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  • 02.02.2018, 12:06 Uhr
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  • Münster / Münsterland
171. Treffen XING MS

Rechtsberatung online – Nur Zukunftsmusik oder wichtiger Erfolgsbaustein?

Sie trotzten dem Sturmtief „Friederike“ und trafen sich am 18. Januar im Theatercafé Münster: 20 Mitglieder der XING Ambassador Community Münster wollten die Antwort wissen auf die Frage: Rechtsberatung online - geht das?

Einige Interessierte wurden durch „Friederike“ vom Besuch abgehalten, auch um sich um manche Sturmschäden zuhause zu kümmern. Beim 171. Treffen der XING-Gruppe Münster referierte ein Mitglied der Gruppe, Rechtsanwalt Dr. Andreas Neumann (Port7 Rechtsanwälte GbR). Seine juristischen Schwerpunkte sind die persönliche Rechtsberatung und die Entwicklung tragfähiger rechtlicher Lösungen in Form von rechtssicheren Vertragsklauseln oder einschlägigen Schriftsätzen im Bau- und Immobilienrecht in NRW.

Mehr als ein Hype

Zunächst informierte Andreas Neumann über den Fachbegriff „Legal Technology, kurz „Legal Tech“. Diese beinhaltet Software und Online-Dienste, die laut wikipedia „juristische Arbeitsprozesse beziehungsweise Abläufe unterstützen oder gänzlich automatisiert durchführen. Solche IT-Produkte werden bisher vor allem von Start-ups entwickelt, die das Ziel verfolgen, effizientere Alternativen zu einzelnen Arbeitsschritten oder ganzen Rechtsdienstleistungen zu schaffen.“ Auch Rechtsanwalt Neumann bestätigte, dass durch wachsende IT-Potenziale und Digital Natives auf dem Arbeitsmarkt die Bedeutung von Legal Technology für die Rechtsberatung seit einigen Jahren stetig an steige. Legal Tech entwickelte sich auch in Deutschland rasant. So gibt es zahlreiche Firmen, die erfolgreich auf diesem Markt Fuß gefasst haben. Sie geben Rechtsberatung für wenig Geld. Unter www.legal-tech-in-deutschland.de/ findet sich eine umfassende Übersicht, eine Datenbank von Legal-Tech-Firmen in Deutschland. Unter legal-tech-verzeichnis.de erreicht man ein nach Adressaten (Anwälte/Verbraucher) geordnetes Verzeichnis.

Hemmschwellen abbauen

Die Idee entstand aus der Erfahrung, dass mehr als 70 Prozent aller kleinen und mittleren Unternehmen – aus Angst vor den Kosten – keinen Anwalt aufsuchen. „Es gibt nach wie vor keinen gleichen Zugang zum Recht“, bestätigte Referent Neumann den Einwurf eines Zuhörers. „Je geringer das Einkommen, desto geringer die Chance, dass man zu seinem Recht kommt.“ XING-Moderator Thomas Böhmer fragte nach. „Hat sich nicht die Situation für die Verbraucher doch verbessert, konkret durch Rechtsschutz-Versicherungen und Prozesskostenhilfe?“ Andreas Neumann gibt Böhmer ein „Jein“ zur Antwort: Die Möglichkeiten seien in der Tat besser geworden, dennoch sei das Gros der Bürger unzufrieden, auch darüber, wie lange Gerichtsprozesse dauern und wie viel sie kosten und dass es dann am Ende oft nur zur Pyrrhussiegen wie Vergleichen kommt, wenn zum Beispiel Richter vorschlagen: „Lassen sie uns die Sache doch in der Mitte durchschlagen“. Die Folge formulierte Neumann so: „Recht-Sucher und An-Recht-Arbeitende sind zunehmend frustriert.“ Auch deshalb wird Online-Rechtshilfe immer wichtiger.

Zahlreiche Dienstleister

Kunden können heute Rechtshilfe von einer wachsenden Zahl von Dienstleistern wie Smartlaw, Geblitzt.de, oder Flightright.de online nutzen. Diese neuen Optionen schaffen bezahlbare juristische Dienstleistungen für alle Bevölkerungsgruppen und versetzen die Verbraucher in die Lage, ihre eigenen Rechtsangelegenheiten online regeln zu können.

Watson und ROSS

Die erste Fragte, die sich das Auditorium schon vor dem fundierten Vortrag von Dr. Neumann stellt, lautet: Ist die Online-Rechtsberatung eigentlich eine Konkurrenz für Anwälte? Klare Antwort vom Referenten: „Keine Konkurrenz, zumal viele Online-Nutzer zuvor ohnehin kein Anwaltsbüro aufgesucht haben.“ Aufgrund großer Hemmschwellen. Gleichzeitig hilft zum Beispiel die Computer-Software ROSS (sie nutzt die kognitiven Computer- & Sprachverarbeitungsfunktionen der künstlichen Intelligenz „Watson“) vor allem in den USA zahlreichen Rechtsanwälten, ihre Arbeitszeit besser zu nutzen und dadurch kosteneffizienter zu arbeiten. Viele Legal Tech-Firmen arbeiten zum Teil zusammen mit großen Anwaltsfirmen um Software zu entwickeln, die Verträge intelligent im Kontext lesen, verstehen, vergleichen und analysieren kann.

Legal Tech – Bedrohung oder Chance?

Für Neumann ist klar, dass sich Rechtsanwälte in den nächsten Jahren auf die veränderten Technologien einstellen sollten. Das sei langfristig zu ihrem Vorteil. Insofern ist Legal Tech sicher eher als Chance, denn als Bedrohung anzusehen. Der erfahrene Rechtsanwalt betonte, dass Legal Tech ein neuer Standard sei, der dem stationären Rechtsanwälten Wettbewerbsvorteile verschaffe, insbesondere bei der Datenrecherche. Es gehe darum, einzelne Aufgaben zu automatisieren, die Computer billiger, schneller und zuverlässiger erledigen können.

Nutzer im Vorteil

Doch was hat man als Nutzer davon? Leichteren Zugang zur Rechtsberatung? Schnellere Antworten als beim persönlichen Termin? Besserer Preisvergleich? „Trifft alles zu“, meint Rechtsanwalt Andreas Neumann. „Legal-Tech“ erhöht die Transparenz, baut durch Festpreise und direkten Online-Zugang Hemmschwellen ab: „Dass sich einfach jeder Recht leisten kann und in absehbarer Zeit dann auch Recht bekommt.“ Die Legal-Tech-Anwälte streiten im Auftrag des Verbrauchers – und wenn sie Recht bekommen, muss der Kunde einen Teil des Gewinns abgeben. Damit die Rechnung auch für die Legal-Techs aufgeht, spezialisieren sie sich bisher zumeist auf Streitsachen, deren Rechtsprechung überschaubar und gefestigt ist, zum Beispiel die EU-weit einheitlichen Fluggastrechte.

Verbraucher kann sich auch selbst helfen

Legal-Techs leben aber auch von der Bequemlichkeit ihrer Kunden. Viele beauftragen die Dienstleister, obwohl sie ihre Rechte oft auch allein durchsetzen könnten. Fluggäste etwa können auf der Website der Airline ein Formular ausfüllen. Im schlimmsten Falle müssen sie zäh hinterher telefonieren, wenn die Firmen nicht gleich zahlen wollen. Doch selbst dann können Kunden kostenlos zu ihrem Recht kommen, weiß Andreas Neumann. Die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr stellt bei einem Großteil der Beschwerden eine Einigung her, ohne dass Kunden einen Teil der Entschädigung als Provision zahlen müssten. In Zukunft könnten Legal-Techs auch Kündigungsschutzklagen abwickeln oder Ehen scheiden. "Für alles, was sich standardisieren lässt, wird es künftig Legal-Techs geben" zitiert Referent Neumann den bekannten Anwalt Markus Hartung, der auch Mitglied im Deutschen Anwaltverein ist. Für komplexere Streitfälle bleibe dagegen der Wege zum stationären Anwalt unumgänglich.

Portale pointiert präsentiert

Rechtsanwalt Dr. Andreas Neumann referierte frei und lebendig und immer in Interaktion mit dem Publikum. Er gab in seinem profunden wie praxisnahen Vortrag einen facettenreichen Überblick über den Einsatz von „Legal Tech“ in Kanzleien und Rechtsabteilungen und formulierte Strategien für einen nachhaltig erfolgreichen Einsatz. Pointiert stellte er seine ganz persönliche Auswahl an Portalen auf. Als „immer freundlich, fair und kompetent“ stuft er demnach das Portal „Immoanwalt NRW“ ein. Und er erläuterte, wie online gearbeitet wird. Bei dem Portal 23recht.net beziehungsweise frag-einen-anwalt.de geht dies über Fragemöglichkeiten. Auf die Beantwortung eingehender Fragen bewerben sich zahlreiche Anwälte. Ein Zufallsprinzip entscheidet, wer sich der Frage annimmt. Die Portale anwalt.de, anwalt24.de und rechtsanwalt.com agieren einerseits als Angebotsportale mit Rechtstipps (Referent Neumann hat bei anwalt.de auch schon einige Tipps veröffentlicht) und Festpreisangeboten, die Portale justanswer.de, advocado.de, yourXpert.de andererseits als Frage-Antwort-Plattformen; advocado.de, und legalbase.de als Online-Großkanzleien. Immer gilt: auf eingehende Fragen werden individuelle Festpreisangebote erstellt.

Was kostet mich das?

Bei der Online Rechtsauskunft erhalten Mandanten eine schnelle Antwort auf Rechtsfragen und dies zu einem Festpreis. Alle Anwälte, die für die Online Rechtsberatung tätig sind, seien auf dem neuesten Stand der Rechtsprechung und mit aktuellen Urteilen vertraut. „Ein Anwalt hat immer zwei Stunden maximal Zeit, um die online gestellten Fragen zu beantworten“, weiß Neumann. „Eine einzige Nachfrage kostet nichts extra.“ Am Ende der Online Rechtsberatung kann man den Anwalt letztendlich bewerten. Natürlich interessieren sich die Zuhörer von der XING Ambassador Community Münster dringend dafür, was konkret für Kosten anfallen. „25 Euro ist das Mindestgebot“, rechnet Neumann vor, „das Durchschnittshonorar liegt bei 60 Euro, da ein Teil des Geldes auch an das jeweilige Portal geht.“ Klarer Tenor im Auditorium: „Das sind angemessene Preise, die völlig in Ordnung sind“, sagten zum Beispiel Peter Finke aus Lüdinghausen (Geschäftsführer claim partner GmbH) und Dr. Jörg Bockow aus Münster (Inhaber von News & Message). „Vor allem, weil man neben dem Geld auch Anreise zum Anwalt und viel Zeit spart“, ergänzte ein weiterer Zuhörer.

Mandanten-Akquise inklusive

Und wie ist es mit der Qualität der Auskünfte? Das komme natürlich immer auf die jeweiligen Fälle an, wie komplex sie sind. „Für eine erste Einschätzung der Rechtslage sind die Portale oft genau das Richtige.“ Zudem sei der Anwalt voll in der Haftung. Auf Test-Fragen von Stiftung Warentest haben die Online-Anwälte verschiedener Portale übrigens „überwiegend korrekt“ geantwortet (Test vom 11. Dezember 2017) . Ein XINGler fragt: „Aber das Ganze läuft doch für die Online-Anwälte im Endeffekt auf Mandanten-Akquise hinaus?“ Klare Antwort des Referenten: „Ja! – was für beide Seiten aber nicht schlecht ist.“ In der Online-Praxis findet der Verbraucher oft seinen passenden Anwalt, deutlich effizienter als über die gelben Seiten oder werbende Homepages. Neumann zitierte Markus Hartung: „Legal Tech ersetzt nur, wofür man ohnehin keinen Anwalt brauchte, wofür man aber bislang den anwaltlichen Stundensatz bezahlen musste.“ Es seien zudem noch keine Fälle bekannt, bei denen die anwaltliche Online-Hilfe verkehrt gewesen ist. Der Referent kann „Legal Tech“ daher nur empfehlen: „Wenn wir es nicht selber machen, machen es ausländische Anbieter.“ Das sah das XING-Plenum ähnlich. Eine Frage blieb: „Und wenn Studenten für ihre Hausarbeiten sich online Antworten bei Anwälten einholen wollen“, fragte ein Mann aus dem Auditorium. „Ganz klar, dass merken wir sofort“, sagte Dr. Neumann, „schon dadurch, wie er sein Anliegen formuliert. Das erkenne ich am Duktus!“

Auch bei Spezialfällen gibt es online Hilfe

Besondere Portale bei Angelegenheiten rund um Auto/Zug/Fahrrad sind: geblitzt.de (Verkehrsverstoß), myright.de (Abgas-Skandal), unfallhelden.de (Verkehrsunfall), bahn-buddy.de oder zug-erstattung.de (Zugverspätungen), bikeright.de (Fahrradunfall). Bei Flugreisen sind zuständig die Portale compensation2go.com, euclaim.de, euflight.de, fairplane.de, flightright.de, flug-erstattung.de oder wirkaufendeinenflug.de. Ausdrücklich weist Andreas Neumann aber auch auf die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr hin, der sich viele Verkehrsunternehmen angeschlossen haben. Immer wichtiger werden auch Plattformen rund um Rechtsfälle sozialer Art. Mit Hartz IV und bald auch mit BAföG beschäftigt sich das Portal rightmart.de. Bei Hartz 4 hilft auch das Portal hartz4widerspruch.de. Beim Arbeitsrecht gibt es Unterstützung bei abfindungsheld.de (Sofortabfindung).

Vorsicht bei Vertragskündigungen!

Differenziert ging Neumann auf die Portale ein, die sich als Vertragsassistenten verstehen. Da gibt es aboalarm.de (Zeitschriften), helpcheck.de (Lebensversicherung), legalview.de (Altersvorsorgeverträge beenden) und auch volders.de (Fristenüberwachung, Tarifvergleich, Kündigung). Bei machen müsse man aufpassen, wie etwa bei volders.de, da diese zwar alte Verträge kündigen würden, aber gleichzeitig unbedingt neue Verträge akquirieren wollen. Vor dem Hintergrund sich verändernder Gesetzeslagen werden auch juristische Portale für Mieter immer wichtiger. Hier nannte Neumann mieterengel.de und wenigermiete.de (Mietverträge), mineko.de (Nebenkostenabrechnung) und miethelden.de (Mietpreisbremse).

Vertragsgeneratoren und Richter-Check

Außerdem gibt es im Netz auch digitale Musterschreiben und Vertragsgeneratoren, zu finden bei smartlaw.de, bestform24.de, janolaw.de, agreement24.de, formblitz.de, wonder.legal, dasrecht.de (speziell auch für Erbrecht), aber auch auf 123recht.net und yourXpert.de. Alle Anwälte im Netz leben nicht nur von den Honoraren für beantwortete Fragen und gelöste Fälle, sondern immer mehr auch von einer Bewertung. Um Rechtsanwälte, Steuerberater und andere Dienstleister zu benoten gibt es das Portal bewertet.de, für eigene Erfahrungen mit Richtern das Portal richterscore.de.

Beides gehört zusammen

Die Stärke seines zweistündigen Vortrags war nicht nur die Fülle an Informationen, sondern auch dass Dr. Andreas Neumann zu jeder Zeit mittendrin immer wieder Fragen der XINGler zuließ und diese sofort verständlich zu beantworten wusste. Ein analoger Abend über ein digitales Thema, der auch beim späteren gemütlichen Netzwerken bei Getränken und Brezeln unter den XINGler zeigte, dass beides irgendwie zusammengehört: juristisches Handwerk und die Technik von morgen. Und der Sturm draußen war inzwischen auch vorbei.

(Peter Sauer)


 


 

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