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  • 21.05.2015, 09:35 Uhr
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  • Münster / Nienberge
Handwerkskunst

Goldschmied aus Passion

Ein Meister zweier Künste referierte beim „Talk im Forum“. Josef Reifig erläuterte viel Wissenswertes über die Goldschmiedekunst, die er ab 1948 erlernte, und mit der er sich 1964 im Kreuzviertel selbstständig machte. Außerdem fesselte der 82-jährige Nienberger sein rund 50-köpfiges Publikum mit seiner Erzählkunst, die den Entstehungsprozess einiger seiner detailreichen Schätze lebendig werden ließ.

Reifig ist in seiner Nienberger Werkstatt immer noch aktiv. Zuletzt stellte er ein Modell der Adler-Lok von 1835 vor. „Die Räder sind nur drei Millimeter hoch“, sagte er zum Erstaunen der Zuhörer. Wie nebenbei ergänzte der Goldschmied mit bescheidenem Tonfall: „Die drehen sich übrigens.“

Der Trägerverein des Kulturforums hatte mit diesem Referenten einen Glücksgriff getan, denn Reifig ließ im Rückblick auf sein kreatives Schaffen auch so manches Stück der Nienberger Ortsgeschichte aufleben. Schließlich ist er dabei, „das ganze Dorf“ zu erstellen, im Maßstab 1 : 200. Wie die bereits fertig erstrahlende Kirche St. Sebastian, so sollen auch die weiteren Gebäude den Zustand um das Jahr 1900 zeigen.

Das Kriegermahnmal, das früher mitsamt Hügel, Zementkugeln, Ketten und Kreuzen vor der Kirche stand, hatte Reifig ebenfalls mitgebracht. Alte Häuser des Dorfes, die teilweise schon nicht mehr stehen, werden dank seiner akribischen Arbeit in Form ihrer Edelmetall-Miniaturen lange in Erinnerung bleiben.

Von den guten und variationsreichen Bearbeitungsmöglichkeiten des Goldes ist Reifig weiterhin fasziniert: „Sie können es schmelzen, walzen, ziehen, sägen, wiegen, gravieren und ziselieren.“

Rückblick auf die Geschichte der Goldschmiedekunst

Sein Rückblick auf die Geschichte der Goldschmiedekunst begann 5000 vor Christus, als im Gebiet des heutigen Bulgarien erstmals Gold gewonnen wurde. Seit rund 2000 vor Christus gab es nachweislich Goldgegenstände im heutigen Mitteleuropa. Wurden zunächst vorwiegend Grabbeigaben und sakrale Gegenstände wie Monstranzen gefertigt, so setzte sich später der weltliche Goldschmuck durch, berichtete Reifig. Ab dem Barock sei dieser dann immer aufwendiger gestaltet worden. Schwierig sei die Gestaltung starrer Formen, wie sie in den 1920er Jahren modern wurden.

Auf verschiedenen Kontinenten kam es ab etwa 1850 zum Goldrausch. Der größte Nugget wurde in Australien gefunden. Bei Maßen von 25 mal 63 Zentimetern wog er rund 70 Kilogramm. „Von den armen Goldsuchern ist wohl keiner reich geworden“, vermutet der Referent – eher hätten wohl die Händler am Gold verdient.

Was wertvoll ist, und warum, dafür hat Reifig sich ein gutes Gespür bewahrt: „Als ich 1948 in die Lehre ging, da waren Werkzeuge wie Sägen und Bohrer für uns Kostbarkeiten“, erinnerte er an die Zeit des Mangels nach dem Zweiten Weltkrieg. Beispielsweise seien aus Stecknadeln Bohrer angefertigt worden.

Ein Jahr Arbeit am Meisterstück

An seinem Meisterstück, dessen 1955 erstellte Zeichnung Reifig den Zuhörern zeigte, arbeitete er ein Jahr. Es wurde 1957 fertig und zeigt eine dreidimensionale Variante des Goldschmiedewappens. Mit seinen vielen abnehmbaren Figuren ist es eine wahre Liebeserklärung an dieses Handwerk.

Als das Ehepaar Reifig sich 1964 selbstständig machte, waren sie in Münster die ersten, die eine Goldschmiede-Werkstatt von Null an selbst aufbauten. Josef Reifig betont: „Wir haben nicht vom Verkauf von Fremdware gelebt, sondern von dem, was aus der Werkstatt rausging.“ Da er dort in den ersten Jahren allein tätig war, arbeitete Reifig fast rund um die Uhr.

Heute sei es ihm eine Freude, im eigenen „Auftrag“ Dinge zu erschaffen, die ihm gefallen. Zu jedem der Kunstwerke hält der Goldschmied dessen spannende Geschichte bereit.

(Ellen Bultmann, WN)


 


 

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