Weitere Artikel
  • 28.02.2017, 09:55 Uhr
  • |
  • Münster / Münsterland
160. Treffen XING MS

Bürgerschaftliches Engagement schafft neue Räume zum Wohnen und Arbeiten

160.Treffen XING MS: Bauprojekte „B-Side“ und „Grüner Weiler“

Mit Bürgerbeteiligung statt Großinvestoren, zu fairen Preisen, mit nachhaltiger Kreativität und großer Gemeinnützigkeit: Beim 160. Treffen der Münster - XING Ambassador Community (kurz: XING MS) wurden am 13. Februar im Aposto Münster zwei innovative Bauprojekte vorgestellt: Die „B-Side“ gegenüber dem Kreativkai im Hafen von Münster, nicht kommerziell und gemeinwohlorientiert, und das genossenschaftliche Projekt „Grüner Weiler“ in Münster-Gievenbeck.

100 Jahre am Hafen

Yara Thünken (Mitgeschäftsführerin B-Side GmbH) und Sascha Kullak (Vorstandsmitglied B-Side e.V.) erläuterten pointiert und engagiert das Konzept für die „B-Side“. Mit seinem signifikanten Backstein-Doppelgiebel ist der Hill-Speicher im Mittelhafen von Münster ein wertvolles städtebauliches Original. 1920 errichtet, im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört und in den 1950er Jahren erweitert, diente er zuletzt (im Besitz der Stadtwerke Münster) lange als Lager für Rewe. Als das Handelsunternehmen das Gebäude nicht mehr nutzte, vermietete es die Fläche weiter. Bereits 2003 mieteten Kreative dort günstige Arbeitsräume. 2011 wurde im Erdgeschoss erstmals eine Ausstellung eröffnet – die Geburtsstunde der „B-Side“. Aufgrund guter Resonanz folgten weitere kulturelle Aktivitäten. Es entstand „ein Freiraum für Kultur, Kunst, Musik, Theater, Performance, Begegnung und Austausch“, so Sascha Kullak.

„Gemeinsam arbeiten – gemeinsam wirtschaften“

Ende 2016 lief der Erbpachtvertrag der Stadtwerke aus. Die „B-Side“-Initiatoren entwickelten ein Konzept zur nachhaltigen Nutzung des Speichers. Demnach sollen in die unteren Räume der „Ruderverein von 1882“ einziehen. Der größte Teil der weiteren Flächen des Hill-Speichers (rund 1300 Quadratmeter) soll für Ateliers, Studios und Büros (Kaltmiete: neun Euro netto) zur Verfügung stehen, 250 Quadratmeter sind für Ausstellungen und Veranstaltungen vorgesehen. Im hinteren Gebäudeteil soll zum Beispiel unter der Bezeichnung „Fablab“ ein Ort entstehen, um mit modernen Produktionsmöglichkeiten innovative Ideen verwirklichen zu können. Für insgesamt rund 60 bis 80 Mieter aus dem Kreativ-Bereich, darunter Künstler quer durch alle Disziplinen und vor allem auch Musiker. „Wir wissen das in Münster ein Notstand herrscht für Musiker und Bands zum Proben.“, betont Yara Thünken. Sascha Kullak bringt das Projektmotto auf den Punkt: „Gemeinsam arbeiten – gemeinsam wirtschaften.“

Städteförderung als Motor

Um die Finanzierung kümmert sich die B-Side GmbH. Sie begründet Teileigentum am Gebäude, zahlt die anfallende Sanierung und wird Erbpachtnehmerin ihrer Grundstücksanteile. Sie vermietet Arbeitsräume an die Mieter, die öffentlichen Räume an den gemeinnützigen Verein „B-Side Kultur“. Alle Mieter sind Mitglied im „Mieterverein B-Side“. Das kommt gut an: Die Mieternachfrage ist groß. Der Rat der Stadt Münster gab grünes Licht. Münsteraner haben bereits für die „B-Side“ rund 320.000 Euro als Direktkredite zugesagt (als Rendite werden 1,5 Prozent versprochen). Dieses Geld aus der Bürgerschaft – insgesamt 500.000 Euro sind anvisiert – bilden den Grundstein der Finanzierung, also das Stammkapital. Dies ist die Voraussetzung für eine weitergehende Finanzierung durch Banken und Fördertöpfe des Landes. Entsprechende Gespräche laufen bereits. Das Ziel bei alledem bringt Sascha Kullak auf den Punkt: „Die `B-Side` ist Gemeinwohl-orientiert, nicht-kommerziell, selbstverwaltet und mit Blick auf Münster und den Hafen ein echter Stadtbaustein.“ Große Chancen setzen die „B-Side“-Leute daher auf die Städteförderung „Wir sind da guter Dinge“, sagt Yara Thünken, „mit einer Förderung des Landes NRW kann es im Frühjahr 2018 mit den Bauarbeiten losgehen.“

Neues genossenschaftliches Wohnen

„Wir wollen neue Wohnhöfe schaffen.“ Hendrik Elshof stellte in seinem Kurzreferat die ökologische Wohngenossenschaft „Grüner Weiler“ in Münster-Gievenbeck vor: „Das Projekt `Grüner Weiler` will bezahlbaren Wohnraum für 250 Menschen sowie Flächen für Kultur und Gewerbe auf dem Gelände der ehemaligen Oxford-Kaserne schaffen: geprägt von wirtschaftlicher, ökologischer, sozialer und kultureller Nachhaltigkeit.“ Jeder hat im „Grünen Weiler“ seinen eigenen Wohnbereich. Zehn Prozent der Wohnflächen sollen gemeinschaftlich genutzte Räume sein. Als Beispiele nannte Elshof eine große Küche, einen Veranstaltungsraum, einen Spa-Raum mit Badewannen oder einen gemeinsamen (Tief-)Kühlraum. Fünf Prozent der Betten sind Gästebetten „in unserer eigenen Pension“. Es soll Wohnungen für Paare, kleine und große Familien geben, sowie Wohnungen für Singles und „alle, die mehr als nur alleine wohnen wollen“, WG-Wohnungen für kleine und große Gemeinschaften, Gästewohnungen und Wohnjoker, die flexibel das Angebot ergänzen. „Wenn zum Beispiel die Tochter einer Familie auszieht kann der „Wohnjoker“ einem anderen Menschen zur Verfügung gestellt werden“, erläuterte Elshof und fasste die Philosophie des Projekts so zusammen: „Der `Grüne Weiler` steht für eine Kultur des Teilens und der gemeinsamen Nutzung von Gütern und Wissen.“ Das Projekt ist Mitglied im Münsteraner Bündnis urbane Wohnformen (BuWo).

Solidarität und Gemeinschaftssinn

Das Konzept funktioniert so: Jede Partei bringt Eigenkapital mit, gemeinsam wird ein Teil des Oxford-Grundstücks von der Stadt gekauft (zu einem Drittel durch Genossenschaftsanteile) und ein üblicher Bankkredit (zwei Drittel) aufgenommen. Die Genossenschaftsanteile werden dabei abhängig von der individuellen Wohnungsgröße ermittelt und etwa einem Drittel der Baukosten für diese Wohnung zuzüglich einem Anteil an den Gemeinschaftsflächen entsprechen. Zusätzlich sollen Teile des Weilers als geförderter Wohnraum realisiert werden. Dabei werde ein möglichst kostengünstiger Wohnungsbau angestrebt, sagte Hendrik Elshof, ebenso eine Mitbestimmung aller Bewohner. „Solidarität und Gemeinschaftssinn prägen das Projekt.“ Über einen Mietbeitrag sollen Kosten wie Tilgung, Zinsen und der Unterhalt der Gebäude finanziert werden. Am Ende gehört allen alles und wer die Genossenschaft wieder verlässt, bekommt seinen Eigenanteil zurück – so die Philosophie des genossenschaftlichen Wohnprojektes „Der Grüne Weiler“.

35 private Quadratmeter pro Person plus Gemeinschaftsfläche

Das Projekt „Grüner Weiler“ ist an eine wichtige Voraussetzung geknüpft: die Stadt Münster erwirbt das Grundstück von der BIMA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben). Die Verhandlungsparteien befänden sich – so die Stadt Münster – auf einem guten Weg. Die Stadt hat für einen allgemeinen Baubeginn auf dem Oxford-Areal das Jahr 2018 im Blick. Dann sollen an der Roxeler Straße die Bagger anrollen. Mehr als 400 Menschen, darunter 77 Gründer, unterstützen das Projekt „Grüner Weiler“, das sich besondere Flächen der ehemaligen Kaserne ausgewählt hat. „Für jede Wohnungsgröße sehen wir 35 Quadratmeter pro Person vor“, erläutert „Weiler“-Sprecher Hendrik Elshof. Und weiter: „Wir wollen eine Genusskultur statt Ego-Konsum, das bedeutet: Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln, gemeinsam am Haus oder mit solidarischer Landwirtschaft in der Nähe.“ Das Projekt stehe für die Verbindung von Wohnen und Arbeitsräumen, von Einzel- und Gruppenräumen und ausreichend Platz für Natur und Freiflächen. Derzeit läuft der Prüfversuch. Hendrik Elshof erwartet, „das wir in zwei Monaten eingetragene Genossenschaft sind“. Der „Grüne Winkel“ ist seit dem 29. Oktober 2016 in Gründung.

Urbanität statt Überplanung „ist ein guter Weg“

Der münstersche Stadtentwicklungs-Experte Jens Imorde (betreut unter anderem für die „Regionale 2016“ Wohnprojekte in den Kreisen Borken und Coesfeld) bewertete auf Einladung der XING Münster die beiden Projekte aus seiner Perspektive und stellte sie in den größeren Kontext des Städtebaus in Münster. „Keiner weiß, wie sich Münster entwickelt. Demografie-Berichte kann man getrost in die Tonne kloppen“, machte Imorde klar, dass zu weit gefasste Prognosen fehl am Platze sind. Stattdessen müsse man aktuell planen. Aus den (sich verändernden) Bedürfnissen der Menschen und ihrer Lebensorte heraus. „Urbanität ist das Wort der Stunde“, sagte er. Es ginge um Strategieräume und um Freiräume. „Es wird einfach unfassbar viel überplant“, mahnte der Stadtentwicklungsexperte. „Ich habe auch genug von diesen Kubus-Konstrukten, die man jetzt überall sieht. Bitte baut anders!“

Genügend Lebensqualität und grüne Fläche

Dann bewertete Jens Imorde (Imorde – Projekt und Kulturberatung GmbH) speziell die beiden auf Einladung von XING Münster vorgestellten Wohnprojekte: „Grüner Weiler finde ich spannend. Ich sehe da eine adäquate Wohn-und-Lebensstruktur und genügend grüne Fläche.“ Er schätze das Leitprinzip aus anderen und offenen Wohnformen, die zugleich auch bezahlbar seien: „Das ist exorbitant wichtig“. Die „B-Side“ hat für den Stadtentwicklungsexperten das Potential des kultigen Hawerkamps: „Der ist seit nunmehr 25 Jahren erfolgreich.“ Imorde findet es wichtig, Dinge in ihrer Sprödigkeit zu belassen. „Hinterhöfe brauchen wir genauso wie das stadtbekannte `Wohnzimmer Prinzipalmarkt`.“ Es ginge um eine gute Mischung aus Leben und Kunst, Kunst und Leben. Als Negativbeispiel nannte er Dortmund. Bei der Überplanung der Thier-Brauerei habe man den Fehler gemacht, eine angestammte Kunstszene zu vertreiben und sie letztlich zerstört – durch Gentrifizierung. Für die „B-Side“ in Münster hält der Experte die Finanzspritze durch das Land für sehr wichtig.

Quersubventionierung möglich?

Die mehr als 50 Zuhörer, allesamt Mitglieder der XING MS-Ambassador Community, spendeten großen Applaus nach den drei Vorträgen. Die erste Frage kam von Thimo Eckel ( Geschäftsführender Gesellschafter Lokaso GmbH - die Plattform für regionale Webkaufhäuser): Er wollte wissen, wie es bei der B-Side mit Quersubventionierung aussehe? Ob schon eine Firma mit im Boot ist. Yara Thünken antwortete: „Bei uns hat noch keine Firma angelegt.“ Aber beim beliebten „B-Side-Festival“ habe man gute Unterstützung durch die Gastronomen im Hansaviertel bekommen. Sascha Kollek ergänzte: „Da haben wir gute Erfahrungen gemacht, denn `B-Side` gehört wie der ganze Hafen auch zum Hansaviertel.“ Die Anregung, eine Kooperation auch beim gesamten „B-Side“-Projekt zu überdenken, wurde dankbar angenommen. Thomas Böhmer fragte: „Steht die Finanzierung oder gibt es Gegenwind?“ Yara Thünken antwortete: „Wir haben positive Emails aus allen Ratsfraktionen bekommen.“ Beide „B-Side“-Macher machten dem XING-Plenum noch einmal klar, wie ernst ihnen das Projekt ist. Yara Thünken wählte drastische Worte, um alle möglichen Vorurteile im Keim zu ersticken: „Wir zünden keine Autos am Hansaring an! Wir machen Excel-Tabellen. Für Quatsch haben wir gar keine Zeit!“ Und Sascha Kollak ergänzte: „Wir bauen keine Hedonisten-Hüpfburg!“. Er erinnerte daran, wie sehr bei ihnen soziales Unternehmertum im Fokus stehe und ließ das Plenum wissen, dass sogar Oberbürgermeister Markus Lewe mit einem eigenen Privatkredit bei der „B-Side“ einsteigen wolle.

Alles gut bis auf die gemeinsame Badewanne

Mit Blick auf den „Grünen Weiler“ gab eine Frau aus der Finanzbranche zu bedenken das der Boden der Oxford-Kaserne „extrem belastet“ sei. Jens Imorde ergänzte: „Die BIMA verkauft den Grund und Boden immer unsaniert.“ Insgesamt bilanzierte der Stadtentwicklungsexperte: „Gut ist es, dass der Bürger – als Korrektiv und Ideengeber der Kommunen und des Staates – an bezahlbaren Wohnraum zu kommen versucht.“ Als „sehr gute Idee“ empfand der Systemische Business Coach und Personalberater Dirk Weddehage (Beratung für Karriere + Entwicklung) die „Co-Working-Space-Büroräume“ der „B-Side“, bei denen sich Menschen Räume und Ressourcen teilen: „Das ist sehr nachhaltig.“ Eine anderes Mitglied der Münster - XING Ambassador Community war besonders begeistert vom „großen Engagement der jungen Leute“: „Ich bin kurz vorm Rentenalter und frage mich, was ich am besten machen kann und hier finde ich Leute, die sich tolle Gedanken machen.“ Eine Immobilienberaterin, zugleich Oma und Mutter, fand die vorgestellten Projekte ebenso gut und nachhaltig interessant. Auch ihre Tochter stimmte ihr freudig zu. Einzige Ausnahme: „Mit der Vorstellung sich im `Grünen Winkel` eine Badewanne zu teilen kann ich mich nicht wirklich anfreunden.“ Sehr positiv kommen die Iden zu den neuen Wohnprojekten auch bei jenen Zuhörern an, die mittlerweile wieder alleine leben (durch Tod oder durch Auszug des Partners). Aber auch XING-Mitglieder, die zu zweit leben, sehen in den neuen Wohnformen ökonomisch wie ökologisch spannende Lebensformen und damit auch die Möglichkeit im stark angespannten Immobilienmarkt in Münster bezahlbaren Wohnraum zu finden. Dieses Feedback zeigt sich sowohl bei ganz jungen Berufstätigen wie auch bei den Best-Agern. So wurde noch länger ausführlich ge-networkt.

(Peter Sauer)


 


 

Yara Thünken
Sascha Kullak
Hendrik Elshof
Jens Imorde
Thimo Eckel
Sascha Kollek
Thomas Böhmer
Markus Lewe
Dirk Weddehage
Aposto
B-Side GmbH
B-Side e.V.
Stadtwerke Münster
Rewe
Oxford-Kaserne
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
XING MS-Ambassador Comm

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Yara Thünken" - jetzt Suche starten:

Entdecken Sie business-on.de: