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  • 02.02.2015, 09:01 Uhr
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  • Münster / Münsterland
Kramermahl-Ehrengast

Airbus-Vorstandschef Dr. Thomas Enders im Interview

Mit dem Vorstandsvorsitzenden der Airbus Group, Dr. Thomas Enders, ist ein europäischer Spitzenmanager Ehrengast beim Kramermahl. Mit dem 56-Jährigen sprach Redakteur Martin Kalitschke.

Herr Enders, Ihr Vater war Schäfer und hatte eine Herde mit 1000 Tieren. Was konnte er Ihnen auf den Lebensweg mitgeben?

Enders: Dass man mit Biss, Ausdauer und harter Arbeit Vieles erreichen kann. Das Leben eines Schäfers ist nicht beschaulich, wie das manchmal dargestellt wird. Das ist echte Knochenarbeit.

Sie sind einer der wichtigsten Manager Europas, führen den größten Luft- und Raumfahrtkonzern und zweitgrößten Rüstungskonzern des Kontinents. Kommt es vor, dass Sie sich auf Erfahrungen aus ihrem Elternhaus besinnen?

Enders: Das tut wohl jeder von uns bis zu einem gewissen Grad. Diese Erfahrungen, vor allem die Werte, die wir in jungen Jahren vermittelt bekommen, die prägen ein Leben lang. Aber auch meine Zeit bei der Bundeswehr hat mir viel an Führungsrüstzeug vermittelt. Gute militärische Führung hat ja nichts mit „Befehl und Gehorsam“ zu tun. Menschen zu motivieren und zu einer starken Truppe zu formen, das können Sie eins zu eins auch auf Unternehmen übertragen. Bei den Fallschirmjägern habe ich außerdem gelernt, an meine physischen und mentalen Grenzen zu gehen.

War es für Sie ein Jugendtraum, mit Flugzeugen und Raumfahrzeugen zu tun zu haben?

Enders: Richtig! Und ich kann mich an eine Situation zu Hause bei meinen Eltern erinnern, als ein Hubschrauber in der Nähe unseres Hofes landete. Ich war damals vier oder fünf Jahre alt und habe zum ersten Mal einen Hubschrauber aus der Nähe gesehen. Seitdem hat mich die Luftfahrt nicht mehr losgelassen. Auf Umwegen habe ich es geschafft, dort anzukommen. Nach knapp 24 Jahren in dieser Branche kann ich Ihnen sagen: Ich kann mir keine spannendere vorstellen!

Sie fliegen seit 2005 Helikopter. Was ist es für ein Gefühl, selbst am Steuerknüppel zu sitzen?

Enders: Nun, ich kann mich für alle möglichen Fluggeräte begeistern. Ich bin unter anderem auf dem Starfighter F-104, auf der MiG 29 und auf dem Eurofighter mitgeflogen. Den Pilotenschein für Helikopter habe ich erworben, weil ich zumindest ein Luftfahrzeug meines Unternehmens selbst fliegen können wollte. Das macht einen Riesenspaß!

Sie hatten Ihr Abitur bereits mit 17 in der Tasche. Waren Sie ein Überflieger?

Enders: Nein. Ich war in einer D-Zug-Klasse, die ein Jahr übersprungen hat. Meinem Notenschnitt hat das eher geschadet. Aber ich hatte das Glück, ein Elternhaus und Lehrer zu haben, die mich gefördert und gefordert haben.

Bei der Bundeswehr waren Sie Fallschirmjäger. Wie kam es zu Ihrem Spitznamen „Major Tom“?

Enders: Den Namen hat mir der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck verpasst. Ich war ja Major der Bundeswehr. Irgendwie ist „Major Tom“ dann in den Medien zum Selbstläufer geworden. Ich kann damit gut leben. (lacht)

Seit gut einem Jahr heißt EADS bereits Airbus Group. Sind Sie mit der Entwicklung des Unternehmens seitdem zufrieden?

Enders: Durchaus. Der neue Name wurde intern und extern sehr gut aufgenommen. Airbus ist unsere stärkste Marke und trägt zu zwei Dritteln zum Umsatz bei. Insofern ist es folgerichtig, dass wir diesen weltweit bekannten Namen jetzt für die gesamte Gruppe nutzen.

Der Einfluss der Politik wurde zurückgedrängt. Begrüßen Sie das?

Enders: Die Politik spielt in der Luft- und Raumfahrt überall auf der Welt eine wichtige Rolle. Regierungen geben den gesetzlichen Rahmen für unsere Industrie vor und sind zugleich wichtige Kunden. Hier ging es darum, dass Regierungen nicht direkt auf unternehmerische Entscheidungen Einfluss nehmen sollten. Das haben wir mit der Änderung unserer Unternehmensverfassung 2013 erreicht. Insofern sind wir jetzt ein ganz normales Unternehmen.

2014 war für Airbus ein Rekordjahr – zumindest in Sachen Flugzeugbestellungen. Können Sie das konkretisieren?

Enders: 2014 hat Airbus seine Ziele nicht nur erreicht, sondern übertroffen. Mit 629 ausgelieferten Flugzeugen hat Airbus einen neuen Rekord aufgestellt. Ein Höhepunkt war die erste Auslieferung unserer neuen A350 an Qatar­­­ Airways. Was die neuen Bestellungen angeht, so war 2014 für uns das zweitbeste Jahr in der Geschichte. Wir haben jetzt einen Auftragsbestand von mehr als 6000 Flugzeugen.

Der Schwerpunkt von Airbus ist die zivile Luftfahrt. Planen Sie, diese Entwicklung voranzutreiben? Oder soll das Engagement in der militärischen Luftfahrt stärker ausgebaut werden?

Enders: Unser Engagement in der militärischen Luftfahrt hängt von der Nachfrage nach militärischem Fluggerät ab. Wir würden gern unser Engagement im Bereich „unbemanntes Fliegen“ ausbauen, denn das ist ein Zukunftsmarkt. Aber natürlich ist und bleibt die zivile Luftfahrt unser Hauptgeschäft. Deren Gewicht dürfte in den nächsten Jahren sogar noch zunehmen.

Ist es richtig, dass Rüstungsgüter dann am stärksten nachgefragt werden, wenn es auf der Welt besonders unruhig zugeht? Wie gehen Sie mit Kritik um, die Rüstungskonzernen vorwirft, auf diese Weise zu profitieren?

Enders: Europäische Unternehmen können Rüstungsgüter nur nach vorheriger Billigung durch die jeweilige Regierung exportieren. Das heißt aber auch: Rüstungsexport ist ein Instrument der Politik. Insofern geht die häufig geäußerte Kritik ins Leere. Im Übrigen wird der Rüstungsexport in Deutschland besonders streng reguliert.

Ende 2014 zeichnete sich ab, dass die A380 ein Auslaufmodell sein könnte.

Enders: Ich bin davon überzeugt, dass wir dieses große Flugzeug noch viele Jahre produzieren werden. Etwa 150 Flugzeuge dieses Typs sind bereits weltweit im Einsatz. Modernisierungen werden die A380 noch attraktiver machen.

Ist die A350 der neue Hoffnungsträger von Airbus?

Enders: Die A350, deren Auslieferung an die Airlines im Dezember anlief, ist der modernste und effizienteste Langstreckenflieger der Welt. Wir haben schon einen Auftragsbestand von fast 800 und schätzen den Weltmarkt für diesen Typ auf mehrere Tausend Flugzeuge. Die A350 wird auf Jahrzehnte hinaus eines der wichtigsten Produkte der gesamten Airbus-Gruppe sein.

Sehen Sie Chancen, den ewigen Konkurrenten Boeing dauerhaft abzuhängen?

Enders: Das Duopol in unserer Branche wird wohl noch einige Zeit Bestand haben. Als Nächstes werden uns die Chinesen herausfordern, so wie wir vor 40 Jahren Boeing herausgefordert haben. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Unser Ziel ist es, technologisch immer den entscheidenden Schritt voraus zu sein und einfach die besten Flugzeuge zu bauen. Dann bleiben wir auch an der Spitze.

Sie haben vier Söhne. Konnte sich einer von ihnen für die Luft- oder Raumfahrt begeistern?

Enders: Meine Söhne begeistern sich alle fürs Fliegen. Das reicht von Fallschirmspringen übers Segelfliegen bis zum Studium der Luft- und Raumfahrt.

Würden Sie einmal gerne ins All fliegen?

Enders: Aber natürlich, ich bin doch Major Tom, und der war bekanntlich Astronaut. (lacht) Momentan habe ich andere Prioritäten, aber ich kann mir vorstellen, in einigen Jahren mit Richard Bransons Virgin Galactic einen Abstecher ins All zu machen, als Weltraumtourist.

Schaut sich ein Raumfahrtmanager „Raumschiff Enterprise“ an?

Enders: Ich bin wie jeder in meiner Generation mit Serien wie „Raumschiff Enterprise“ aufgewachsen, und natürlich habe ich mir auch die „Star Wars“-Filme angeguckt. Momentan gibt es ja eine regelrechte Renaissance der Raumfahrt. Und der Impuls kommt wieder aus den USA. Diesmal von privaten Unternehmern wie Richard Branson und Elon Musk. Das wird der Raumfahrtbranche neue Dynamik verleihen.

Haben Sie eine Beziehung zu Münster?

Enders: Ich habe die Stadt in meiner Studienzeit mehrfach besucht, etwa zu Seminaren. Den Friedenssaal im Rathaus habe ich natürlich besucht. Aber das ist gut 30 Jahre her. Zeit also, dass ich meine Kenntnisse von Münster auffrische.

Was bedeutet es Ihnen, Ehrengast beim Kramermahl zu sein?

Enders: Das ist eine große Ehre für mich. Die Gästeliste der vergangenen Jahre spricht ja für sich. Außerdem ist der traditionelle Austausch der Ehrenpokale nicht nur ein symbolischer Akt. Ich finde, dass sich Politik und Wirtschaft durchaus hier und da enger austauschen sollten. Mir gefällt auch das Motto der Münsteraner Kaufleute: Ehre ist Zwang genug. Das ist richtig. Der Mensch vermag am besten zu wirken, wenn er aus innerem Antrieb heraus handelt, und nicht unter Druck von außen. Mit diesem liberalen Motto kann ich sehr viel anfangen.

Auf der Speisekarte stehen Grünkohl und Pumpernickel? Ist das etwas für Sie?

Enders: Ich liebe Grünkohl. Ich habe durchaus eine Schwäche für deftige Kost und freue mich daher auf das Kramermahl. (lacht)

(WN, Martin Kalitschke)


 


 

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