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  • 08.04.2014, 10:47 Uhr
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  • Münster / Düsseldorf
Volks- und Raiffeisenbanken in Europa

„Die Lunte brennt an beiden Enden“

Massive Wettbewerbsverzerrungen zulasten regionaler Banken beklagt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie. Sogenannte systemrelevante Banken profitierten von milliardenschweren Zinsvorteilen. Im Interview berichtet Ralf W. Barkey, Vorstandsvorsitzender des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes (RWGV), über die Stellung der Volks- und Raiffeisenbanken in Europa.

Hat das genossenschaftliche Bankensystem, so wie wir es kennen, zu wenig Fürsprecher in Europa?

Ralf W. Barkey: Wenn man Europa in der Gesamtheit sieht, trifft dies sicher zu. Es besteht ein Grundproblem: Wir betonen in Europa immer wieder, dass wir nach Best-practice-Beispielen leben wollen, doch im Bankenbereich tun wir dies zu wenig. Dabei gibt es gute Chancen, genossenschaftliches Bankenwesen auch in anderen Ländern Europas deutlich zu entwickeln.

Wo genau?

Barkey: Interessanterweise in Großbritannien, im Ur-Land der großen Geschäftsbanken, und ebenso in Belgien. In Belgien beschäftigt sich die Regierung der deutschsprachigen Gemeinschaft mit der Frage, inwieweit neu aufzubauende Genossenschaftsbanken und Energiegenossenschaften positive Struktureffekte für die Region auslösen würden. In Großbritannien hat sich die Regierung von der Notenbank und weiteren Experten beraten lassen, wie sie den Aufbau von genossenschaftlichen bzw. kleingeschäftlichen Bankenstrukturen erleichtern kann, um die Kreditversorgung im Mittelstand zu stärken. Der Hilferuf kam übrigens in Großbritannien aus dem Mittelstand. Das verfolgen wir sehr aufmerksam. Grundsätzlich müssen wir in Europa stärker darauf schauen, was sich wo bewährt hat.

Das schützt die genossenschaftlichen Banken aktuell aber nicht. Sie beklagen immer wieder den Druck, dem sie in Europa ausgesetzt sind. Wo liegt das Hauptproblem?

Barkey: Die EU-Kommission denkt – positiv ausgedrückt – stets europäisch. Sie ist darauf bedacht, auf allen Gebieten europaweit geltende Regelungen zu treffen und keine Ausnahmen zuzulassen. Auch im Bankenbereich besteht in diesem Sinne eine deutliche Neigung zur Verallgemeinerung. Meines Erachtens macht es aber wenig Sinn, den Leisten über alles zu ziehen und damit auch das zu bestrafen, was sich bewährt hat. Wir sind als Volks- und Raiffeisenbanken europäisch eingestellt und halten den europäischen Wirtschaftsraum für sehr wichtig. Aber der kluge Gedanke der Subsidiarität muss wieder stärker betont werden.

Hat die EU zu stark die großen Banken im Blick?

Barkey: Ja, der gute und 2007/2008 notwendige Ansatz der Regulatorik wird heute missbraucht, indem mithilfe der Regulierung faktisch Strukturpolitik betrieben wird. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Großbanken nach dem ersten Aufschrei für sich erkannt haben, dass sie Regulatorik bewerkstelligen können und sie ihnen sogar die Möglichkeit bietet, kleine Banken und andere Geschäftsmodelle aus dem Markt zu drängen. In der EZB und in EU-Kommission erkennt man dies nicht oder will man dies nicht erkennen.

Wenn es so eine Strategie gibt, sind die Genossenschaftsbanken dann einer Gefahr ausgesetzt?

Barkey: Eine Gefahr müssen wir auf lange Sicht tatsächlich sehen. Wir haben auf der einen Seite einen politisch motivierten Niedrigzins und auf der anderen Seite eine ausufernde und durchdringende Regulatorik mit umfassenden Eingriffsrechten der EZB. Letzteres erfordert bei den Mitgliedsbanken im Gebiet des RWGV schon heute den Einsatz von 180 zusätzlichen Mitarbeitern pro Jahr. Wir reden hier über Ausgaben von rund 20 Millionen Euro. Und dies soll noch nicht das Ende sein. Um es plastisch auszudrücken: Da brennt die Lunte an zwei Enden.

Was sagt die Politik dazu?

Barkey: Die Landesregierungen in Düsseldorf und Mainz sind sehr nah am Thema. Sie wissen ebenso wie die Politiker vor Ort heute ganz genau, was sie an ihren Sparkassen, an den Volks- und Raiffeisenbanken und deren vielfältigen Leistungen für die Regionen haben. Gemeinsam decken wir über 70 Prozent des Kreditvolumens für die gesamte mittelständische Wirtschaft ab. Erfreulich ist, dass unser Geschäftsmodell nach wie vor so erfolgreich ist, dass wir für die so wichtige Eigenkapitalquote etwas tun konnten. Die Bilanzsumme der 29 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Münster und den vier Münsterlandkreisen hat sich zum Beispiel im vergangenen Jahr um zwei Prozent auf 15,4 Mrd. Euro erhöht. Man vertraut uns.

Niedrige Einlagezinsen, hohe Dispogebühren – da wird manch einer sagen, dass das „blaue Sparbuch“ der EU keine schlechte Idee ist. Warum soll ich nicht vom Fortschritt in Europa profitieren?

Barkey: Neben dem politisch motivierten Niedrigzins wäre dies der zweite Fehlgriff. Damit wird nichts besser. In den südlichen Ländern besteht das Problem ja nicht darin, dass es an billigem Geld fehlt. Die eigenen Banken trauen dort ihrer Wirtschaft und ihrer Politik nicht. Statt eines „blauen Sparbuchs“ sollte es in diesen Bereichen lieber blau-orange Banken geben. Wir können nicht den Markt systematisch ausschalten. Das hätte auf Dauer verheerende Folgen. Schon heute wird der Wettbewerb laut OECD-Untersuchung durch milliardenschwere Zinsvorteile der systemrelevanten Großbanken verzerrt. Investoren leihen diesen Banken zu sehr günstigen Konditionen Geld, weil sie sich darauf verlassen, dass der Staat sie notfalls retten würde. Für jede unserer Volks- und Raiffeisenbanken birgt dies im Schnitt einen rechnerischen Nachteil von neun Millionen Euro pro Jahr.

(Wolfgang Kleideiter, WN)


 


 

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