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  • 19.09.2016, 08:11 Uhr
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  • Münster / Münsterland
153. MBC TREFFEN

Geflüchtete Menschen als Arbeitnehmer von morgen

Über 5.000 Flüchtlinge leben zurzeit in Münster, darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene. „Integration gelingt unter anderem über Bildung und Arbeit.

Dazu möchten wir unseren Beitrag leisten“, sagt Claudia von Diepenbroick-Grüter, Flüchtlingsbeauftragte der Handwerkskammer Münster. Auf Einladung des Münster Business Clubs referierte sie am 25. August vor rund 20 MBClern im Aposto in Münster.

"Wir schaffen das!"

Beim Vortrag wird deutlich, dass sich Institutionen wie die Handwerkskammer gut an die Situation angepasst haben. Claudia von Diepenbroick-Grüter betont, dass bei der Handwerkskammer alles getan werde, um die handwerklichen Berufe für die Flüchtlinge zu öffnen. „Bei uns zählt nicht, wo man herkommt, sondern wo man hin will.“ Besondere Förderung erhalten jene Geflüchteten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit als Asylbewerber anerkannt werden. Dies sind insbesondere Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea sowie aus dem Irak und dem Iran, nicht aber aus Afghanistan. Die Handwerkskammer Münster (HWK) habe von vornherein gesagt, um mit Angela Merkel zu sprechen, „Wir schaffen das!“ Die HWK sitzt am am runden Tisch für humanitäres Bleiberecht. „Wir haben aktuell 1.500 geduldete Zuwanderer in Münster. Vorwiegend aus dem Balkan. Viele sind schon lange hier. Warten monatelang darauf, wie ihrem Asylantrag letztlich beschieden wird.“ Claudia von Diepenbroick-Grüter kritisiert an diesem Abend häufiger, dass es einfach zu viel Bürokratie gebe und die deutschen Ämtermühlen viel zu langsam mahlen. Nur ein Beispiel: „Es kann fünf verschiedene Aufenthaltstitel für eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie geben.“

Unterstützung und Begleitung bei der beruflichen Qualifizierung durch MAMBA

Als zentrales Hilfsprojekt für Flüchtlinge stellte Claudia von Diepenbroick-Grüter kurz das Projekt MAMBA vor. Es seht für „Münsters Aktionsprogramm für Migrant/innen und Bleibeberechtigte zur Arbeitsmarktintegration in Münster und dem Münsterland“. Es ist der Münstersche Beitrag zum bundesweiten Programm zur Unterstützung für Bleibeberechtigte und Flüchtlinge mit Zugang zum Arbeitsmarkt. Ziel ist es, Flüchtlingen in Münster Unterstützung und Begleitung bei ihrer beruflichen Qualifizierung sowie bei der Arbeitsplatzsuche und -sicherung zu geben, um ihnen eine dauerhafte und eigenständige Sicherung ihres Lebensunterhalts zu ermöglichen. Für MAMBA engagieren sich die Gesellschaft für Berufsförderung und Ausbildung (GEBA), die Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender e.V. (GGUA Flüchtlingshilfe) das Handwerkskammer Bildungszentrum (HBZ) und das Jugendausbildungszentrum (JAZ). Im Rahmen eines Jobcoachings unterstützen die Mitarbeiter des HBZ Münster MAMBA-Teilnehmende bei der Suche nach einer Arbeitsstelle. MAMBA prüft unter anderem, ob der Berufsabschluss eines Zuwanderers anerkannt werden kann, welche Finanzierungsmöglichkeiten für die Kostenübernahme des Anerkennungsverfahrens bestehen, welche Chancen sich aus Ihrer Qualifikation auf dem deutschen Arbeitsmarkt ergeben und hilft beim Beantragungsverfahren.

Probleme auf dem Weg zur Integration

Claudia von Diepenbroick-Grüter nimmt beim MBC-Treff kein Blatt vor den Mund. „Bei jeder Maßnahme ist der Erwerb der deutschen Sprache grundlegend für eine gelungene Integration, sei es in den Arbeitsmarkt oder in die Gesellschaft.“ Doch viele Flüchtlingen haben starke Probleme mit dem hohen Niveau der Deutsch-Kurse. Denn sie haben nur ein Jahr Zeit um die deutsche Sprache zu lernen. Darauf sagt MBC-Moderatorin Constanze Wolff: „In einem Jahr Deutsch zu lernen ist schon eine große Leistung. Respekt!“
Ein weiteres Problem entsteht bei der Suche nach dem passenden Beruf. Claudia von Diepenbroick-Grüter: „Viele kennen die Vielfalt der Berufe in Deutschland nicht.“ Hinzu kommt die nicht zu unterschätzende psychische Belastung. Nicht nur durch traumatische Kriegserlebnisse und die harte Flucht, sondern auch durch den starken Druck des Dauerwartens in Deutschland, der täglichen Dauerunsicherheit und den zermürbenden Fragen: Wann kann ich endlich meinen Asylantrag stellen? Wie geht das Leben für mich weiter? Kann ich bleiben, oder muss ich zurück?

Hemmungen und Bürokratien

Ein anderes Problem bestehe laut von Diepenbroick-Grüter darin, dass viele weibliche Flüchtlinge große Hemmungen hätten, sich über Praktika, Ausbildung oder Arbeit zu informieren. „Außerdem ist es sehr hinderlich, dass es die Wohnort-Klausel gibt. Das heißt: Man darf als neuankommender Flüchtling zukünftig den zugewiesenen Wohnort nicht verlassen. Das sei gerade in münsterländischen Dörfern sehr hinderlich, da dort die Auswahl an möglichen Handwerksbetrieben und Bildungsmöglichkeiten um ein deutliches kleiner sei als beispielsweise in Münster oder Rheine. Auch bei diesem Punkt müsse von Amts wegen dringend nachgebessert werden, so die Diplom-Volkswirtin. Und dann sei da noch das Problem mit der Selbständigkeit. Diese sei erst möglich mit einer Niederlassungserlaubnis. „Wenn also ein Zuwanderer sprachlich gut ist, kann er sich nicht einfach als Dolmetscher selbständig machen, obwohl Dolmetscher dringend gebraucht werden.“ Kopfschütteln bei den MBClern. Bei all dieser Kritik an deutscher Bürokratie gibt es Zustimmung seitens der MBCler. Nur nicht, als die HWK-Mitarbeiterin berichtet, dass ein weiteres Problem darin bestünde, dass Muslime zwar in einem deutschen Fleischereibetrieb arbeiten könnten oder als Beiköche, wo viel Personal gebraucht würde, es aber häufig nicht wollen: „Denn dort gibt es kein Gericht ohne Schweinefleisch.“ Darauf protestiert heftig eine erfahrene Dienstleisterin aus der Runde, weil sie diese Rücksichtnahme für „Quatsch“ hält.

Betriebe wollen Flüchtlinge als Mitarbeiter

Diepenbroick-Grüter macht auf Nachfrage der MBCler deutlich: „Ja, es gibt großes Interesse seitens der Unternehmen, Zuwanderer einzustellen.“ Doch zu viele offene Fragen verhindern dies im größeren Stil: Wer darf eigentlich in Deutschland arbeiten? Welchen Unterschied macht es, ob potenziellen Mitarbeiter Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge oder geduldete Menschen sind? „Und das alles, obwohl Zuwanderer eine sehr gute Lösung gegen den drohenden Fachkräftemangel wären“, betont die Expertin. Diepenbroick-Grüter informierte über rechtliche Rahmenbedingungen. So sind z.B. Praktika und Ausbildungen für Flüchtlinge in Unternehmen gut zu realisieren, wenn man verschiedene Dinge berücksichtigt. Sie unterstützt Unternehmen dabei, das alles gut klappt. Schließlich sei davon auszugehen, dass ein großer Teil der Flüchtlinge dauerhaft in Deutschland bleiben werde.

Spracherwerb ist sehr wichtig

„Ein zentraler Punkt für eine gelungene Integration ist es, dass die Flüchtlinge unsere Sprache lernen." Das sei die Grundlage, um in der Schule mitzukommen, einen Beruf aufzunehmen oder auch für die alltäglichen Dinge, wie einzukaufen. Derzeit werden nach Auskunft der Bezirksregierung im Regierungsbezirk Münster rund 10.400 Kinder aus Flüchtlings- und Zuwandererfamilien ohne Deutschkenntnisse in etwa 390 Vorbereitungsklassen unterrichtet.
Um die passenden Sprachkurse zu finden, ist eine frühzeitige Bestandsaufnahme der beruflichen Fähigkeiten/ Neigungen und Qualifikationen (Kompetenzfeststellung) notwendig, die entweder bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen oder in den zugewiesenen Flüchtlingswohnheimen erfolgen sollten.

Handwerkskammer setzt auf Zuwanderer

Die Handwerkskammer Münster verfolgt dabei einen klaren Standpunkt: Demnach sei es wichtig, dass Flüchtlinge möglichst schnell in den Arbeitsmarkt eintreten und auch schon während des Asylverfahrens Flüchtlinge mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit alle Chancen einer Ausbildung oder Berufstätigkeit nutzen dürfen. Mit einem vielfältigen Leistungsspektrum will das Handwerk unterstützen. U.a. mit berufsbezogenen Sprachkursen; Berufsorientierungsmaßnahmen; Gewinnung von Praktikums- und Ausbildungsplätzen; Aufbau und Pflege einer Praktikumsplatzbörse speziell für unbegleitete und minderjährige Flüchtlinge. Für von Diepenbrock-Grüter ist klar: „Es muss sichergestellt werden, dass jugendliche Asylbewerber eine in Deutschland begonnene Ausbildung abschließen und anschließend von einem Betrieb weiterbeschäftigt werden können.“ Volle Unterstützung in der Zuhörerschaft. Die eingeführte jahresweise gestaffelte Duldung sollte, ausbildungsfreundlicher gefasst werden. Besser wäre eine verlässliche, auf drei Jahre angelegte Ausbildungsaufenthaltserlaubnis. Unternehmenspaten wären sicherlich eine weitere Unterstützung, um Betriebe bei der zeitaufwendigen Betreuung der Flüchtlinge in Ausbildung zu helfen. Dies Instrument erfordert allerdings eine entsprechende institutionelle Förderung.

Für ein Grundrecht auf Asyl und Arbeit

MBC-Moderator Rüdiger Vierhaus hält ein leidenschaftliches Plädoyer „für ein Grundrecht auf Asyl“. Prof. Jan Andersson kommt gebürtig aus Malmö. Der schwedischer Chemieprofessor an der Uni Münster ergänzt: „Wir brauchen Fachkräfte in Deutschland. Wir brauchen gut ausgebildete Zuwanderer. Und ich habe gute Kollegen, die machen eine gute Arbeit und kommen aus Syrien.“ MBC-Moderator Thomas Böhmer-Niehaus unterstreicht, dass die Flüchtlinge in Deutschland keine Wirtschaftsflüchtlinge seien, „sondern aus Not zu uns kommen“. Der Business-Coach fragt in die Runde: „Wie können wir denn nur alles beschleunigen, das Zuwanderer in Arbeit kommen?“ Claudia von Diepenbroick-Grüter antwortet: „Da ist die Politik am Zug.“ Sie erinnert an einen Angolaner, der sehr talentiert ist, aber im Kreis Warendorf auf seine Duldung wartet: „Bereits seit 16 Jahren!“. Sie hat die große Sorge, dass viele Zuwanderer ein Leben lang ungelernte Hilfskräfte bleiben. „Und da haben wir in Deutschland mittlerweile deutlich zu wenig Hilfs-Jobs, im Gegensatz zu den 1960er-Jahren.“ Sie kritisiert die deutsche Überregulierung und die zu starke Bürokratie: „Viele Menschen, die zu uns kommen, haben gar keinen Kontakt zur schriftlichen Bildung. Nicht nur durch die langen Fluchtwege haben sie keine so lange und lückenlose Bildungskarriere wie wir.“

Gedanken um nachfolgende Generationen und Netzwerken

Eine MBClerin aus der Runde ist Ehrenamtlerin bei der Flüchtlingshilfe Münster Ost: „Wir betreuen 700 Flüchtlinge und suchen noch weitere Ehrenamtler.“ Zwei junge Frauen sind aus Greven angereist. Sie arbeiten bei der Asylstelle der Stadt Greven und berichten über Flüchtlingskinder. „Alle Kinder haben in Greven einen Schulplatz bekommen. Kitaplätze bislang nur Kinder ab vier Jahren, weil wir da noch zu wenig Plätze haben.“ Die MBCler machen sich auch Gedanken darüber, was mit älteren Flüchtlingen passiert. Stichwort Pflege. „Altenheime kennen Zuwanderer nicht“, ergänzt Claudia von Diepenbroick-Grüter. Die MBCler danken ihr für den fundierten und gesprächsoffenen Vortrag. Nicht wenige sind motiviert mit Zuwanderern zusammenarbeiten zu wollen und netzwerken noch eine Weile im Aposto.

INFOS: Claudia von Diepenbroick-Grüter, Telefonkontakt 0251/5203-112
E-Mail: claudia.vondiepenbroick-grueter@hwk-muenster.de
www.mamba-muenster.de
www.ggua.de
www.jaz-muenster.de
www.geba-muenster.de

(Peter Sauer)


 


 

Angela Merkel
Claudia von Diepenbroick-Grüter
Constanze Wolff
Rüdiger Vierhaus
Prof. Jan Andersson
Thomas Böhmer-Niehaus
Aposto
Münster Business Club
Handwerkskammer Münster
Münsters Aktionsprogramm für Migrant/innen und Bleibeberechtigte
Gesellsch

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