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  • 27.11.2012, 16:42 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Interview

Schriftsteller Burkhard Spinnen über das Literaturland Westfalen und virtuelle Welten

In Burkhard Spinnens neuem Roman „Nevena“ prallt die virtuelle Welt von Online-Rollenspielen auf die Wirklichkeit im vom Krieg gezeichneten ehemaligen Jugoslawien. Im Interview spricht der Münsteraner Autor über seine Romanrecherchen, das Projekt „Phäakengespräche“ und über Westfalen als Literaturland.

Herr Spinnen, Sie leben seit über 30 Jahren in Münster und haben hier viele Aufsätze, Glossen und Romane geschrieben, zuletzt „Nevena“. Ist Münster eine anregende Umgebung?

Das ist eine Frage des Temperaments. Es gibt Autoren, die brauchen eine pulsierende Großstadt und es gibt welche, die den Rückzug brauchen. Münster ist irgendwo dazwischen: Die Stadt ist ruhig, fordert einen nicht permanent, und trotzdem kann ich mir mit meinen Jungs den neuen James Bond ansehen, ohne 100 Kilometer mit dem Auto fahren zu müssen.

Wird es von Ihnen jemals einen Roman geben, der in Münster spielt?

Ich habe in meinen Geschichten schon viele Male auf Gegebenheiten aus Münster zurückgegriffen, allerdings ohne die Stadt beim Namen zu nennen. Das wäre auch eine heikle Angelegenheit, denn ein Text, der in Münster spielt, wäre auch immer deutlich von der Stadt geprägt. Da könnte dann schnell die Grenze zur Heimat-Literatur überschritten sein.

Ihr neuer Roman „Nevena“ spielt zum Teil in der virtuellen Welt eines Online-Rollenspiels.

Ein Thema, für das ich nicht lange recherchieren musste, denn ich kenne solche Spiele sehr gut. Meine Jungs fingen irgendwann an, sich dafür zu interessieren und dann habe ich mich mit ihnen hingesetzt und die Spiele gespielt. Ich wollte wissen, um was es dabei geht, wie es funktioniert und was das Faszinierende ist.

Auch das ehemalige Jugoslawien ist ein wichtiger Schauplatz. Da wird Ihre Recherche aufwendiger gewesen sein.

Genau wie die Hauptfiguren Henner und Patrick bin ich mit meinem Sohn in einem alten Wohnmobil durch das ehemalige Jugoslawien gefahren. Wir waren knapp zwei Wochen unterwegs, unter anderem in Mostar und Sarajevo. Um eine Stadt wirklich kennenzulernen, gibt es keine Alternative als da hinzufahren, morgens früh aufzustehen und dann rumzulaufen. Dabei wird man mit Menschen und Dingen konfrontiert, die einem youtube nicht bieten kann.

Ihr Projekt „Phäakengespräche“ beim Festival „literaturland westfalen“ gibt ebenfalls Einblicke in ferne Länder: Sie laden internationale Autoren ein, die von der Literatur ihrer Heimat erzählen.

Bei uns in Deutschland haben Autorinnen und Autoren gegenwärtig nur minimalen Einfluss auf Politik oder Soziales. Aber wie sieht das in anderen Ländern aus? Kaum jemand weiß zum Beispiel, welche Rolle die Literatur bei der Revolution in den nordafrikanischen Ländern spielte. Also laden wir bei den Phäakengesprächen Autoren aus Ägypten oder Libyen ein und fragen sie danach. Das finde ich rasend interessant.

Die Phäaken sind in der griechischen Mythologie ein Volk, das als sehr zugeknöpft und reserviert gilt. Gibt es da Parallelen zu Westfalen?

Das ist nicht zu leugnen. Die Reihe passt aber nicht nur deshalb gut ins Literaturland Westfalen.

Ist Westfalen denn ein Literaturland?

Man kann vielleicht sagen, dass eine Gegend gut für Kartoffeln oder Rotwein ist, aber bei Literatur ist diese Frage im 21. Jahrhundert obsolet. Vor 200 Jahren war es vielleicht so, dass man in Paris oder München leben musste, wenn man sich über aktuelle Literatur unterhalten wollte. Mittlerweile haben aber auch die Menschen in Coesfeld einen Netzanschluss und interessante Veranstaltungen vor der Haustür. Es wird einem doch nichts mehr vorenthalten. Relevant bleibt die Frage natürlich, wenn es um Fördermittel geht, denn die sind oft Ländersache und da kommen die Regionen dann doch wieder ins Spiel.

Zum Beispiel bei Burg Hülshoff. Was halten Sie davon, dass im Geburtshaus von Annette von Droste-Hülshoff ein Literaturzentrum eingerichtet wird?

Ich finde den Ort nicht schlecht. Münster wird allmählich stark von der Hochschulkultur geprägt, was für so ein Zentrum wichtig ist. Ob der Standort vielleicht etwas zu weit außerhalb liegt, wird sich zeigen. Trotzdem: Als Münsteraner Lokalpatriot und vor allem als Autor freue ich mich erstens, dass so etwas überhaupt kommt, und zweitens, dass es nach Münster und nicht nach Köln oder Essen kommt.

Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Juryvorsitzender beim Ingeborg-Bachmann-Preis und lesen dementsprechend viel. Haben Sie einen Lektüre-Tipp für die Wintertage?

Unabhängig von Klagenfurt habe ich vor kurzem die Neu-Übersetzung von Richard Hughes „In Bedrängnis“ gelesen: Ein sehr schräges Buch, über das man lange nachdenken kann.

(Westfalen heute)


 


 

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