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  • 13.07.2015, 09:15 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Die Zukunft der Provinzial

Neuer Provinzial-Chef will Kosten senken und ohne Fusion ertragreich arbeiten

Sein Amt als neuer Vorstandsvorsitzender des Provinzial Versicherungskonzerns hat Dr. Wolfgang Breuer am 1. Juni in Münster angetreten. Redakteur Norbert Tiemann sprach mit ihm über die Herausforderungen dieser Aufgabe in bewegten Zeiten, über Fusionen und das 45 Millionen Euro schwere Sparpaket.

Hinter der Provinzial liegt eine Zeit mit schweren Turbulenzen: Zunächst die – später gescheiterte – Verkaufsabsicht der Eigentümer, dann gescheiterte Fusionsverhandlungen mit der Provinzial im Rheinland, danach einige Personalwechsel auf der Vorstandsetage. Mit welchen Erwartungen der Eigentümer haben Sie Ihre neue Aufgabe vor wenigen Wochen aufgenommen?

Breuer: Es geht darum, dass die Provinzial eigenständig und erfolgreich durch die nächsten Jahre kommt. Jahre, die für alle Beteiligten der Finanzwelt nicht einfach werden. Das Ziel ist, dass die Provinzial wirklich ohne Fusion ihr Geschäft ertragreich, stabil und zukunftssicher betreiben kann. Dafür finde ich im Unternehmen sehr gute Voraussetzungen vor.

Ist das Thema Fusion tatsächlich in naher Zukunft nicht mehr auf der Agenda?

Breuer: Es ist, wie Sie es formulieren, in naher Zukunft kein Thema.

Als Konsequenz aus den gescheiterten Fusionsverhandlungen stand 2013 die Aufforderung der Provinzial-Eigentümer, zukünftig jährlich 45 Millionen Euro einzusparen. Gibt es dieses Sparpaket noch?

Breuer: Es gibt diese Zahlen. Aber der Begriff Sparpaket ist nur ein Teil dieses Themas. Es geht im Wesentlichen um ein Ertragssteigerungspotenzial im Umfang von 45 Millionen Euro, davon rund zwei Drittel Kostenmaßnahmen. Das ist so in die Unternehmensstrategie eingegangen. Arbeitsfelder sind beispielsweise der Kapitalanlagebereich, natürlich auch Kostenmaßnahmen. Am Kosten-Sparen kommt wohl kein seriöses Finanzunternehmen in Zeiten einer historischen Niedrigzinsphase vorbei. Wir müssen uns effizient und wettbewerbsfähig aufstellen.

Zu welchen Instrumenten wird der Konzernchef greifen?

Breuer: Wir werden uns im gesamten Konzern die Prozesse anschauen, um herauszufinden, ob hier irgendwo Doppelarbeit geleistet wird bzw. Vorgänge vereinfacht erledigt werden können. Wir werden natürlich neue Techniken und neue Medien einsetzen, um die notwendigen Ertragspotenziale zu erzielen. Denn darum geht es schlussendlich. Es muss das Ziel sein, möglichst viel Arbeit in den Konzern hineinzuholen. Es geht nämlich nicht darum, um jeden Preis die Anzahl der Arbeitsplätze abzubauen, wir wachsen besser als der Markt. Erst dann, wenn nicht mehr genügend Arbeit vorhanden ist, um die notwendigen Effizienzsteigerungen zu schaffen, muss man den Apparat entsprechend anpassen.

Wie laufen denn Ihre Gespräche darüber mit der Mitarbeitervertretung?

Breuer: Solche Gespräche laufen immer dann gut, wenn man aufeinander zugeht, wenn man die Dinge perspektivisch und frei von Überraschungen diskutiert, sich gegenseitig versteht und Brücken baut. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sehr konstruktive Zeiten vor uns stehen. Wir wollen alle, dass die Provinzial ein klasse Arbeitgeber und starker Wirtschaftsfaktor für uns hier ist, aber unter der klaren Bedingung, nachhaltig vernünftige Gewinne zu schreiben.

Verstehen Sie sich als Sanierer?

Breuer: Nein. Schließlich handelt es sich hier auch nicht um einen Sanierungsfall. Die Provinzial hat ein gutes Geschäftsmodell, wir sind Platzhirsch in unseren Märkten. Das werden wir auch bleiben und gemeinsam Zukunft gestalten.

Wie wollen Sie denn vorgehen?

Breuer: Mehrstufig. Wir erarbeiten gerade ein Maßnahmenpaket, um die heute schon erkannten Verbesserungspotenziale systematisch zu heben, und wir erarbeiten für das nächste Jahr ein Konzernprogramm, in dem Wachstumschancen und Strukturfragen sowie Effizienzsteigerungsthemen eine große Rolle spielen.

Stichwort Strukturfragen: Gibt es noch die Überlegungen, die drei Schaden- und Unfallversicherungen unter dem Dach des Konzerns zu verschmelzen, womöglich zulasten des Standortes Kiel?

Breuer: Sie müssen differenzieren zwischen Standorten und Rechtsformen . Die Standorte stehen außer jeder Frage. Rechtsträgerfusionen stehen auch heute nicht an, wir brauchen das nicht. Allenfalls am Ende könnte man darin noch ein Effizienzträgerpotenzial erkennen, zunächst aber stehen ganz andere Aufgaben an.

In der Vergangenheit gab es Kritik der Eigentümer an der Provinzial, den Bereich der Digitalisierung deutlich vernachlässigt zu haben, insbesondere im Hinblick auf das veränderte Kundenverhalten.

Breuer: Digitalisierung ist ein ganz wichtiges Thema. Da sind auch Vorarbeiten geleistet worden, aber wir müssen da deutlich mehr Gas geben. Immer im Rahmen unseres Geschäftsmodells, das heißt in voller Würdigung unserer starken Vertriebe, nie gegen sie, und immer im Kundeninteresse.

Können Sie das konkretisieren?

Breuer: Der Kunde möchte für sich entscheiden, wie er mit seiner Versicherung in Kontakt treten will. Deshalb werden wir alle modernen Kommunikationskanäle bedienen, auch Abschlussmöglichkeiten schaffen. Wir werden allerdings keine Direktversicherungsbestände bei der Provinzial aufbauen. Wir müssen uns auch nach innen digitalisieren, zum Beispiel ein Kundenportal anbieten, damit der Kunde seine Angelegenheiten online bearbeiten kann.

(Norbert Tiemann, WN)


 


 

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