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  • 27.06.2014, 16:32 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Entscheider in Westfalen

LWL-Direktor Matthias Löb im Interview

Führungswechsel beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL): Am Dienstag, 1. Juli 2014, tritt Matthias Löb das Amt des LWL-Direktors an und folgt damit auf Dr. Wolfgang Kirsch, der den Kommunalverband seit 2006 leitete.

Im Interview spricht der 49-jährige Jurist über die Ziele seiner Amtszeit, den LWL als „Ideenküche“ und kulturelle Geheimtipps in Westfalen.

Herr Löb, bei Ihrer Wahl zum LWL-Direktor im Januar sagten Sie, es sei zu früh, über Pläne zu sprechen. Nun, kurz vor Ihrem Amtsantritt: Was sind Ihre Ziele?

In erster Linie möchte ich erreichen, dass der LWL für die Kommunen, aber auch für das Land, noch stärker als Dienstleister ins Bewusstsein rückt. Der Landschaftsverband muss mit daran arbeiten, Antworten auf Zukunftsfragen zu finden.

Was sind das für Zukunftsfragen?

Die drei drängendsten Themen sind aus meiner Sicht die Inklusion, der demografische Wandel und der Weg in eine Bürgergesellschaft.

Was bedeutet das konkret?

Fangen wir bei der Inklusion an. Im Moment ist es so, dass Menschen mit Behinderung von Geburt an in Sondersystemen betreut werden. Wir wollen aber erreichen, dass sie mitten unter uns leben. Das bezieht sich nicht nur auf den Besuch einer Regelschule, sondern auch auf die Freizeitgestaltung und das Wohnen in einer ganz normalen Nachbarschaft. Und natürlich müssen Menschen mit Handicap die Möglichkeit haben, eine Arbeitsstelle zu finden, die wenigstens nah dran ist am ersten Arbeitsmarkt. Der Weg in eine Behindertenwerkstatt kann nicht die einzige Lösung sein.

Wie könnte eine Antwort auf den demografischen Wandel lauten?

Beim demografischen Wandel geht es darum, dass wir ihn nicht passiv erleiden, sondern aktiv gestalten. Das Älterwerden der Gesellschaft ist zwar unvermeidlich, birgt aber nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Viele Menschen, die heute in den Ruhestand gehen, haben noch mindestens 15 bis 20 aktive Jahre vor sich, in denen sie gefordert werden wollen. Da sehe ich ein riesiges Potential, das wir abrufen können.

Wie will der LWL damit arbeiten?

Ich würde beispielsweise gerne ein Förderprogramm auf den Weg bringen, mit dem wir die Nachbarschaftshilfe stärken. Bleiben wir beim Thema Inklusion: Wieso müssen Menschen mit Behinderung ausschließlich durch Profis betreut werden? Wieso kann nicht auch ein Nachbar einem Menschen mit psychischer Behinderung beim Einkaufen helfen? Oder einen Menschen, der im Rollstuhl sitzt, beim Arztbesuch begleiten? Wir haben uns leider angewöhnt, solche Unterstützung komplett zu delegieren. Ich möchte aber, dass wir das bürgerschaftliche Miteinander wieder stärker in den Fokus rücken.

Gibt es weitere Ideen?

Wir wollen Zutaten für die Gesellschaft von morgen entwickeln. Ich sehe den LWL dabei als eine Art Ideenküche. Ein Beispiel habe ich gerade genannt: Die Stärkung von nachbarschaftlicher Unterstützung. Es geht darum, dass wir mit finanziellen Anreizen innovative Modelle fördern und diese so kommunizieren , dass andere davon lernen können.

Ein wichtiger Aufgabenbereich des LWL ist die Kulturförderung. Wie sehen da Ihre Pläne aus?

Im Bereich Kultur ist mir ganz wichtig, dass wir auch in Zeiten knapper kommunaler Finanzen die vorhandenen Qualitäten erhalten und stärken. Um es deutlich zu sagen: Bevor über ein neues Museum oder ein neues Projekt geredet wird, muss erst einmal überlegt werden, wie das vorhandene Angebot attraktiv bleibt – auch für die jüngere Generation.

Ihr Vorgänger, Dr. Kirsch, plädierte für ein „selbstbewusstes Westfalen“. Was sind ihre Wünsche für die Region?

Wir haben in Westfalen-Lippe allen Grund dazu, selbstbewusst aufzutreten und es ist zu kurz gegriffen, wenn wir die Region nur über eine Abgrenzung zum Rheinland definieren. Natürlich müssen wir darauf aufmerksam machen, wenn es Benachteiligungen für Westfalen-Lippe gibt, aber unser Ziel sollte es sein, über unsere Stärken zu reden.

Passiert das noch zu wenig?

Ich habe manchmal den Eindruck, dass vieles von dem, was für uns in Westfalen-Lippe selbstverständlich ist, andernorts als neue Idee gefeiert wird. Deshalb ist es wichtig, über das, was hier geleistet wird, auch offensiv zu kommunizieren. Wo das aus meiner Sicht sehr gut gelingt, ist unser Projekt „Kultur in Westfalen“, mit dem deutlich gezeigt wird, was wir hier für Qualitäten haben.

Trotzdem haben viele Kultureinrichtungen noch einen Geheimtipp-Charakter. Schloss Corvey beispielsweise war bis zur Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe überregional nur wenig bekannt.

Ich erlebe, dass die Touristiker und Politiker vor Ort schon sehr viel leisten, um die lokalen oder regionalen Perlen zum Funkeln zu bringen. Die Route Industriekultur, die Fernwanderwege im Sauerland und Teutoburger Wald, die Radlandschaft im Münsterland oder auch die Jakobswege, die wir beim LWL neu in Szene gesetzt haben, sind überregional bekannt. Wenn ein touristisches oder kulturelles Angebot deutschlandweit kommuniziert werden soll, ist es aber wichtig, sich auf einzelne Qualitäten zu konzentrieren. Wenn zu vieles gleichzeitig nach vorne drängt, besteht die Gefahr sich zu verzetteln.

Haben Sie einen Geheimtipp in Westfalen, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte?

Das Zentrum für Lichtkunst in Unna ist eine ganz tolle Einrichtung, die vielen Menschen gar nicht bekannt ist. Und wenn man bereit ist, etwas weiter zu fahren – Westfalen-Lippe ist ja groß – kann ich unsere Glashütte Gernheim bei Petershagen sehr empfehlen. Ein Riesen-Event wird mit Sicherheit auch der Westfalen-Slam, den die Westfalen-Initiative am 19. Juli in Lippstadt organisiert – da lohnt es sich auf jeden Fall hinzugehen.

Sie stammen aus Niedersachsen, leben aber seit vielen Jahren im Münsterland. Sind Sie mittlerweile ein echter Westfale?

Die Niedersachsen sind von den Westfalen sowohl regional als auch mental gar nicht so weit entfernt. Hinzu kommt, dass ich jetzt seit 30 Jahren im Münsterland lebe. Das war und ist eine prägende Zeit, in der Westfalen meine Heimat wurde.

(Westfalen heute)


 


 

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