diese Beschäftigten verdienen oft so wenig, dass sie trotzdem Hartz IV beantragen müssen...

Paal: Genau. Unter den rund 14.500 erwerbsfähigen Hartz-IV-Beziehern in Münster gibt 4.600 Personen, die einen Job haben, also nicht arbeitslos sind. Mit ihrer Arbeit verdienen sie aber so wenig, dass sie davon nicht leben können.

Wie kommt es, dass es heute mehr schlecht bezahlte Arbeit gibt als vor zehn Jahren?

Paal: Nicht nur Münster, auch im ganzen Münsterland gibt es besonders viele Minijobs. Warum das so ist, das untersuchen gerade die Jobcenter des Münsterlandes mit der Regionalagentur in einer Studie. Auf das Ergebnis sind wir sehr gespannt.

Auch wenn die Arbeitslosenquote in Münster zurückgegangen ist – die Zahl der Menschen, die hier Hartz-IV beziehen, ist seit vielen Jahren in etwa stabil. Wie viel Fluktuation gibt es?

Paal: Die Fluktuation ist sehr hoch. Wir führen das unter anderem darauf zurück, dass sich nach dem Examen viele Studenten zunächst hier im Jobcenter melden. Sie finden aber meist sehr schnell eine Arbeit und verschwinden dann wieder. Die Leistungsempfänger sind alles andere als homogene Gruppe. Rund ein Drittel von ihnen arbeitet ja auch, verdient nur zu wenig. Das ist sicher ein berechtigter Kritikpunkt an Hartz IV: Auch Menschen mit kleinem Einkommen landen in dieser Schublade.

Wie hoch ist der Anteil Menschen, die über viele Jahre hin Leistungen beziehen?

Paal: Die Zahl dieser Menschen ist verhältnismäßig hoch. Ihnen gilt aber unsere besondere Aufmerksamkeit. Nur ein kleiner Teil hat sich mit der Hilfe eingerichtet. Die meisten wollen raus aus Hartz IV. Wir versuchen, denen zu helfen, die wegen widriger Umstände nicht aus eigener Kraft Arbeit finden. Wer über Jahre bei Vorstellungsgesprächen immer wieder den Kürzeren zieht oder erst gar nicht eingeladen wird, braucht Unterstützung.

Wie erfolgreich hilft das Jobcenter hier?

Paal: Wir haben beispielsweise ein Programm für über 50-Jährige gestartet – und der Erfolg ist wirklich messbar: Mehr dieser älteren Arbeitssuchenden haben danach wieder einen Job gefunden. Unter den kreisfreien Städten in Nordrhein-Westfalen ist Münster spitze, was die Integration von Leistungsbeziehern in den Arbeitsmarkt angeht.

Behalten diese Menschen denn in der Regel ihre Jobs dauerhaft?

Paal: Das wird in den Statistiken mit einer Kennzahl beschrieben. Und danach bleiben die ehemaligen Leistungsbezieher in Münster länger in ihren Arbeitsverhältnissen als in Vorjahren. das ist ein sehr wichtiger Punkt, Es liegt uns nichts daran, dass die Menschen kurzfristig aus der Statistik verschwinden, aber nach ein paar Wochen wieder zu uns kommen.

Sie haben sich von der Gründung des städtischen Jobcenters versprochen, die Langzeitarbeitslosen besser und dauerhafter zu integrieren. Gelingt dies?

Paal: Es gelingt in jedem Fall besser, für unsere Ziele die Leistungen des Bundes und der Stadt im Jobcenter zu bündeln. Kommunale Leistungen sind zum Beispiel Schuldnerberatung, psychosoziale Beratung oder die Vermittlung von Kinderbetreuung. In Zukunft wird es darum gehen, die Frage zu beantworten, ob weitere kommunale Leistungen eingesetzt werden sollen um Langzeitleistungsbezieher zu unterstützen.

Das Verhältnis zwischen den Mitarbeitern und den Arbeitslosen, die sie betreuen, ist wie man immer wieder hört, nicht immer einfach.

Paal: Unser Ziel ist es immer, jedem wertschätzend zu begegnen. Es ist aber auch nicht ganz einfach zu vermitteln, dass die Bedingungen, an die die Auszahlung der Leistungen geknüpft wird, von unseren Kunden nicht ausschließlich als Druck und Zumutung empfunden werden.

Sanktionen gehören doch sicher auch zum Instrumentarium...

Paal: Wir handeln nach dem Grundsatz: Keine Sanktion um der Sanktion willen. Das könnte das Ziel der Betreuung, nämlich den betreffenden Kunden in Beschäftigung zu bringen, nämlich gefährden. Natürlich kommt es auch zu Mittelkürzungen, wenn jemand partout nicht mitwirken will.

Kann es denn Ziel sein, jeden in Arbeit zu bringen?

Paal: Nicht bei jedem unser Kunden ist das möglich – und wir dürfen auch den sozialpolitischen Blick bei unserer Arbeit nicht verlieren. Es gibt bei einzelnen wie auch immer geartete Problemlagen, die es verhindern, dass jemand einer regelmäßigen Beschäftigung nachgeht.

(Karin Völker, WN)


 


 

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