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  • 17.07.2013, 09:51 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Design-Stücke aus dem Knast

Hochschule trifft Haftanstalt

Design-Studenten der Fachhochschule Münster kooperieren mit der Gefängniswerkstatt in Werl. Sie liefern die Prototypen für Alltagsgegenstände, die dann von Häftlingen in Serie produziert werden sollen. "Neuanfang" ist der vielschichtige Titel der "Knast-Reihe".

Eine kleine Tischleuchte, so schlicht wie elegant. Oder: eine hölzerne Bank, raffiniert und zurückgenommen. Oder: Notizbücher, in klassisch grau-weiß-gestreiftem Knaststoff. Auf den ersten Blick könnte man sich all die Dinge auch in einem Manufactum-Katalog vorstellen. Produkte, solide gefertigt und aufs Wesentliche reduziert. Zu finden sind sie aber in einem Prospekt, den zwei Schlüssel zieren und ein Schriftzug: „Authentic Werl“.

Hochschule trifft Haftanstalt, Design-Studenten kooperieren mit Gefangenen. Der Knast in Werl und die Fachhochschule in Münster sind diesen Weg gemeinsam gegangen. Roland Pastoor ist der 2. Leiter der Arbeitsverwaltung in der JVA und so etwas wie der geistige Vater dieser ungewöhnlichen Kooperation. „Wir können uns hier zwar nicht über zu wenig Arbeit beklagen“, sagt er. Nur sei einiges von dem, was da hinter den hohen Mauern produziert wird, „eben nicht mehr ganz so zeitgemäß“.

Erster Kontakt über das Internet

Es bedurfte fünf Mausklicks nach der Erkenntnis, und Pastoor hatte den Kontakt zum münsterischen Design-Professor Steffen Schulzhergestellt. Er und seine Studenten hatten vor Jahren einmal mit entlassenen Strafgefangenen zusammengearbeitet. Die Spuren dieser Kooperation hatte Pastoor im Internet gefunden. Schulz war von der Idee aus dem Knast sofort angetan. „Es ist für die Studenten wichtig, sich im Sinne der Berufsqualifikation mit Projekten zu beschäftigen, die mit der Wirklichkeit zu tun haben“, sagt er. 15 künftige Produktdesig­ner machten sich also an die Arbeit.

Ideen entwickeln, Bedingungen erkennen, womöglich auch die Atmosphäre. Gute Produkte sind immer eingebettet in den Kontext ihres Entstehens, ihres Ortes, ihrer Zeit. Sie haben eine Geschichte und eine Botschaft. Die der Knast-Reihe heißt nun „Neuanfang“ – ein Titel, so simpel wie raffiniert. Neuanfang passt zu Häftlingen, oder zu jungen Menschen, die flügge werden, oder zu solchen, die sich gerade getrennt haben. Herausgekommen sind am Ende Kleinmöbel und Accessoires, profane Dinge mit Charme und Knast-Appeal.

Alltagsgegenstände, reduziertes Design, nicht zu teuer, Neuanfang, Erstausstattung, gefertigt im Gefängnis:Das sind sie, die Schlagworte, die eine Geschichte ergeben. Ei­ne Geschichte, die in jedem Einzelstück steckt, die jedes Einzelstück auch erzählt, die authentisch ist – und der gesamten Reihe darum einen besonderen Reiz verleiht.

Praxistest der Design-Prototypen

Schwer knallt die dicke Metalltür ins Schloss. In der JVA-Schreinerei sind unlängst die ersten Muster aus Münster eingetroffen. Beispielsweise ein Hocker, der zugleich eine Trittleiter ist, oder eine Garderobe aus Birkenholz und Seilen. Die Prototypen hergestellt haben die Studierenden mit ihrem Professor. Jetzt erleben die Unikate den Praxistest; die Häftlinge bauen sie nach. Mit dem Hocker beschäftigt hat sich beispielsweise Carsten Dinspel. Dass sie im Knast demnächst solche Dinge in Serie produzieren, findet er gut. „Aber über das Design, da kann man ja wohl streiten.“ Dinspel mag es eher praktisch. Ein Hocker, sagt er, den müsse man natürlich zusammenklappen können, dann nehme er weniger Platz weg. „Darüber würde ich gerne mal mit den Studierenden reden.“

Als der Professor das hört, strahlt er über das ganze Gesicht. Dass sich diejenigen, die die Design-Stücke ersonnen haben, mit denen auseinandersetzen, die sie herstellen, ist etwas, was er sich immer gewünscht hat. Weil so etwas wichtig ist, um ein Produkt bestmöglich zu machen.

Arbeitspflicht in deutschen Gefängnissen

Für Strafgefangene in Gefängnissen besteht Arbeitspflicht. Damit sollen sie helfen, die Kosten, die ihre Haft den Steuerzahler kostet, ein wenig zu minimieren. Darum soll jedem Gefangen eine „wirtschaftlich ergiebige Arbeit zugewiesen werden, die seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht“. Oftmals verfügen die Gefängnisse über Schreinereien. Behörden und Verwaltungen sind angewiesen, einen Teil ihres Mobiliars in Haftanstalten herstellen zu lassen. Das Gefängnis in Werl, das mit derzeit 840 Gefangenen zu den größten Deutschlands zählt, erwirtschaftet mit seinen Werkstätten nach Angaben des Direktors Michael Skirl einen jährlichen Gewinn von rund vier Millionen Euro. Der Betrag deckt aber nur rund zehn Prozent der Gesamtkosten.

(Elmar Ries)


 


 

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