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  • 11.07.2014, 14:22 Uhr
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  • Münster
Dämmung

Dicke Styropor-Platten in der „Boeselburg“

Würde man das Dämmmaterial, das im Studentenwohnheim „Boeselburg“ verbaut worden ist, stapeln, dann entstünde ein riesiger Berg. 25 Zentimeter dick sind die Styropor-Platten, die die Wände der vier Wohnblöcke umschließen.

Als Reiner Kresing in den 70er-Jahren als Student im niederländischen Delft in einer Wohnanlage namens „Krakeelhof“ lebte, genügte die Architektur, um Gemeinschaftswohl unter den Bewohnern zu stiften. Die Erinnerungen an das lustige Leben in dem wasserschlossähnlich gestalteten Studentenwohnheim in Holland sind wieder wach geworden, als Kresing an seinem neuesten Riesenprojekt arbeitete – dem Neubau der mit Landeskrediten geförderten größten Studentenwohnanlage in Passivhausbauweise Europas, wie es in offiziellen Beschreibungen der neuen Boeselburg heißt.

Im Krakeelhof reichte das Gemeinschaftsgefühl fürs wohlig-warme Klima, in der Boeselburg ist dafür ausgefuchste Klimatechnik zuständig – und Dämmmaterial, das auf einem Haufen getürmt, gute Chancen hätte, zu den höchsten Erhebungen im Stadtgebiet zu gehören. 25 Zentimeter dick sind die Styropor-Platten, die die Wände der vier Wohnblöcke mit den vom Studentenwerk vermieteten 535 Wohnplätzen auf 20.000 Quadratmeter Nutzfläche umschließen. Die Außenmauern mussten verstärkt werden, damit sie die Last der Fassade tragen können.

Am Rande der offiziellen Einweihung der neuen farbenfrohen Boeselburg schlug Kresing unlängst aber auch nachdenkliche Töne angesichts der gigantischen Dämmung an – die auch bei anderen Bauprojekten durchaus im Trend liegt. Abgesehen davon, dass das Raumklima in extrem dicht gedämmten Gebäuden sensibel gegenüber Schimmelbildung ist, stellen Fachleute auch die Frage nach der späteren Entsorgung all des Dämmmaterials, das jetzt verbaut wird.

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Die nach rund 40 Jahren abgerissene alte Boeselburg wurde geschreddert und als Straßenbelag recycelt, die Styroporberge der Dämmung können allenfalls verbrannt werden. Helmut Himpe, Leiter der Bauakademie des Handwerkskammer-Bildungszentrums Münster, spricht ganz offen vom „Dämm-Wahnsinn“, der speziell in Deutschland um sich greife. „Immer dickere Dämmung führt irgendwann nicht mehr zu weiterer Energieeinsparung“, sagt Himpe und empfiehlt Augenmaß. Speziell beim Styropor gebe es Probleme mit dem Feuchtetransport. „Die Feuchtigkeit gelangt nicht nach draußen, versuchen sie mal, einen nassen Pullover in einer Plastiktüte zu trocknen“, sagt Himpe und empfiehlt, mehr auf die Dämmmaterialien zu achten. „Öko-Dämmstoffe sind teurer, aber besser für das Raumklima und umweltfreundlicher bei der Entsorgung.“

In die Berechnung der Energie- Bilanz müsse auch die Energie einfließen, die aufgewendet wird, um das Dämm-Material zu produzieren

Kritisch sehen Architekten und Baufachleute auch offiziell die Berechnung der Energiebilanz hochgedämmter Gebäude: Die Energie die aufgewendet wird, um das Dämm-Material zu produzieren und später zu entsorgen, müsse auch in die Bilanz einfließen.
Auch mit der Haltbarkeit der stark gedämmten Fassaden gebe es Probleme, die zuerst nicht vorhergesehen wurden, ergänzt Helmut Himpe – und erzählt die Geschichte von den Spechten, die auf Futtersuche gern in die ziemlich weichen Dämmfassaden picken: „Erst mal finden die Vögel dort nichts. Aber die Löcher, die die Spechte hinterlassen, werden gern von Insekten zur Eiablage genutzt. Weshalb der Specht dann doch gern wiederkommt.“

(Karin Völker, WN)


 


 

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