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  • 27.06.2017, 10:54 Uhr
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  • Münster / Münsterland
164. Treffen XING MS

Getränke bringt die “Flaschenpost”

Backstage-Besuch beim Start-Up-Durchstarter

Hand aufs Herz: Schwere Getränkekisten zu schleppen macht einfach keinen Spaß. Auch der Getränkekauf und die nervige Pfandrückgabe sind lästig. Dieter Büchl hatte auf die allwöchentlichen unvermeidlichen Kraftakte irgendwann einfach keine Lust mehr. Für einen Lieferdienst wollte er allerdings keine Extra-Gebühr bezahlen. „Ich war überzeugt, dass es möglich sein muss, einen schnellen Online-Lieferservice anzubieten, ohne dass der Kunde dafür extra etwas bezahlen muss.“ Und weil es das bisher nicht gab, machte Büchl, der vor fünf Jahren von München nach Münster zog, seinen eigenen Getränke-Lieferdienst auf. In Münster. Wie das alles funktioniert erfuhren 89 Mitglieder der Münster-XING Ambassador Community (kurz: XING MS) beim 164. Treffen von XING MS am 7. Juni. Und zwar bei Flaschenpost direkt, mittels Kurzvortrag bei kühlen Getränken, Betriebsführung (bei laufendem Betrieb in grünen Schutzwesten) und offener Fragerunde mit Flaschenpost-Gründer Dieter Büchl und seiner Kollegin Martha Eggert, zuständig fürs Business Development.

Der Clou: Lieferung ohne Aufpreis

Das Besondere an Flaschenpost ist seine sehr kundenfreundliche Preisgestaltung. Unternehmer Büchl ist Perfektionist und will seinen Kunden das bieten, was er als Kunde von einem guten Lieferservice selbst erwartet. Eine Getränkelieferung innerhalb von 90 Minuten von 9 bis 21 Uhr, ohne Lieferkosten oder einen Aufschlag auf den Preis, den der Kunde im Supermarkt bezahlen muss. Dazu die Mitnahme von Leergut. Was viele nicht für möglich hielten, ist ihm gelungen. „Wie geht das?“ fragen einige XINGler? „Mit einer perfekt auf das Unternehmen abgestimmten Computertechnik“, sagt der Geschäftsführer.

Programmierte Effektivität

„Ich habe die Touren-Planung und auch den Onlineshop programmiert, bis das dann soweit war, dass ich mir zugetraut habe, es an den Markt zu bringen“, sagt der 40-jährige studierte Betriebswirt, über seine IT-Vorarbeit, die in der Branche eher selten ist. Über das selbst geschriebene Computerprogramm nimmt Flaschenpost über das Internet die Aufträge an, plant die Touren für die Mitarbeiter, bestellt die Getränke und kümmert sich online um die Abbuchung der Rechnung. Und das alles sehr effektiv. „Ich spare Kosten für Mitarbeiter, die den halben Tag im Geschäft untätig an der Kasse sitzen und auf Kunden warten. Meine Angestellten sind in Münster mit mittlerweile 80 Lieferfahrzeugen draußen unterwegs und verkaufen Getränke. Ich brauche weniger Lagerfläche, weil keine Käufer mit dem Einkaufswagen durch die Gänge fahren müssen. Und Parkplätze für Kunden muss ich ebenfalls nicht bereithalten.“ Flaschenpost hat mittlerweile etwa die wirtschaftliche Größe von 20 bis 25 gut geführten Getränkemärkten. In Münster liegt der Marktanteil nach dem ersten Jahr bei stolzen 20 Prozent.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Die Routenplanung übernimmt ebenfalls das ausgeklügelte elektronische Logistiksystem, damit die Fahrer keine unnötigen Wege zurücklegen müssen und die Bestellung spätestens 90 Minuten nach der Auftragsannahme beim Kunden ist. Getränke bestellt Büchl – beziehungsweise sein Computer – immer in großen Mengen mit entsprechendem Rabatt. „Diese Effektivität ist unser Vorteil, damit verdienen wir das Geld“, erklärt der Unternehmer aus Münster. Täglich gewinnt er neue Kunden hinzu – meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Geliefert wird innerhalb des Stadtgebiets von Münster, aber mittlerweile auch in Telgte. „Wer uns beauftragt, hat immer eineinhalb Stunden später seine Ware“, betont Büchl.

Getränke-Vorlieben werden gespeichert

Besteller bei der Flaschenpost müssen – wie bei jedem Online-Handel – ihre Daten preisgeben – und ihre Getränke-Vorlieben. „Diese Daten werden nicht weitergegeben“, betont Büchl. Angst vor einem Hacker-Angriff hat der Unternehmer nicht – da vertraut er dem ebenfalls selbst entwickelten Systemen zum Datenschutz. „Wir haben eine Entwicklungsabteilung mit vier bis fünf Entwicklern“; beruhigt er eine besorgte XINGlerin.

Ärger mit den Wettbewerbern

So weit, so gut. Doch eigentlich wollte Dieter Büchl seinen Flaschenpost-Service sieben Tage die Woche anbieten. Doch seine Mitbewerber auf dem Markt sahen ihre Stunde gekommen, dem unliebsamen Konkurrenten eins auszuwischen. Vor Gericht mahnten sie Sonntagsruhe und Wettbewerbsverzerrung an. Begründung: Mit seinen Auslieferungen am Sonntag verstoße das Startup gegen das Arbeitszeitgesetz. Das Landgericht Münster entschied, dass Flaschenpost sonntags nicht mehr ausliefern darf. „Wir haben uns entschieden die Sache nicht in weitere Instanzen zu treiben“, sagt Büchl auf Nachfrage der XINGler. „Tatsächlich hat sich gezeigt, dass wir durch den fehlenden Sonntag keinen einzigen Euro Umsatz eingebüßt haben. Der Umsatz verteilt sich also auf die anderen sechs Tage – und führt damit direkt zu einer besseren Auslastung. Außerdem war der ganze Prozess wunderbare PR für uns!“ Zustimmendes Gelächter.

Die Flaschenpost wächst

Vor rund einem Jahr wagte Büchl mit seinem Start-up-Unternehmen Flaschenpost einen Probelauf. Der musste aber nach kurzer Zeit wieder eingestellt werden, weil er von der Nachfrage derart überrannt wurde, dass alles nicht zu bewältigen war. „Wir haben das System noch einmal überarbeitet und noch einmal neu begonnen.“ Mit einem IT-System, was seitdem immer weiter optimiert wird. Etwa für die besten Wegstrecken – damit keine Fahrt umsonst ist. In jedem Wagen sind Tablet-PCs angebracht. 40 Produkte hat Flaschenpost mittlerweile im Sortiment. Zehn Lkw liefern bei Flaschenpost die Waren an – pro Tag! Bezahlt wird im Internet per Lastschrift oder Paypal. Und auch das Leergut wird von den Auslieferern wieder mitgenommen. „Wir bringen das Pfand in 80 Prozent der Fälle direkt zu den Brauereien und Brunnen zurück“, ergänzt Büchl.

Köln kommt

Der Startupper merkt, Münster läuft und läuft, also setzt er auch auf andere Städte. 30 nimmt er gerade unter die Lupe, ob sie „Flaschenpost“-tauglich sind. Sechs Städte kommen in die engere Wahl. Bald startet er in Köln. „Als Franchise?“, will ein XING-Mitglied wissen. „Nein, direkt.“ 180 Fahrzeuge sollen demnächst durch die Stadt am Rhein fahren und Getränke zu Kunden ausliefern. 550 Mitarbeiter sind nach Angaben des Flaschenpost-Chefs dafür allein in Köln vorgesehen. Der Flaschenpost-Chef feilte drei Monate lang an dem Kölner Konzept. In Münster ist Büchl zurzeit mit rund 550 Beschäftigten und 80 Lieferfahrzeugen, Tendenz steigend, unterwegs. Alles bei normaler Fluktuation, sodass immer wieder neue Mitarbeiter gesucht werden. Die meisten davon beschäftigt als Mini-Jobber und Aushilfen, die für die Lieferung der Getränke zuständig sind. „Wir haben in Köln zwei Lager, eines rechts und ein anderes links vom Rhein“, so Dieter Büchl, „für 40 Produkte.“ Das umfangreiche Sortiment reicht von von Wasser, Bier und Säften bis zu Wein und Kaffee. Und Büchl beantwortet gleich die nächste Frage: „Ich werde mit meinem Hauptstandort in Münster bleiben.“ Das ist ein klares Statement für die Westfalen-Metropole. Spontaner Beifall.

Es wird immer wieder zu eng

Mit einem kleinen Getränkelager, sechs Autos und handgeschriebenen Rechnungen ging es mit einem Probelauf vor etwas mehr als einem Jahr los. „Mit vielen schlaflosen Nächten“, blickt Dieter Büchl zurück. Die sich aber lohnten, denn: die Münsteraner waren auf Anhieb vom Flaschenpost sehr angetan. „Ich möchte keine genauen Zahlen nennen, aber die tatsächliche Nachfrage hat meine Erwartungen um ein Vielfaches überstiegen. es war und ist ein richtiger Hype“, so der Gründer. Nach seinem erfolgreichen Probelauf wechselte Büchl die Location. Jetzt arbeitet er in einer riesigen Halle samt Außenfläche am Dortmund-Ems-Kanal nahe Hafen. Und die ist mittlerweile auch schon wieder zu klein geworden. „Deswegen entsteht gerade auf den Parkplätzen draußen eine Schnellbauhalle.“ Investiert hat Büchl in eine automatische Kommissionierung der Getränke, um die Kunden noch schneller bedienen zu können, sagt er. Statt den früheren Lieferscheinen aus Papier gibt es elektronische Handgeräte für die Auslieferung. Aus Anfang sechs und dann 30 Lieferfahrzeugen wurden jetzt 80 – allein für die Münster, Tendenz steigend.

Wie ein Schweizer Uhrwerk

Und wie die XINGler beim Backstage-Betriebsbesuch hautnah mitbekommen: Flaschenpost läuft wie geschnitten Brot. Ob bei der Lagerung, Auftragsakquise, Auslieferung oder bei der Pfandverbuchung und Buchhaltung: Hier greift eine Hand in eine andere, wie die Rädchen eines Schweizer Uhrwerks. Ständig entdeckt man die signifikanten pink-weißen Transporter, die durchs Stadtgebiet von Münster fahren, und bald auch anderswo, wie motorisierte „Ameisen“. Mittelfristig, so der Plan, will die Flaschenpost (Website: “Wir wollen marktführender Getränkehändler in Deutschland werden”) alle Städte mit mehr als 250.000 Einwohnern in der Republik abdecken.

XINGler sind begeistert

„Gut gemacht“ bilanziert nicht nur Key Account Manager Christian Hemfort bei der lockeren Gesprächsrunde im Anschluss an die Betriebsführung bei leckeren Häppchen und kühlen Getränken und Sicht auf den Dortmund-Ems-Kanal. Große Zustimmung an dem Flaschenpost-Konzept kommt auch von Hu Peng-Zhou aus dem Publikum. Für die Geschäftsführerin (SINOFORM graphic design & communication) ist alles „klasse strukturiert und organisiert“. Eine Frau fragt: „Die Jungs, die hier arbeiten, die haben ja viel zu tun. Wird da manchmal nicht jemand unfreundlich?“ Und der Flaschenpost-Chef antwortet blitzschnell und glaubwürdig: „NEIN! – Ja es ist ein anstrengender Job, aber wir zahlen Mindestlohn. Hinzu kommen die Trinkgelder. Die Fahrer fahren ein gutes Salär ein.“ Ein XINGler will wissen ob es Ärger bei den Ausfahrten gibt. Dieter Büchl antwortet: „Nein, die Fahrer haben ja eine realistische Zeit für die Wegstrecke. Im Kreuzviertel planen wir zum Beispiel zusätzliche 15 Minuten für die Parkplatzsuche ein.“

Verkehrsrowdys müssen selbst zahlen

Parkknöllchen zahlt der Chef (bislang zehn in einem Jahr), nicht aber Tickets für zu schnelles Fahren. „Wir haben da einen klaren Verhaltenskodex und GPS in jedem Auto!“ Ein anderer XINGler lobt die Marketingstrategien: „Die Homepage von Flaschenpost ist klasse und bei den Suchmaschinen kommt man nach bild.de sehr schnell zu flaschenpost.de. Wahnsinn!“ Manche wollen wissen was der Flaschenpost-Gründer früher gemacht hat. „Ich habe zehn Jahre Onlinehandel mit Druckerpatronen gemacht. Und bei Flaschenpost machen wir das Marketing auch selbst“ Mit Erfolg. Nicht wenige XINGler, wie zum Beispiel Unternehmensberaterin Agnes Lütke Föller, outen sich als Kunden von Flaschenpost, andere wollen es werden. Darauf das ein oder andere Bierchen beim anschließenden Netzwerken! Flaschenpost zeigt, wie lebendig der Gründergeist ist, wenn man eine Produktidee hat, die die Welt wirklich braucht und für die man so brennt, wie Gründer Dieter Büchl und Kollegin Martha Eggert. Und da kann man noch viel erwarten.

(Peter Sauer)


 


 

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