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  • 20.01.2015, 09:16 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Interview Finanzmärkte

Anhaltende Niedrigzinsphase und Kunst als bewegliches Gut

Die Notenbanken überfluten die Finanzmärkte mit Geld, die Zinsen sind im Keller. Trotzdem gibt es noch genug Arbeit für staatliche Förderbanken, sagt der Vorstandsvorsitzende der NRW-Bank Klaus Neuhaus. Andreas Fier sprach mit dem Banker über niedrige Zinsen, stagnierenden Wohnbau und hohe Kunstpreise, nachdem die NRW-Tochter Westspiel unlängst zwei Warhol-Bilder versteigert hatte.

Mal angenommen, Ihnen hätte vor zehn Jahren jemand prophezeit, dass im Jahr 2015 negative Zinsen erhoben werden. Hätten Sie daran geglaubt?

Klaus Neuhaus: Nein. Das wäre damals unvorstellbar gewesen. Zinsen sind ja eigentlich ein Entgelt für bereitgestelltes Kapital. Deshalb dürfte es nach dieser Definition gar keine Negativzinsen geben. Durch die derzeitigen Marktverhältnisse ist dieser Fall nun doch eingetreten. Ich befürchte, dass diese Phase mittelfristig noch anhalten wird.

Welche Folgen wird das haben?

Neuhaus: Das niedrige Zinsniveau soll vor allem die Nachfrage in den südeuropäischen Ländern stimulieren und die Erholungsphase beschleunigen – wir haben aber in Deutschland gesehen, dass die niedrigen Zinsen kaum Auswirkung auf die Kreditnachfrage haben. Viele Firmen sind in ihrem Investitionsverhalten auch weiterhin sehr zurückhaltend.

Die aktuelle Diskussion zeigt, dass das bei Griechenland nicht so gut funktioniert hat, oder?

Neuhaus: Ziel war es, Griechenland mit dem niedrigen Zinsniveau Zeit zu verschaffen, seine Wirtschaft nachhaltig zu stabilisieren. Es gibt auch Erfolge – Griechenland hat große Fortschritte gemacht. Aber in Summe reichen sie nicht aus. Das ist in anderen südeuropäischen Ländern anders. Portugal und Spanien sind beispielsweise auf einem sehr guten Weg und konnten sich im vergangenen Jahr jederzeit am Kapitalmarkt refinanzieren.

Stichwort Kapitalmarkt – macht die EZB den Förderbanken mit ihrer Niedrigzinspolitik Konkurrenz ?

Neuhaus: Die EZB steht nicht im Wettbewerb mit den Förderbanken. Sie merken zu Recht an, dass beim derzeitigen Niedrigzinsniveau die Möglichkeiten, über den Zinssatz Anreize zu schaffen, begrenzt sind. Förderung kann aber auch durch Haftungsfreistellungen erfolgen, mit denen wir den Hausbanken eine Entlastung für ihr Kreditgeschäft verschaffen, oder durch Beratungsangebote. Insgesamt wird das Neugeschäftsvolumen für das Fördergeschäft 2014 voraussichtlich leicht unter den Vorjahreszahlen liegen, aber immer noch auf einem stabilen Niveau.

Die NRW-Bank muss in den Bankenrettungsfonds einzahlen, obwohl sie gar nicht im klassischen Bankengeschäft tätig ist. Ist das gerecht?

Neuhaus: Die Frage ist nicht, ob das gerecht ist. Ich halte es vielmehr für ordnungspolitisch zweifelhaft, wenn eine Bank mit staatlichen Aufgaben in einen Rettungsfonds für private Organisationen einzahlen muss. Wir könnten diese Rettungsmechanismen selbst hypothetisch niemals in Anspruch nehmen. Als staatliche Förderbank haben wir Garantien des Landes Nordrhein-Westfalen, die für jede Verbindlichkeit sofort fällig sind.

Also haftet am Ende doch weiter der Steuerzahler für die Fehler der Privatbanken?

Neuhaus: Ja. Genau das kritisiere ich. Wir unterstützen die im Wettbewerb stehenden Geschäftsbanken. Hinzu kommt, dass die Förderbanken gegründet wurden, um Unterstützung für struktur- und wirtschaftspolitisch relevante Themen zu leisten. Diese Förderleistung wird natürlich eingeschränkt, wenn jährlich ein nicht unerheblicher Betrag in den Rettungsfonds eingezahlt werden muss.

Lassen Sie uns in Gedanken einmal quer durchs Münsterland fahren. Wo finden wir das größte Projekt der NRW-Bank?

Neuhaus: Das ist schwer zu sagen, weil es viele Projekte sind. Da ist zum einen der Bereich sozialer Wohnraum, zu dem auch der Bau von Studentenwohnheimen gehört. Das farbenfrohe Studentenwohnheim an der Boeselagerstraße in Münster ist zum Beispiel mit Mitteln der NRW-Bank errichtet worden. In der Mittelstandsfinanzierung gibt es viele Unternehmen, die für Investitionen Darlehen der NRW-Bank in Anspruch genommen haben. Wir haben beispielsweise die Super-Biomärkte unterstützt. Oder – im Gründungsbereich – haben wir den „Kaffeefreund“ unterstützt, den viele Münsteraner kennen.

Stichwort Wohnraumförderung: Wird knapper Wohnraum in den kommenden Jahren zu einem großen Problem werden?

Neuhaus: Durch das niedrige Zinsniveau werden die Mittel für die soziale Wohnraumförderung derzeit nicht so stark nachgefragt wie in den vergangenen Jahren. Ein Investor, der preiswerte Mietwohnungen mit Mitteln der sozialen Wohnraumförderung baut, muss beispielsweise Auflagen hinsichtlich der Mieten erfüllen. Beim derzeitigen Zinsniveau kann der Investor aber auch ohne diese Auflagen Wohnprojekte am freien Markt günstig finanzieren. Das führt dann zu einer Verknappung von bezahlbarem Wohnraum. In diesem Jahr hatte die NRW-Bank 800 Millionen Euro für die Wohnraumförderung eingeplant. Dieses Ziel werden wir wohl nicht ganz erreichen.

In diesen Tagen muss man auch über das Thema Kunst sprechen. Gehört es zu den Aufgaben einer Bank, sich um die Kunst zu kümmern?

Neuhaus: Ziel des Kunstengagements der NRW-Bank ist die Förderung junger Künstler aus Nordrhein-Westfalen – dem Sinn und Zweck einer Förderbank entsprechend. Deshalb sind wir Partnerschaften mit den Kunstakademien in Münster und Düsseldorf eingegangen und organisieren gemeinsam regelmäßige Ausstellungen in unseren Häusern. Zusätzlich haben wir an beiden Standorten Kunst am Bau. In Münster ist das die Skulptur „Bit Reflection“.

Hat sich das Verhältnis von Banken und Kunst über die Jahre verändert? Früher haben Banken Werke von namhaften Künstlern gekauft.

Neuhaus: In der Vergangenheit hat auch die NRW-Bank Werke bekannter Künstler erworben. Das Bild „Hüter der Schwelle“ von Sigmar Polke haben wir gerade erst dem LWL-Museum in Münster als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt, das Werk „Primavera“ geht an die Kunstsammlung NRW. Diese Form des Kunsterwerbs findet aber bei uns seit 2010 nicht mehr statt. Das heißt jedoch nicht, dass sich das Verhalten aller Unternehmen in Bezug auf den Erwerb von Kunst verändert hat, das entscheidet jedes Unternehmen für sich.

Trotzdem wird derzeit in erster Linie über den Verkauf von Kunst gesprochen. Hat sich der Markt verändert? Oder hat sich die Lage der Banken verändert?

Neuhaus: Wer Kunstgegenstände sein Eigen nennt, muss auch immer die Gelegenheit haben, diese Kunst wieder veräußern zu können. Das ist auch für den Künstler hilfreich. Wenn Kunst nicht verkauft werden kann, schafft man einen toten Markt. Kunst ist ein bewegliches Gut, bei dem der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Aus meiner Sicht müssen wir aufpassen, dass die aktuelle öffentliche Diskussion nicht dazu führt, dass Unternehmen sich zukünftig davor scheuen, in Kunst zu investieren – damit wäre keinem geholfen.

(Andreas Fier, WN)


 


 

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