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  • 03.06.2013, 09:05 Uhr
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  • Münsterland/Kanada
Kanada-Besuch

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft informiert sich über Facking-Technologie

Auf einer Fracking-Baustelle in Kanada informiert sich Ministerpräsidentin Kraft aus erster Hand über die umstrittene Erdgas-Fördertechnologie. Sie konfrontiert die Experten vor Ort mit kritischen Fragen und erhält teils überraschende Antworten.

Man ist nicht weit davon entfernt, sich gegenseitig anzuschreien. Mitten im Wald, nahe der westkanadischen Kleinstadt Dawson Creek übertönen zehn auf Hochtouren laufende Lkw-Motoren alles andere. Eine immense Geräuschkulisse. Gut sechs Stunden lang geht das so, dann werden die Maschinen gewartet, bevor sie wieder loslegen.

Seit dem 22. Mai laufen sie Tag und Nacht auf der Erdgas-Bohrstelle des kanadischen Energie-Konzerns Encana. Die lärmenden Pumpen pressen mit enormem Druck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien ins Erdreich. In zwei, drei Wochen ist alles vorbei, sind alle sieben Bohrlöcher gefrackt. Dann strömt das Schiefergas nach oben, für 25 Jahre oder länger. Im Wald von Dawson Creek wird es trotzdem nicht ruhig. Wenige Kilometer entfernt hat die nächste Bohrung begonnen.

Kritische Fragen - überraschende Antworten

So ähnlich muss man es sich wohl auch in Nordwalde vorstellen, sollte dort Exxonmobile die Genehmigung zur Erdgasförderung erhalten. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat die Szenerie lange auf sich wirken lassen. Diese Fracking -Stelle ist eines der wichtigsten Ziele ihrer Kanada-Reise: Mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören, worüber sie einmal mit entscheiden muss. Mit vielen kritischen Fragen konfrontiert sie die Encana-Experten – und erhält teils überraschende Antworten. Etwa die, dass im Wasser-Sand-Gemisch nur 0,5 Prozent Chemikalien eingesetzt werden. Die jedoch sind extrem wirkungsstark.

Krafts Skepsis gegenüber der Fördertechnologie bleibt bestehen: „Nicht nur die Risiken gilt es zu bewerten, sondern auch die Belastungen für die Bevölkerung und die Region, wenn man sich zu einem solchen Schritt entschließt“, kämpft sie mit lauter Stimme gegen das Motorendröhnen. „Wenn man sich das in einer Region wie dem Münsterland vorstellt, wird klar, was das bedeutet.“ Bis darüber eine Entscheidung fällt, muss aus Krafts Sicht eine Vielzahl von Fragen geklärt werden. „Wir sind noch lange nicht an der Stelle, dass man das in Deutschland zulassen kann. Und ich habe Zweifel, ob es überhaupt dazu kommen wird.“

Denn klar ist, dass hohe Umweltauflagen in Deutschland die Förderung von Schiefergas drastisch verteuern würden. Das rechne sich erst, wenn der Gaspreis um 50 Prozent steigt, zitiert Professor Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt Energie eine Studie. Damit sei 2018 zu rechnen. Aber auch in Kanada verschärft die Regulierungsbehörde die Auflagen. Encana zieht mit, wie Kellen Foreman erläutert. Er hat für sein Unternehmen mit der Behörde verabredet, dass alle eingesetzten Chemieprodukte samt Zusammensetzung im Internet dokumentiert werden.

Ökologische Risiken erfodern besonnenen Umgang

Die Sensibilität wächst in Kanada spürbar. Insbesondere die Provinz Alberta ist durch den Abbau von Ölsanden und die Gasförderung reich geworden. Der Preis ist ein hohes ökologisches Risiko. „Das Ganze ist ein völlig kontrollierter Prozess“, sagt Foreman über Fracking. So kämen die Berichte über Methan im Trinkwasser aus einer Region, wo das Gas aus Kohleschichten ins Grundwasser ströme – ein natürliches Phänomen. „Es gibt bisher keinen einzigen wissenschaftlichen Nachweis, dass Encana das Grundwasser verschmutzt.“

In Wheatland County stößt so ein Satz bitter auf. Seit Jahren kämpft die Kommune nahe Edmonton darum, dass Encana Schäden anerkennt. Seit sich vor einigen Jahren auf Feldern plötzlich Krater voll saurem Wasser auftaten und auch die Randbereiche durchtränkt waren, ist für die Kommunalspitze klar: Das gehe auf außer Kontrolle geratene Fracking-Versuche zurück zu führen. Verlorenes Ackerland.

„Wir sind ja nicht dagegen“, betont Bürgermeister Don Vander Velde, als er sich mit Kraft trifft. „Aber wir wollen, dass Encana besonnen mit dem Fracking umgeht und auch unsere Enkel noch auf unserem Land wirtschaften können.“ Er ist 68 Jahre alt, seine Enkelin ist eins. Bürgerbeteiligung ist in Kanada bei Bohrrechten nicht vorgesehen. Die Provinzregierung entscheidet. Vander Velde gibt Kraft mit: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, die Technologie erst zuzulassen, wenn sie sicher ist.“

(Hilmar Riemenschneider)


 


 

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