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  • 17.09.2015, 15:43 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Interview

„Die 4. Industrielle Revolution gestalten“

Im Vorfeld der Auftaktveranstaltung zur neuen gfw-Veranstaltungsreihe führte Ansgar Burchard (gfw) ein Interview mit Prof. Dr.-Ing Jürgen Gausemeier (Heinz Nixdorf Institut Universität Paderborn) zum Thema "Industrie 4.0". Die Veranstaltung findet am 23.09.2015 ab 17.30 Uhr im SparkassenForum Warendorf statt.

Was ist das Neue an dem Thema „Industrie 4.0“, dass man sogar von einer „vierten industriellen Revolution“ spricht?

Wir verstehen darunter die Ad hoc-Vernetzung von intelligenten Maschinen, Betriebsmitteln, Produkten bzw. Werkstücken sowie Lager- und Transportsystemen via Internet zu leistungsfähigen Wertschöpfungsnetzwerken. Basis dafür ist das sogenannte Internet of Things, wofür auch der Begriff Cyber-Physical Systems steht, was simpel ausgedrückt heißt, dass physische Systeme wie Maschinen und Werkstücke über das Internet kommunizieren . Der Weg zu dem neuen Leitbild Industrie 4.0 verläuft evolutionär; die Auswirkungen auf das System industrielle Produktion werden retrospektiv den Charakter einer Revolution haben.

Was sind die besonderen Herausforderungen für den Mittelstand bei dem Thema Industrie 4.0?

Das muss man differenziert betrachten, weil das von der Positionierung des einzelnen Unternehmens in der Wettbewerbsarena abhängt. Deutschland versucht ja, sich als Leitmarkt und Leitanbieter zu positionieren. Das wird als so genannte Duale Strategie bezeichnet. Unternehmen, die der Leitmarkt-Ausrichtung folgen, versuchen, ihre Marktleistung durch Industrie 4.0 rationeller zu erbringen und sich vor allem als potentielle Partner in Wertschöpfungsnetzwerken auf Zeit zu positionieren. Allerdings besteht hier die Gefahr, ein austauschbarer Ausführer zu werden, der den Kontakt zum Endkunden verloren hat, es sei denn, das Unternehmen hat ausgesprochene komplementäre Kompetenzen, die es für Allianzen auf Zeit attraktiv machen. Unternehmen mit Leitanbieterausrichtung liefern Industrie 4.0-Ausrüstung für die globalen Märkte. Gerade der deutsche Maschinenbau hat hier besonders gute Karten, wenn es den Unternehmen gelingt, die faszinierenden Möglichkeiten der Digitalisierung in attraktive Marktleistungen verbunden mit innovativen Geschäftsmodellen umzumünzen.

Werden Menschen durch die zunehmende Vernetzung der Maschinen überflüssig oder befeuert Industrie 4.0 stattdessen noch den Bedarf an Fachkräften?

Die Arbeitswelt wird sich gravierend verändern. Fachleute sprechen hier bereits von Arbeit 4.0. Deutlich abzusehen ist, dass in vielen Bereichen die Arbeitsinhalte angereichert werden – der Bediener wird zum Entscheider. Die Zusammenarbeit mit intelligenten Computersystemen wird gang und gäbe sein. Wir sind allerdings gut beraten auch denkbare negative Entwicklungen für die Arbeitnehmer ins Kalkül zu ziehen, um rechtzeitig gegenzusteuern. Beispielsweise habe ich erhebliche Zweifel, ob tatsächlich jeder Bediener zum Entscheider wird. Möglicherweise benötigen wir gar nicht so viele Entscheider. Des Weiteren zeichnet sich auch die Gefahr ab, dass die vermeintlichen Entscheider zu Getriebenen der Assistenzsysteme und der Algorithmen werden. Ich habe aber keine Zweifel, dass wir derartige negative Entwicklungen vermeiden können, wie es uns auch gelungen ist, die menschenleere Fabrik abzuhaken.

Welche Rolle nehmen Kooperationen mit Fachhochschulen und Universitäten ein?

Lassen Sie mich das am Beispiel des Spitzenclusters it´s OWL erläutern, der den Hochschulen und der Wirtschaft erhebliche Impulse auf dem Weg in eine erfolgreiche Zukunft gibt, die durch die Digitalisierung geprägt wird. Im Vordergrund des Spitzenclusters stehen Innovationen, also frei nach Schumpeter Inventionen, die sich im Markt durchsetzen und unternehmerischen Erfolg bringen. Daran mitzuwirken, motiviert sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Es ist doch viel spannender, statt für die Bibliothek an der Verwirklichung brillanter Ideen zu arbeiten, die am Ende zu neuen Arbeitsplätzen führen und den Wohlstand erhalten. Damit die Transformation hin zu Industrie 4.0 gelingt, ist eine enge Zusammenarbeit von Partnern eines Wertschöpfungsnetzwerkes, aber auch von Wirtschaft und Wissenschaft essentiell. Die oft noch anzutreffende Kooperationsphobie muss überwunden werden. Das ist uns ausgezeichnet gelungen. In den 45 Projekten des Spitzenclusters mit einem Gesamtvolumen von 100 Mio. Euro arbeiten Industrie und Spitzenforschungseinrichtungen gemeinsam an innovativen Produkten, Produktionssystemen und Dienstleistungen für die Märkte von morgen.

Eine letzte – persönliche – Frage. Was muss eintreten, damit Sie am Ende von sich sagen können: „Ich war mit meiner Mission erfolgreich“?

Dass die gesetzten Ziele erreicht werden. Meine Leidenschaft ist das Entwerfen kühner Strategien und selbstredend damit verbunden, andere Menschen dafür zu gewinnen und daran auch selbst mitzuwirken eine Vision auch zu realisieren. Der Spitzencluster ist sozusagen mein anspruchsvollstes Strategieprojekt. Es hat die Region zusammengebracht und der Wirtschaft und den Hochschulen wichtige Impulse verliehen. Dies äußert sich auch in einer der herausragenden Stärken des Spitzenclusters mit seinen gut 200 Partnern, die wir als kulturelle Affinität bezeichnen. Wir verstehen darunter das hohe Maß an Kooperationskultur und Gemeinschaftsgeist. Diese Stärke hat sich in den vergangenen drei Jahren herausgebildet. Dieser Prozess war für mich eine tolle Erfahrung.

(gfw Ges. für wirtschafts.)


 


 

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