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  • 15.06.2015, 09:05 Uhr
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  • Münsterland / Gescher
Produktion unter Denkmalschutz

Glockengießen ist in Gescher nach 325 Jahren noch Handarbeit

1.250 Grad heiß ist die Glockenspeise und sucht sich ihren Weg vom Ofen durch die aus Stein gebauten Kanäle zu dem Loch, unter dem die Glockenformen in Lehm eingemauert sind. So, wie es Friedrich Schiller in „Das Lied von der Glocke“ 1799 beschrieben hat, so ist es heute noch in der Glockengießerei Petit und Gebrüder Edelbrock.

Es riecht nach Feuer, der Schweiß tropft den Gesellen von der Stirn. Kein Computer, kein LED-Display – hier steht die Zeit still. Die Produktion steht unter Denkmalschutz, Glocken gießen, das ist auch nach 325 Jahren noch Handarbeit.

Clemens Weghake ist seit Januar im Ruhestand. 50 Jahre hat er in der Firma gearbeitet, gute und schlechte Zeiten erlebt. Den Guss der vier Glocken für Kirchengemeinden aus Wildemann, Hochheim und Westerstede lässt er sich trotz des Ruhestandes nicht entgehen. Mit 14 Jahren ist er in der Glockengießerei angefangen, sein Vater hat dort gearbeitet und ihn mitgenommen. „So lief das damals“, sagt er.

Größter Geschäftszweig: Wartung, Sanierung und Reparatur von Glocken

Nach wirtschaftlichen Problemen im Jahr 2012 geht es dem Unternehmen heute wieder gut, freut sich Geschäftsführer Rainer Esser. Besonders im Kunsthandwerk hat sich die Firma einen Namen gemacht. „Der größte Geschäftszweig sind aber die Wartung, Sanierung und Reparatur von Glocken“, erklärt Esser, der die Firma mit viel Herzblut führt.

„Glocken werden ja immer weniger gegossen“, weiß auch Clemens Weghake. „Kirchen schließen, werden zusammengelegt, da ist der Bedarf nicht mehr so, wie er einmal war“, sagt Esser. Früher, nach dem Zweiten Weltkrieg, da hat der Glockenguss geboomt. In Kirchen auf der ganzen Welt ruft die Bronze aus Gescher zum Kirchgang. 78 Teile Kupfer, 22 Teile Zinn, so lautet das Rezept der wohl schwersten Musikinstrumente der Welt. „Die schwerste Glocke, die wir gegossen haben, hatte 13 Tonnen“, erinnert sich Clemens Weghake. 13 Tonnen, mehr fasst der über 100 Jahre alte Ofen auch nicht. Das Geläut steht heute in Boston in Amerika. „Das vergisst man nicht“, sagt der Rentner und schaut seinen Kollegen bei der Arbeit zu, die seine Hilfe heute nicht benötigen.

Gut 3.680 Kilogramm wiegen die vier Glocken zusammen, eine davon ist von Fußballspieler Per Mertesacker für seinen Heimatort Wildemann in Niedersachsen gestiftet. „Die Familie ist dem Ort sehr verbunden“, sagt eines der Gemeindemitglieder. Von der ersten Zeichnung über den Guss bis zur Fertigstellung vergehen sechs bis acht Wochen.

Der Guss ist ein Ritual

Die am Freitag gegossenen Glocken müssen jetzt noch im Lehm auskühlen, dann werden sie daraus befreit, sauber und hübsch gemacht. „Der Ton wird geprüft und dann gehen sie auf die Reise“, erklärt Esser. Rund 120 Zuschauer sind angereist, die Pfarrer singen und beten mit den Gemeindemitgliedern. Beim Guss selbst ist es mucks­mäuschenstill. „Damit die Glockengießer ihre Kommandos verstehen, jeder Handgriff muss sitzen.“ Der Guss ist ein Ritual, so wie die Tatsache, dass Glocken nur freitags gegossen werden. „Immer um 15 Uhr“, sagt Esser. „Es ist eine Huldigung an den Herrn, der am Karfreitag ans Kreuz geschlagen wurde.“

Draußen bummeln die Gescheraner mit einem Eis durch die Innenstadt. „Längst nicht jeder hat das hier schon einmal gesehen“, sagt Weghake. Aber gehört haben die Glocken alle schon. Daran kommt in Gescher niemand vorbei.

(WN)


 


 

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