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  • 03.08.2015, 10:56 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Handwerk

Hans Hund fordert Gleichstellung der beruflichen Ausbildung

Im Handwerk gibt es über 130 Ausbildungsberufe. Handwerk ist heute Hightech, Handwerk ist kreativ und Handwerk bietet jede Menge Chancen. Die Handwerkskammer Münster wirbt: „Schule fertig! Glückwunsch – wir brauchen Dich.“ Auch der Präsident der Handwerkskammer Münster, Hans Hund, ist mit 14 Jahren als Elektroinstallateur und Kälteanlagenbauer in die Lehre gegangen. 1981 hat er sich selbstständig gemacht. Mindestens 70 Lehrlinge hat er seitdem in seinem Betrieb ausgebildet. Redakteurin Gabriele Hillmoth sprach mit ihm über die Bedeutung einer fundierten Ausbildung.

Wie viele Auszubildende sind in den Mitgliedsbetrieben der Handwerkskammer Münster beschäftigt?

Hund: Wir haben rund 28 000 Mitgliedsbetriebe, in denen aktuell etwa 15 000 eingetragene Lehrlinge ausgebildet werden. Am 1. August beginnt für 3453 neue Handwerkslehrlinge im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region die Ausbildung. Es wird ja hier und dort immer wieder unterstellt, dass das Handwerk seine Bemühungen zurückfahre. Ich habe nicht den Eindruck. Es ist wohl so, dass die Eignung der Bewerber in den letzten Jahren tendenziell nachgelassen hat und immer häufiger nicht den Anforderungen der Betriebe und Ausbildungsberufe genügt.

Leidet das Handwerk unter mangelndem Nachwuchs?

Hund: Wir kommen sicher unter Druck, das ist ganz klar, wenn man sich die Schülerzahlen ansieht, die keine duale Ausbildung beginnen. Über 60 Prozent der Schulabgänger streben einen gymnasialen Abschluss an. In den meisten Fällen haben die jungen Menschen danach eine Ausbildung im Handwerk nicht mehr im Blick, sondern beginnen ein Studium. Das schränkt die Bewerberauswahl der Betriebe ein. Sie müssen oft zusehen, dass ihre Lehrstelle überhaupt besetzt wird.

Wie kann das geschehen?

Hund: Wir müssen noch mehr zeigen, wie spannend Handwerk ist. Handwerk hat Zukunft. Das sage ich nicht nur als Elektromeister mit eigenem Betrieb, das erlebe ich auch bei meinen Besuchen in Betrieben und in Gesprächen mit Mitarbeitern. Oft wird gesagt, dass das Handwerk nicht gleichwertig mit anderen Wirtschaftsbereichen sei. Wir müssen darum noch mehr in die Schulen gehen und frühzeitig informieren, dass das Handwerk eine echte Alternative ist. Wir müssen zeigen, dass mit dem Erlernen eines Handwerksberufes oft eine lebenserfüllende Geschichte beginnt, die dann vielleicht in einer Selbstständigkeit gipfelt. Auch in Berufen, die vielleicht nicht so im Fokus der Bewerber stehen, kann man wegen des herrschenden Arbeitskräftemangels gut verdienen.

Wird das Handwerk unterschätzt?

Hund: Es wird unterschätzt, welche Verdienstmöglichkeiten es oftmals im Handwerk gibt, besonders in den technischen Berufen, aber auch in anderen Branchen. Das Handwerk kann mithalten.

Welche Schulformen haben handwerklichen Nachholbedarf?

Hund: Eigentlich alle. Ich glaube tatsächlich, dass insbesondere Gymnasien stärker über Ausbildungen im Handwerk informieren müssten. Ein Handwerksberuf bietet eine echte Berufsperspektive, was ja nicht auf jedes Studium zutrifft. Die Handwerkskammer Münster hat deshalb auch Studienabbrecher im Blick. Sie wollen wir als handwerkliche Nachwuchskräfte gewinnen. Manche sind halt Spätzünder in puncto Handwerk. Generell wird das Handwerk in den allgemeinbildenden Schulen stiefmütterlich behandelt, obschon mich das wundert, weil viele Menschen in der Familie ­Handwerker haben.

Wie könnte Jugendlichen in der Ausbildung geholfen werden?

Hund: Uns macht die mangelnde Bereitschaft der jungen Leute Sorge, sich vom Heimatort wegzubewegen, Wir wünschen uns mehr Flexibilität. In einer Stadt wie Münster sind Studentenwohnheime immer ein Thema, aber früher gab es solche bezahlbaren Wohnangebote auch für Lehrlinge. Wenn wir Mobilität wollen, dann brauchen wir auch Unterstützung seitens des Landes für junge Leute, die bereit sind, für eine Ausbildung auch an einen anderen Ort zu ziehen. Das kann nicht alles der Ausbildungsbetrieb oder die Familie tragen. Mobilitätszuschüsse wären ein Beitrag zur Gleichstellung der beruflichen Ausbildung und der allgemeinen Bildung.

Stellen Sie sich auch dem Thema Flüchtlinge?

Hund: Sie sind uns willkommen. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Die Arbeitgeber benötigen ein verbindliches Bleiberecht – und zwar auch nach der Ausbildung. Die Handwerksorganisation fordert, dass ein Flüchtling nach abgeschlossener Ausbildung als Geselle noch mindestens zwei Jahre ein Bleiberecht bekommt.

Ist die Ausbildungsplatzabgabe immer noch Thema?

Hund: Die Ausbildungsplatzabgabe würde bedeuten, dass die Politik direkt in die Freiheit der Betriebe eingreift. Ich habe Sorge, dass sich viele Betriebe dann gegängelt fühlen. Die Abgabe ist zurzeit vom Tisch, aber ich befürchte, nicht auf Dauer. Statt einer Abgabe ist der Staat gefordert, Jugendlichen das nötige Rüstzeug für eine Ausbildung mitzugeben. Wir unterstützen mit berufsbegleitenden Hilfen, nur können Handwerksbetriebe keinen Reparaturdienst für Dinge leisten, die längst woanders hätten ­geleistet werden müssen.

(WN)


 


 

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