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  • 01.03.2013, 09:06 Uhr
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  • Münster & Münsterland
Öko-Strom und Netzausbau

Deutschland stand im Februar 2012 vor einem Beinahe-Blackout

Die vielen Seiten der Energiewende kennt Dr. Norbert Ohlms. Er ist Chef des Gemeinschaftsunternehmens Green Gecco und ehemals Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Münster.

Im Interview mit dem WN-Redakteur Martin Ellerich befürwortet Dr. Ohlms die Energiewende – und weist zugleich auf mögliche Risiken und die Kosten hin: Nach dem derzeitigen Stand führe die Ökostromförderung durch den Einspeisevorrang und die Abnahmeverpflichtung der Netzbetreiber zum Beispiel auch dazu, dass ausländische Abnehmer billigen Strom hierzulande kaufen, der von deutschen Stromkunden subventioniert wird.

Der Ökostromausbau belastet die Netze. Windstrom aus dem Norden muss in den Süden transportiert werden, dafür fehlen die Leitungen. Wie dicht sind wir eigentlich am Stromausfall?

Ohlms: Im Februar 2012 hatten wir einen Beinahe- Blackout. Das Stromnetz ist wie ein Ozeanriese: Sie brauchen einen langen Vorlauf, wenn Sie eine Wende einleiten wollen.

Wie dicht war der Ozeanriese am Eisberg „Blackout“? Hätten Sie die Rettungsboote klargemacht?

Ohlms: (lacht) Schwierige Frage. Das war schon knapp. Es kamen mehrere Faktoren zusammen: Es war europaweit extrem kalt, da ist der Stromverbrauch hoch. Es ging wenig Wind. Frankreich hat zugleich massiv Strom aus allen benachbarten Ländern abgefragt. Gaskraftwerke in Süddeutschland konnten nicht hochgefahren werden, weil sie wegen sogenannter „abschaltbarer Verträge“ in der Kälte kein Gas bekamen. Das ist inzwischen anders geregelt. Im vergangenen Winter hat uns im Prinzip gerettet, dass wenigstens die Sonne in Bayern geschienen hat. Dadurch haben mittags Fotovoltaikanlagen in Süddeutschland Strom produziert und die Transport-Hochspannungsnetze entlastet. Aber hätte es auch nur leicht geschneit ...

Draußen ist es wieder kalt, wie ist die Situation jetzt?

Ohlms: Man hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, so zusätzliche Reservekapazitäten in Österreich eingekauft, sodass in kritischen Situationen nicht so viel Strom von Norddeutschland nach Süden transportiert werden muss. Aber der Netzausbau hängt immer noch total zurück. Und: Die meisten Kernkraftwerke stehen in Süddeutschland. Ich bin sehr dafür, dass die Kernenergie abgeschaltet wird, nur brauchen wir dann neue Gaskraftwerke in Süddeutschland. Die rechnen sich wegen des Preisverfalls an den Strombörsen aber derzeit nicht. Das modernste Gaskraftwerk der Welt, Irsching IV in Bayern, ist unwirtschaftlich. Man diskutiert, ob man es abschaltet. Die Kosten für den Brennstoff Gas sind höher als der Strompreis, der sich an der Börse erzielen lässt. Hier ist dringend Handlungsbedarf.

Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat Ökostrom bei der Einspeisung Vorrang. Aber der Sonnenstrom, der mittags, wenn die Sonne scheint, massiv an die Strombörse strömt, macht die Gaskraftwerke unwirtschaftlich, die wir für die Versorgungssicherheit brauchen?

Ohlms: Da stimme ich Ihnen völlig zu. Derzeit werden neue Gaskraftwerke nicht gebaut, weil Sie sich nicht lohnen. Aber die Regenerativen sind nun einmal überwiegend volatil (schwankend). Kein Wind, kein Windstrom. Kein Sonnenschein, keine Fotovoltaik. Um die Versorgung jederzeit sicherzustellen, brauchen wir konventionelle Kraftwerke in der Hinterhand. Da muss man neue Spielregeln finden. Es gibt Vorschläge – etwa, dass man Kraftwerke schon dafür bezahlt, dass sie leistungsbereit vorgehalten werden, selbst wenn sie im konkreten Moment keinen Strom liefern.

Noch mehr Kosten für Verbraucher? In diesem Jahr macht die Preissteigerung für eine Durchschnittshaushalt bereits über 100 € aus, allein die EEG-Umlage ist inzwischen auf 180 € gewachsen ...

Ohlms: Der Strompreis wäre auch gestiegen, wenn die erneuerbaren Energien nicht ausgebaut worden wären – schon weil die Brennstoffpreise steigen. Die regenerativen Energien haben sogar ganz massiv dazu beigetragen, dass der Strompreis an der Börse gesunken ist und haben damit den Preisanstieg in gewisser Weise gedämpft. Zu meiner aktiven Zeit bei den Stadtwerken haben wir noch die Börsenstrom-Preise mit 60 € pro Megawattstunde für das Jahr 2012 prognostiziert. Tatsächlich haben die erneuerbaren Energien dazu geführt, dass die Börsenpreise massiv gesunken sind auf derzeit etwa 45 € je Megawattstunde. Gleichwohl wird die Förderung der erneuerbaren Energien direkt auf den Endkundenpreis aufgeschlagen und damit dieser Senkungseffekt überkompensiert, sodass der Kunde keine Entlastung, sondern einen Strompreisanstieg verspürt. Nur zu sagen, der Strompreis ist durch die Energiewende und die EEG-Umlage um 5,3 Cent je Kilowattstunde gestiegen, ist eine sehr verkürzte Sicht. Hinzu kommt die gestiegene Steuer auf die Umlage.

Geht es nicht auch billiger? Wir bezahlen derzeit für Öko-Strom, der produziert, aber nicht abgenommen wird, weil die Leitungen fehlen. Wir verscherbeln Öko-Strom zu Spottpreisen ins Ausland, weil wir ihn gar nicht selber verbrauchen können ...

Ohlms: Das ist ein Thema, über das man sich wirklich unterhalten müsste. Derzeit profitieren zum Beispiel ausländische Stromabnehmer davon, dass es an lastschwachen Tagen mittags, wenn die Sonne scheint, ein Überangebot an billigem Strom an den Börsen gibt. Zugleich bezahlen deutsche Stromkunden die Ökostromförderung dafür. Derzeit wird regenerativer Strom produziert, unabhängig davon, ob es überhaupt eine Nachfrage gibt.

Also müsste man den Vorrang für erneuerbaren Strom aufheben?

Ohlms: Man muss sich überlegen, ob es sinnvoll ist, zu jeder Zeit Strom einzuspeisen oder ob wir da eine Änderung brauchen. Nur: Alle Änderungen gelten immer nur für neue Anlagen. Für bestehende Anlagen gilt der Vertrauensschutz – hier ist die Vergütung auf jeweils 20 Jahre garantiert. Und: Wenn wir einen Ausbau der Ökoenergie brauchen, dann muss sich das natürlich auch künftig für Investoren rechnen, sonst macht es niemand.

Machen wir die Energiewende nicht künstlich teurer, indem wir so auf Fotovoltaik setzen?

Ohlms: Das ist eine politische Entscheidung. Der Gesetzgeber entscheidet über das Fördersystem, was wie schnell ausgebaut wird. In 2011 kamen etwa 16 Prozent der regenerativen Energie aus der Fotovoltaik, 40 Prozent aber aus der Windkraft. Die Fotovoltaik hat aber 2011 rund 50 Prozent der Förderung durch die EEGUmlage von insgesamt 16 Milliarden € bekommen und die Windenergie nur etwa ein Viertel. Das heißt: Eine Megawattstunde Fotovoltaik kostete 2011 im Schnitt rund 400 €, eine Megawattstunde Strom aus Wind 86 €. Das heißt: Fotovoltaik wurde 2011 etwa fünf Mal so stark gefördert wie Strom aus Wind. Und das ist ganz klar eine politische Entscheidung! Auch wenn inzwischen die Kosten stark gesunken sind, wurden doch große Mengen zu sehr hohen Fördersätzen ausgebaut und das mit einer Förderung über 20 Jahre pro Anlage.

Über Dr. Norbert Ohlms

Dr. Norbert Ohlms (68) war mehr als 25 Jahre lang Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Münster. Seit seiner Pensionierung 2009 ist er Geschäftsführer des Gemeinschaftsunternehmens „Green Gecco“ in Essen. Die Gesellschaft realisiert große Ökostrom- Projekte wie Windparks, die einzelne Stadtwerke alleine nicht finanzieren könnten. Green Gecco gehört zu 51 Prozent RWE Innogy, zu 49 Prozent insgesamt 29 Stadtwerken.

(Martin Ellerich)


 


 

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