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  • 02.02.2015, 08:45 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Ein Fest mit Tradition

Das Kramermahl 2015 in Münster

Schinken mit Brot, Grünkohl mit Mettwurst, Stippmilch mit Pumpernickel: 350 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Kirche und Gesellschaft trafen sich am Freitag zum traditionsreichen Kramermahl in Münsters Rathaus-Festsaal.

Der Vorsitzende des Vereins der Kaufmannschaft zu Münster, Matthias Lückertz, rief in seiner Tischrede zum Zusammenhalt aller Kräfte in der Region auf. Der Erste stellvertretende Vorsitzende, Dr. Benedikt Hüffer, begrüßte den Ehrengast des Mahls, Dr. Thomas Enders, Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus.

Bedenkliche politische Lage

Zwei teure neue Schwimmbäder trotz des gewollten Schuldenabbaus, die „sprachlos machenden“ Vermarktungsabsichten bei der Clemens- und Dominikanerkirche und der mögliche Verkauf der Chillida-Skulptur – „einige Politiker gehen mit der Geduld, der Motivation und dem Engagement von vielen Bürgern fahrlässig um“, warnte Vorsitzender Matthias Lückertz beim Kramermahl vor 350 Gästen im Rathaus. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen und ideologiegetriebene Motive der rote Faden der Stadtentwicklung werden, dann geht für alle Bürger viel verloren.“

Der Vorsitzende des Vereines der Kaufmannschaft zu Münster fand bei seiner traditionellen Tischrede im Festsaal des Rathauses deutliche Worte in Richtung der linken Ratsmehrheit unter rot-grüner Führung. Die politische Lage wirke bedenklich. „Eine sachlich ausgerichtete Diskussion scheint sich wegentwickelt zu haben hin zu leeren Formen von politischem Symbolismus. Ganz nebenbei ist der Ton untereinander in Teilen ausgesprochen rüde bis beleidigend geworden“, sagte Lückertz. Für die Zukunftsgestaltung Münsters forderte er „mutige und an der Sache orientierte Qualitätsentscheidungen aller Verantwortlichen“ – und nicht ein „Handeln, das sich an den Kategorien persönlichen oder parteipolitischen Machtgewinns orientiert“.

Lückertz ist sich sicher, dass sich die Bürger diesen Kurs in der Lokalpolitik nicht lange bieten lassen. Die Hauptaufgabe politischer Führung in Zeiten zerfallender Gesellschaften sei die Stärkung des Zusammenhaltes, den die Münsteraner immer wieder – so beim Jahrhundertunwetter im Juli 2014 und bei den Anti-Pegida-Demonstrationen – unter Beweis stellten.

Der Vorsitzende unterstrich, wie bedeutend der neue Hauptbahnhof und „eine kluge Weiterentwicklung des Flughafens“ für den Wirtschaftsstandort seien. Die IHK-Region Nord-Westfalen hat fast 157 000 Betriebe mit einem Bruttoinlandsprodukt von 76 Milliarden Euro. In über 18 000 münsterischen Unternehmen, davon 24 Prozent im Handel, werden 150 000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. „Viel hängt von der Stimmung der Verbraucher als wichtigem Motor der Konjunktur ab. Der Handel unserer Stadt braucht also von der Politik die besten Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Zukunft“, erinnerte Lückertz auch an die leidige Debatte über verkaufsoffene Sonntage.

Airbus-Chef Enders: Plädoyer für die Vielfalt

In der Geschichte der Luftfahrt gibt es viele Pioniere – „so viele, dass ich bei jeder Rede einen neuen präsentieren kann“, sagte Kramermahl-Ehrengast Dr. Thomas Enders in seiner Festansprache. In Münster entschied sich der Vorstandsvorsitzende der Airbus Group für Wolfgang von Gronau, der 1930 als erster mit dem Flugzeug von Europa nach New York reiste. Vertreter der Schifffahrt belächelten das Unterfangen – „doch wenige Jahrzehnte später wurden 99 Prozent des Transatlantik-Verkehrs in der Luft abgewickelt“, sagte Enders – und schlug den Bogen in die Gegenwart.

Auch heute gebe es Pioniere, die Unternehmen herausfordern, Google, Apple, Microsoft. „Die Dynamik, die sie entwickeln, ist viel größer als früher.“ Die deutsche Wirtschaft mag gut dastehen: „Doch wenn wir dem Fortschritt nicht hinterher laufen wollen, müssen wir heute die Grundlagen für die Zukunft legen.“

Eine wesentliche Voraussetzung sei Freiheit. „Heute gehen Pioniere dorthin, wo sie diese Freiheit finden“ – zum Beispiel ins Silicon Valley. „50 000 junge Deutsche arbeiten dort, das ist ein Magnet für innovative Menschen.“ Weniger Bürokratisierung in Deutschland und Europa sei ein Weg, diese Abwanderung zu bremsen.

Als Luftfahrt-Pionier Gronau in New York landete, empfing ihn der US-Präsident. „Leistung beginnt mit Respekt“, so Enders – damals wie heute. „Wir respektieren eure Leistung, egal, woher ihr kommt“: Dies sei eine wichtige Voraussetzung, um Pioniere in Deutschland und Europa zu halten. Als Erfolgsfaktor bezeichnete er Diversität, wie sie bei Airbus gelebt werde: „Menschen aus 120 Ländern arbeiten bei uns, Vielfalt ist unsere Stärke.“ Was für Unternehmen gilt, gelte auch für Nationen. Von Deutschland forderte er eine moderne Einwanderungs- und Integrationspolitik ein.

Das Kramermahl in Münster - ein Fest mit Tradition

Seit gut 180 Jahren wirkt der Verein der Kaufmannschaft in vielerlei Hinsicht am Leben in der Westfalenmetropole mit. Gegründet wurde er 1835 auf Initiative von Johann Hermann Hüffer. Und ein Mitglied der Familie – der damalige Vereinsvorsitzende Friedrich Leopold Hüffer – war es auch, der während des Wiederaufbaus des Rathauses (1950 bis 1958) das Kramermahl im Jahre 1956 ins Leben rief.

In der Tradition geht es auf einen alten Hansebrauch zurück. Und traditionell ist auch das Zeremoniell: Nach der Begrüßung durch die Kaufmannschaft spricht ein Ehrengast, in diesem Jahr Dr. Thomas Enders, CEO der Airbus-Gruppe. Vor ihm sprachen bereits unter anderem Richard von Weizsäcker, Eberhard Diepgen, Hans Tietmeyer, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel im Rathaus.

Danach ziehen die Teilnehmer in den Festsaal zum Mahl. Zur Vorspeise gibt es Schinken und Brot, gefolgt von Grünkohl mit Mettwurst und Stippmilch mit Pumpernickel-Bröseln sowie Zimt und Zucker. Der Vereinsvorsitzende und der Oberbürgermeister entbieten einander den Ehrentrunk aus dem Silbernen Schiff der Kaufleute und dem Goldenen Hahn der Stadt Münster. Die Gäste singen die Nationalhymne. Schließlich endet die Feier mit dem Ruf: „Es lebe unsere gute alte Stadt Münster!“

(WN, Ralf Repöhler, Martin Kalitschke)


 


 

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